Zadie Smith: London NW

Deine Beichte ist die pure Selbstsucht, Natalie

Von Tilman Spreckelsen
 - 17:13

Die Party ist auf dem Höhepunkt, im Haus mit den vielen Gästen ebenso wie draußen auf der Straße, wo der jährliche London Carnival in der Augusthitze beginnt. Und weil es manchmal für intime Themen gar nicht laut und überfüllt genug sein kann, stellt Leah eben jetzt dem Mann ihrer besten Freundin eine indiskrete Frage: „Was ist das Geheimnis eures Glücks, Francesco?“ Ob sie betrunken sei, fragt der zurück (was sie zweifellos ist), antwortet dann aber doch. „Wir erzählen uns alles“, sagt er, und Leah, die schon seit längerem glaubt, ihre liebste Freundin aus Schultagen an den reichen Banker Francesco und seinen Lebensstil verloren zu haben, muss diese Antwort als Bestätigung ihrer Befürchtung empfinden.

Als dann jene Natalie, die zunächst mit den beiden Kindern auf einem der Karnevalswagen mitgefahren war, tatsächlich auch noch auf der Party erscheint, beobachtet Leah die Begegnung zwischen ihr und Francesco: „Sie sieht, wie der Mann seine Frau mustert und die Frau ihren Mann. Sie sieht kein Lächeln, kein Nicken, kein Winken, kein Erkennen, keine Verständigung, kein gar nichts.“ Ob das nun ein Zeichen ganz besonderer Vertrautheit ist, die Gesten eben nicht mehr nötig hat, oder etwas ganz anderes, bleibt zunächst unerklärt in Zadie Smith’ Roman „London NW“. Über Leah aber heißt es wenige Sätze später am Ende des Kapitels, sie habe nun überraschenderweise auf der Party „tatsächlich richtig Spaß“.

Vom Schulschwarm zum Drogendealer

Sieben Jahre ist es her, dass der letzte Roman von Smith erschien. Ihr Debüt „Zähne zeigen“ hatte die damals fünfundzwanzigjährige Autorin im Jahr 2000 weltberühmt gemacht, es folgten die Romane „Der Autogrammhändler“ und „Von der Schönheit“ sowie eine Reihe von Kurzgeschichten und Essays zu literarischen und populärkulturellen Themen. „London NW“ greift weiter aus, und der Roman ist vor allem formal ambitionierter: In fünf Teilen erzählt Smith von vier Londonern zwischen dreißig und vierzig, die alle im selben ärmlichen Viertel zur Schule gegangen sind.

Da ist Leah, die Sozialarbeiterin geworden ist und mit ihrem Mann, dem Friseur Michel, nicht weit entfernt der alten Heimat wohnt. Dann die Rechtsanwältin Natalie, die sich den Aufstieg in die Oberschicht hart und, wie es scheint, widerwillig erkämpft hat. Felix, der von einer Filmkarriere träumte und eine Drogensucht überstanden hat. Und schließlich Nathan, ehemals Schulschwarm und angehender Profifußballer, heute Junkie, Dealer und Zuhälter.

An Joyce geschult

Drei Teile des Romans sind jeweils aus der Perspektive von Leah, Felix und Natalie erzählt, ein vierter berichtet von einer langen Begegnung zwischen Natalie und Nathan, der fünfte schließlich führt die ausgelegten Fäden zusammen. Jeder dieser Teile ist unterschiedlich geschrieben, auch die erzählte Zeit umfasst mal einen einzigen Tag, mal ein ganzes Leben, und zwischen durchaus konventionelle narrative Passagen stellt die Autorin immer wieder die Abbildung eines Bewusstseinsstromes und durchsetzt die Gedankenkaskaden gern mit Fetzen aus dem Geschnatter der anderen - nicht nur dort erweist sie Joyce’ „Ulysses“ ihre Reverenz, und dass man Londons Stadtteil Kilburn ebenso wie Dublin anhand von aneinandergereihten Gerüchen und Geräuschen bestens evozieren kann, zeigt sie auch.

