Buch über homosexuellen Araber

Dieses frappierende Unzugehörigkeitsgefühl

Von Marco Stahlhut
 - 22:22

Es ist heiß, die Straßen sind staubig und der Verkehr chaotisch. Die Elite wohnt in grünen Vorstadtvillen, die Masse in Slums. Es könnte sich um ein nur leicht verfremdetes Kairo handeln, aber auch um eine Zusammenfügung verschiedener arabischer Städte und Länder: Das Romandebüt „Guapa“ von Saleem Haddad erzählt von 24 Stunden im Leben eines jungen Arabers in einem unbenannt bleibenden Land, in dem eine Diktatur einen demokratischen Aufstand zurückgedrängt hat und ihre Führungsrolle mit dem Kampf gegen die Islamisten begründet. Diese wiederum drohen damit, „das gesamte Land brennen“ zu lassen, mit einzelnen Massakern fangen sie schon einmal an. Wer an den „arabischen Frühling“ 2011 und den diesem fast überall gefolgten „arabischen Herbst und Winter“ denkt, liegt gewiss nicht falsch.

Coming-out nicht vorgesehen

Rasa, der Protagonist des Romans, ist gebildet. Sein Vater war Arzt, seine Mutter Künstlerin, er selbst hat in Amerika studiert und schlägt sich nun in seiner Heimat als Übersetzer für ausländische Journalisten durch. Sein Unzugehörigkeitsgefühl und seine Zerrissenheit beruhen aber nicht nur auf dem Leben in verschiedenen kulturellen Welten. Sie beruhen auch auf seiner ganz persönlichen Identität. Rasa ist schwul, und in der Gesellschaft, in der er lebt, kann das nicht zu einem mehr oder weniger glücklichen Coming-out führen, sondern stellt ihn nur vor eine Alternative: verbergen oder Verlust der sozialen Existenz.

Als der Roman beginnt, ist ein kleines Unglück bereits geschehen: Rasas Großmutter, bei der er lebt, und die ihn aufgezogen hat, hat ihn mit seinem Freund zusammen im Bett erwischt. „Eins ist sicher“, heißt es: „An dem Schlamassel, in dem Taymour und ich stecken, sind sie alle mitschuldig, weil die Gesellschaft nun mal aus allen besteht und weil es die dummen Regeln der Gesellschaft sind, die uns voneinander trennen.“ Man kann an den Faschismus, aber auch an die fünfziger Jahre in den westlichen Gesellschaften denken – Gore Vidals „The City and the Pillar“, vor allem aber James Baldwins Klassiker „Giovannis Zimmer“ drängen sich bei der Lektüre des Romans als Einflüsse auf. Und so wie bei Baldwin „shame“ ein Leitmotiv ist – das gesellschaftlich aufgezwungene Gefühl von Scham und Schande, das seine Protagonisten spüren oder das sie zurückweisen –, ist es bei Haddad immer wieder das arabische „eib“, das eine Handlung meint, mit der man sich oder andere beschämt, und das Leben des Protagonisten umfassend zu regieren scheint.

In diesem Roman geht es um alles: um die politisch-religiösen Entwicklungen in Nordafrika und dem Nahen Osten, um die Diktaturen, die die arabische Welt beherrschen, um die extreme soziale Ungleichheit in diesen Ländern, um eine Oberschicht, die sich vor allem für Geld, Statussymbole und Bildung für die eigenen Kinder interessiert, und um die Islamisten, die das alles ausbeuten. Es geht aber eben auch um das Leben als homosexueller Mann in einer solchen Gesellschaft, in der ein korrupter Sicherheitsapparat Schwule zu Sündenböcken auserkoren hat, mit deren Unterdrückung die Herrschenden die eigene religiöse Moral zu beweisen suchen, während die Islamisten als ihre Hauptgegner Homosexuelle gleich ganz vom Erdboden vertilgen wollen. Der Titel „Guapa“, spanisch für „hübsch, gut aussehend“, bezieht sich auf eine von einer Lesbe betriebene Untergrundbar mit diesem Namen, in der sich der Protagonist betrinkt, mit seinem Geliebten tanzt und dem besten Freund in Drag-Shows zusieht.

Politischer Roman oder Liebesgeschichte?

