Sigrid Damm: „Wohin mit mir?“

Der Fluchtpunkt an der Schläfe Christi

Von Heinrich Detering
 - 16:40

Die Schriftstellerin Sigrid Damm erhält ein Stipendium in der Casa di Goethe am Corso in Rom, und sie führt dort ein halbes Jahr lang Tagebuch: Das dürfte die vielen Fans dieser Autorin erfreuen; der übrigen literarischen Welt wird es weniger bedeuten. So jedenfalls wäre es zu erwarten. Aber dann kommt es doch etwas anders. Denn diese römischen Aufzeichnungen erzählen von einem Bildungserlebnis so unterhaltsam, dass sie ganz abseits biographischer Schlüssellochblicke auch eine Begegnung vermitteln mit einer fremden Stadt.

Das liegt schon an den äußeren Umständen. Es ist das Jahr 1999, das letzte des Jahrhunderts und der Zehnjahrestag einer Wende, die auch in das Leben der DDR-Schriftstellerin Sigrid Damm mächtig eingegriffen hat. Es ist auch das Jahr eines Goethe-Jubiläums, und die Erzählerin und Biographin, die mit einem Buch über Christiane und Goethe gerade unverhofft zur Bestsellerautorin geworden ist, sieht sich nun allerorten mit einer Goetheverehrung konfrontiert, die ihr zuwider ist. „Diese dumpf missverstehende Inbesitznahme, dieses anmaßende unser Goethe“, notiert sie und erinnert sich ärgerlich an „jene beflissenen Bildungsbürger, die ich aus Lesungen kenne“. Selbst die gastfreundliche Casa di Goethe ist der neu Angekommenen verdächtig: „Ich lebe im Haus eines Toten“, schreibt sie, fühlt sich unwillkommen, denkt an baldige Abreise und bleibt dann doch.

„Rom war nie in meinem Kopf“

Denn eigentlich hat sie gar nicht nach Rom gewollt, ihr Arkadien heißt Lappland. Dort, im Sommerhäuschen am Polarkreis, sehen wir sie auf den ersten Seiten in den hellen Sommernächten, dort wäre sie am liebsten geblieben. Und noch nach Monaten am Tiber kann es für sie, die hier zusammen mit ihrem Sohn an einem Nordland-Buch arbeitet, kein größeres Glück geben als die plötzliche halluzinatorische Empfindung: „Ich bin in Lappland.“ An ihrer Zimmerwand befestigt sie, gegenüber einem römischen Panorama aus dem achtzehnten Jahrhundert, zwei Wanderkarten von Nordschweden, das Land der Lappen mit der Seele suchend. Und ausgerechnet am 9. November 1999, am Jahrestag des Mauerfalls, ist sie „vollständig in Lappland verschwunden“. Es bleibt der einzige Eintrag dieses Tages.

Gerade weil sie sich aber so unwillig und fremd auf die Wege durch Rom begibt, sieht sie mit unbefangenem Blick, und ebendeshalb wirken ihre allmähliche Vertrautheit, die wachsende Zuneigung, endlich ihr unverhofftes römisches Glück so glaubhaft. „Morgennebel. Gedämpftes Licht. Neugier.“ So beginnt der erste Tag in Rom, in jenen Satzfragmenten, die immer schon zu Sigrid Damms Stil gehörten und die nun als knappe Tagebucheinträge eine eigene Lässigkeit gewinnen. Neugierig ist sie, aber sie hat keine Ahnung von der Stadt. „Rom war nie in meinem Kopf“, stellt sie fest: „Eine beschämende Unwissenheit.“ Aus den Einzelheiten dieser Unwissenheit macht sie keinen Hehl, zur Freude des Lesers. Denn der Charme dieser Aufzeichnungen resultiert nicht zuletzt aus ihrem Mangel an Eitelkeit. Diese Flaneurin will sich nicht wichtig machen, sie ist ganz Auge und Ohr. Besorgt über die eigene Geschäftigkeit nach dem Bucherfolg, will sie von sich absehen. Und das heißt: hinsehen auf die Wunder, die sich vor ihr ausbreiten.

„Glück“ als leises, schamhaftes Leitmotiv

So findet sie sich eines Tages ergriffen vor einem Gemälde, das die Kreuzigung des heiligen Petrus zeigt, und liest darunter „den Namen eines mir unbekannten Malers“. Es ist Caravaggio, und sie hat keine Ahnung, wer das ist. So nüchtern wie diese Bildungslücke aber notiert sie nun auch die sich wiederholenden Begegnungen mit dem Unbekannten, die zu einer leidenschaftlichen Spurensuche werden. Denn diese Tagebuchschreiberin räsoniert nur knapp und beobachtet umso mehr. Dass Johannes Paul II. sich bei der Öffnung der Heiligen Pforte kaum auf den Beinen halten kann und sich an den Bischofsstab klammert, wird ebenso vermerkt wie das Treiben in der Nachbarschaft; „in dem kleinen Piercing-Laden ist noch reger Betrieb“. Am Grab August von Goethes betrachtet sie die „zart lavendelblauen Dolden“, und in Mailand, vor Leonardos Abendmahl, den „kleinen, in den Putz gestanzten Fluchtpunkt an der Schläfe Christi“.

Natürlich durchzieht der Dialog mit Goethes römischen Aufzeichnungen dieses Tagebuch, aber auch er bleibt so frei von bildungsbürgerlicher Attitüde wie der Blick auf die Stadt selbst. Auch andere Lebende und Tote tauchen als reale oder imaginäre Gesprächspartner auf. Von Begegnungen mit Hans Werner Henze und Unseld, mit Inge Feltrinelli und Paul Wühr wird erzählt und von Unbekannten auf den Straßen Roms, Sperlongas, Neapels, von den Chorsängern in Sant’ Ignazio, von Ingeborg Bachmann, von Raffael und Ovid. In solcher Gesellschaft wird die Reisende unverhofft heimisch in einer Stadt, in der sie sich so fremd gefühlt hat. Wie ein kleines Leitmotiv erscheint das Wort „Glück“, das hier und da leise, fast schamhaft notiert wird.

So lässt sich schließlich sogar der Goethekult aushalten. In der Nacht zum 28. August, Goethes zweihundertfünfzigstem Geburtstag, erwacht sie vom Lärm eines Feuerwerks. Es ist, wie sie mit Vergnügen bemerkt, das Freudenfest des siegreichen Lazio Rom. „Alles, was lebt, sei lebendig“, hat Goethe geschrieben. Sigrid Damms römisches Diarium nimmt diese Empfehlung erfrischend beim Wort.

Sigrid Damm: „Wohin mit mir?“ Insel Verlag, Berlin 2012. 287 S., geb., 22,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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