Kilburn also - Straßen, Geschäfte, Busfahrten, aber auch die Erinnerung an Orte oder die Sehnsucht danach, ein bestimmtes Zimmer wiederzusehen: Nichts, was sich hier im überwiegend von Migranten bewohnten Viertel abspielt, ist bloß dekorativ, alles kommt im Wesentlichen so auf uns, wie es der Perspektive der Hauptfiguren entspricht. Was Heimat mit Identität zu tun hat, loten sie hartnäckig aus, und besonders Natalie ist den Verhältnissen ihrer Kindheit mit einer Art Hassliebe verbunden.

Wankend durch Krisenzeiten

Einerseits nimmt sie ihr Studium sehr ernst, um aus all dem herauszukommen, sie ändert irgendwann sogar ihren Namen (getauft wurde sie „Keisha“), lässt die laufbahngefährdende Rebellion ihrer Busenfreundin Leah an sich vorübergehen und weiß die Möglichkeiten durchaus zu schätzen, die der gewonnene Status ihr und vor allem ihrer Familie bietet. Andererseits besitzt die farbige Aufsteigerin ein profundes Klassenbewusstsein und arbeitet zunächst in einer Organisation, die sich für soziale Belange einsetzt - und als sie später dann doch auf die andere Seite wechselt, nicht zuletzt, um die Ihren zu unterstützen, sieht sie mit Leid und Bedauern, dass eine Kollegin sich für Benachteiligte einsetzen und trotzdem glänzend verdienen kann.

All das gerät kurz ins Wanken, schließlich spielt der Roman in wesentlichen Teilen zwischen der Lehman-Pleite von 2008 und dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Frühling 2010, und die latente Unsicherheit Natalies findet ihr Ventil nicht zuletzt in bohrenden Fragen an Francesco, der auf undurchsichtige Weise im Bankensektor arbeitet.

Liegt das Schicksal in unserer Hand?

So liest sich der Teil des Buches, der Natalies Werdegang gewidmet ist, mit seinen 185 kurzen, klar strukturierten Kapiteln wie eine nachträgliche Rekapitulation der Erfolgsanwältin darüber, warum ihr Leben nun in Scherben liegt - wie es kam, dass sie sich selbst immer weiter abhandenkam, dass sie auf dubiose Sex-Anzeigen antwortete und nun ihrem Mann, der aus allen Wolken fällt, einen langen Brief schreibt. Allerdings weigert sich Francesco, den zu lesen. „Beichten ist Eigennutz“, sagt er, wenige Stunden bevor er der nichtsahnenden Leah das Geheimnis seiner vermeintlichen glücklichen Ehe verrät. Und ihn die raffinierte Autorin damit post festum als Zyniker entlarvt. Denn wie es um Natalie und Francesco wirklich steht, kommt erst einige hundert Seiten nach der Karnevalsszene zur Sprache.

Die Frage aber, ob richtig ist, was man da Tag für Tag, Jahr für Jahr tut, prägt das Leben der Hauptfiguren in unterschiedlicher Weise. Und damit natürlich auch die Frage, was an unserem Leben Schicksal ist und was wir selbst herbeigeführt haben. Nathalies Antwort darauf ist eindeutig: Ihr selbst gehe es gut, sagt sie, weil sie „härter gearbeitet“ habe, weil sie „klüger“ sei, weil sie gewusst habe, dass sie „nicht irgendwann bei anderen Leuten an der Tür betteln“ wollte. Und wer dabei auf der Strecke bleibt, habe sich das in gewisser Weise selbst zuzuschreiben.

Ereignisse negieren Möglichkeiten

Der ebenfalls farbige Junkie Nathan schiebt dagegen alles auf eine Gesellschaft, die ihn schon früh ausgegrenzt hat, und auf seinen Körper, der den Anforderungen des Profifußballs nicht gewachsen war. Felix schließlich berauscht sich am Gedanken, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu können, und wird - eine der vielen bitteren Pointen des Romans - auf der Straße erstochen, weil er sein Gespür für Gefahren verloren hat.