Ist „Guapa“ also ein politischer Roman oder doch eine – den Umständen gemäß tragische – Liebesgeschichte? Während Rasa einen Tag lang seiner Großmutter auszuweichen versucht, während er mit einer amerikanischen Journalistin einen Islamistenführer besucht, dessen Sohn vermutlich gerade zu Tode gefoltert wird, während er seinen besten Freund Maj aus dem Gefängnis zu holen versucht, in das dieser nach einer Polizeirazzia in einem schwulen Kino geraten ist, während Rasa durch das Chaos dieser unbenannt bleibenden Stadt rast, und über eine Hochzeitsfeier in einem Luxushotel nachdenkt, zu der er am Abend eingeladen ist, kreisen seine Gedanken doch immer wieder um die vergangene Nacht mit Taymour, die mit der lautstarken Empörung der Großmutter endete, und was das alles für die Beziehung zu seinem Geliebten bedeutet, den er ebenso verzweifelt wie erfolglos zu erreichen versucht.

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So ganz wird nicht deutlich, was genau er an Taymour liebt, aber gerade das ist ein weiterer realistischer Zug des Romans. Wir wissen ja auch nicht immer präzise, warum wir jemanden lieben. Jedenfalls ist das alles mitreißend, mit überzeugendem Gespür für die Schilderung diverser soziokultureller Milieus und bestechendem Gefühl für narrative Wendungen und Pointen erzählt. Insbesondere aber ist „Guapa“ zugutezuhalten, dass der Roman trotz aller großen Themen, die verhandelt werden, auf politisch-moralische Zeigefinger weitgehend verzichtet.

Eine arabische Übersetzung gibt es nicht

Unangenehm didaktisch wird das Buch nur, wenn es in einer längeren Rückblende um die amerikanische Studienzeit des Protagonisten geht, kurz nach den islamistischen Terroranschlägen von 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon. Hier führt der Roman überdeutlich vor, wie der Protagonist erstmals dazu kommt, sich als Araber zu verstehen. In etwas naiv und buchstabengetreu postkoloniale Theorien ventilierenden Passagen nimmt Rasa unter anderem auf den französisch-libanesischen Schriftsteller Amin Maalouf Bezug: „Maalouf bezeichnete die Identität als etwas Formbares, das den Launen der Gesellschaft unterworfen sei. Er war der Meinung, dass eine Person sich am stärksten mit dem Aspekt ihres Wesens identifiziere, der gerade angegriffen wird – und tatsächlich war es in Amerika nicht mein Schwulsein, sondern meine arabische Herkunft, die verächtlich erschien.“

Das wurde von vielen westlichen Rezensenten des Buches begierig aufgegriffen: In den arabischen Ländern stehe die homosexuelle Identität unter Verdacht, im Westen sei es die arabisch-muslimische, und beides sei, irgendwie, vergleichbar. Der Autor Saleem Haddad, der selbst palästinensisch-libanesische und deutsch-irakische Vorfahren hat, hat eine solche Lesart in Interviews bekräftigt. Allein, die Parallelisierung von sogenannter Araber- oder Islamfeindlichkeit hier und Homophobie dort kann bei aller negativen Stereotypisierung von Arabern in einem Teil der amerikanischen Populärkultur nicht überzeugen. Dazu muss man gar nicht betonen, dass „Guapa“ auf Englisch geschrieben und in verschiedene westliche Sprachen übersetzt wurde, mit einer arabischen Fassung auf absehbare Zeit jedoch nicht zu rechnen ist oder dass der Autor zusammen mit seinem Lebensgefährten in London wohnt, weil westliche Vorbehalte gegen Araber offenbar doch leichter zu ertragen sind als die gegenwärtige Dämonisierung von Homosexuellen in der arabisch-muslimischen Welt.

Zur Lektüre empfohlen

Nein, der Roman „Guapa“ selbst negiert eine solche Vergleichbarkeit. Etwa, in dem er zeigt, was es im Westen alles gibt, auch in den Vereinigten Staaten unter George W. Bush (auch, möchte man hinzufügen, unter Donald Trump): arabische Restaurants und Cafés, religiöse und politische Treffpunkte von Muslimen, liberale westliche Aktivisten in großer Zahl, die sich muslimisch-arabische Positionen zu Eigen machen, sowie Demonstrationen, die für die Seite der Gegner und Opfer der amerikanischen Außenpolitik Partei nehmen. Komplementär Vergleichbares gibt es in arabischen Gesellschaften kaum, wenn es um religiöse und ethnische Minderheiten geht, und gar nicht, wenn es um homosexuelle Männer geht, daran lässt gerade dieser Roman keinen Zweifel. Sein Autor wurde in Kuweit geboren und wuchs unter anderem in Jordanien, Amerika und Großbritannien auf. Er hat in verschiedenen arabischen Ländern, darunter Ägypten, im Entwicklungshilfebereich gearbeitet. Aus seinen Erfahrungen hat er einen unbedingt zur Lektüre empfohlenen Roman geformt, den Andreas Diesel tonsicher ins Deutsche übertragen hat.

Saleem Haddad: „Guapa“. Roman. Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, Berlin 2017. 400 S., br., 16,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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