Natürlich wird das alles nicht zufällig am Beispiel von Menschen erzählt, die nach ersten beruflichen Erfolgen oder kurz nach der Geburt des ersten Kindes innehalten und eine Art Zwischenbilanz ziehen. „Alles, was passiert, dient auch nur dazu, die Möglichkeiten all dessen, was nicht passiert, grauenhaft einzuschränken“, heißt es einmal. Dagegen könne man sich auflehnen, glauben die einen, jetzt, wo es immerhin noch Möglichkeiten gebe. „Vielleicht ist es ja nicht so schlimm, dass das Leben nie zu etwas Überlebensgroßem erblüht ist“, sagen die anderen.

Die Pflicht des Kinderkriegens

Nur dass unter den vielen Entscheidungen, die man trifft, diejenige, Kinder zu bekommen, tatsächlich unwiderruflich ist. Und dass der wirkliche oder auch nur vorgestellte Druck der Umwelt auf die noch kinderlosen Freundinnen Natalie und Leah in diesem Roman wiederum ganz unterschiedliche Konsequenzen hat - schließlich geht es auch in der Kinderfrage um Lebensentwürfe, um die Identität auch der möglichen Eltern: „Natalie Blake und Leah Hanwell waren der Überzeugung, dass man versuchte, sie zur Fortpflanzung zu zwingen. Verwandte, Wildfremde auf der Straße, Leute aus dem Fernsehen, alle. Die Verschwörung ging allerdings noch weiter, als Hanwell vermutete. Blake spielte ein doppeltes Spiel. Sie hatte nicht vor, sich zu blamieren, indem sie nicht tat, was von ihr erwartet wurde. Für sie war es nur eine Frage des Zeitpunkts.“

Die Freundschaft zwischen Natalie und Leah scheint auch dies zu überstehen, allerdings mit der Folge, dass Leah nun mit niemandem mehr ihre Einstellung zum Kinderkriegen diskutieren kann. Und die Autorin setzt diskret Hinweise, wie tief Leahs Haltung verwurzelt ist, etwa bei einem Besuch einer aus dem Mittelalter überkommenen Kirche mit einer schwarzen Madonna, die Leah Angst einjagt.

Später wird sie sich ihrem Mann gegenüber bereit erklären, die Pille abzusetzen (und sie trotzdem heimlich nehmen), sie wird sogar eine Abtreibung vornehmen lassen und dann, als ihr Mann alles herausfindet, die zum Trost herbeigeeilte Natalie beschimpfen. Mit ihren zwei Kindern sehe Natalie aus wie die „Mutter Gottes“, sagt Leah. Freundlich meint sie das nicht.

Eindeutigkeit ist in diesem Geflecht aus Erzählungen nicht zu haben, auch nicht Urteile der Autorin in den Fragen, die ihre Protagonisten bewegen. Stattdessen stellt sie Lebensentwürfe dar, intelligent und witzig, poetisch und voller Sinnlichkeit, und weil ihre Verweise zwischen den Protagonisten und zwischen den einzelnen Teilen des Buchs so stilsicher wie diskret sind, ist die erste Lektüre des Romans aufregend, die zweite erhellend und die dritte voller staunenswerter Details, die man zuvor übersehen hatte.

Ratschläge für die junge Mutter

Und schließlich wird man auch der tristen Siedlung Caldwell etwas abgewinnen können, dem Ort, aus dem die Figuren dieses Buchs mit wechselndem Geschick zu flüchten versuchen und den sie doch nicht loswerden. Denn als die aufstrebende Natalie mit ihrem reichen Mann nach der Geburt des ersten Kindes im Krankenhaus liegt, kommen die Besucher aus dem alten wie aus dem neuen Leben.

Beide Gruppen haben Ratschläge an die junge Mutter im Gepäck: „Wer aus Caldwell kam, fand, alles sei bestens, solange man das Kind nicht gerade die Treppe runterwarf. Wer nicht aus Caldwell kam, fand, nichts sei bestens, wenn nicht alles absolut perfekt gemacht wurde, und selbst dann gab es noch keine Garantie.“ Und Natalie? „Sie war selten so froh gewesen, Leute aus Caldwell zu sehen.“

Zadie Smith: London NW. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 429 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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