Was die Gesellschaft verlangt

Theater der Authentizität

Von Hannah Bethke
 - 21:29

Als Salvador Sobral beim diesjährigen Eurovision Song Contest vor die Kamera trat, passierte etwas, das vielerorts Erstaunen auslöste: Der portugiesische Sänger mit dem mädchenhaften Halbzopf, dem viel zu großen Sakko und der ungelenken Körperhaltung schien im Unterschied zu seinen Konkurrenten auf alle Stilisierungen zu verzichten und sang mit filigran-skurrilen Handbewegungen sein zartes Lied, als würde er gerade in einer kleinen Jazzkneipe auftreten und nicht vor einem Millionenpublikum. Sobral scherte sich, so hatte man den Eindruck, nicht um die Erwartungen des Showbusiness, nicht um Einschaltquoten und Verkaufszahlen, nicht um massentaugliche Präsentation und standardisierte Ästhetik. Er sang einfach sein Lied – und gewann den Wettbewerb. Als „authentischer“ Künstler wurde er anschließend gefeiert, als einer, der sich nicht verstellt und der Musik Wahrhaftigkeit verleiht.

Sobral spiegelt die offenbar immer noch nicht erloschene Sehnsucht nach Unterbrechung inmitten einer Welt, die nach ästhetischer Perfektion strebt und keine Kanten und Brüche, bloß Oberflächen zeigt. Zugleich liegt er damit im Trend der Zeit, denn authentisch zu sein ist ein allgegenwärtiger Anspruch im Alltag, in der Politik, im Arbeitsleben und in der Kulturindustrie. Doch jeder, der sich ihm aussetzt, gerät in seine Fallstricke. Was bleibt übrig von dem Wunsch, nichts als man selbst zu sein, wenn dieser Wunsch zugleich einer gesellschaftlichen Anforderung entspricht?

Entfremdung verboten!

Das Thema scheint nirgendwo besser aufgehoben zu sein als bei jemandem, der etwas von Theater und Schauspiel versteht: Wolfgang Engler, der langjährige, noch bis September amtierende Rektor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, hat sich auf Spurensuche nach dem Authentischen begeben und dabei bemerkenswerte Funde gemacht. „Entfremdung verboten!“ – das sei „der Wahlspruch unserer Zeit“. Diese Diagnose erstaunt, leben wir doch in der kapitalistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, in der es, vielen Kritikern zufolge, an Entfremdung nicht fehlt. Doch Engler lässt mit der antikapitalistischen Klarstellung nicht lange auf sich warten: Demnach bleibt die Überwindung der Selbstentfremdung ein unerfülltes Bedürfnis unserer Zeit – aber ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Der Neoliberalismus verhindert in dieser Sichtweise Authentizität, gibt aber vor, das genaue Gegenteil zu tun.

In der modernen Arbeitswelt findet sich diese Paradoxie des authentischen Rollenspiels wieder. Wer sind wir, wenn wir arbeiten, und wer würden wir gerne sein? Lange Zeit gab es eine klare Trennung zwischen der Rolle, die wir im Arbeitsleben spielen, und jener, die unser Privatleben ausfüllt. Arbeit galt als fremdbestimmt, Freizeit als selbstbestimmt. Der „klassische Angestellte“ vergangener Zeiten, so beschreibt es Engler, „erholte sich für das Unternehmen, indem er sich unbekümmert von ihm erholte“. Der Kern dieser Unterscheidung sei dagegen nirgendwo aufgeweichter als „in der Welt der neuen Angestellten“.

Die Verwandlung der Arbeit in ein Lebensbedürfnis

In dieser neuen Welt geht es plötzlich nicht mehr darum, das autonome Selbst vor einer arbeitsbedingten Funktionalisierung zu schützen, sondern es soll im Arbeitsleben zur vollen Entfaltung kommen. „Die Funktion bin ICH“: Die Arbeit ist nicht mehr bloß Pflicht, sondern das Tor zur Selbstverwirklichung, ein ganzheitliches Erleben, in dem jeder so sein kann, wie er wirklich ist. Der Arbeit haftet nicht länger etwas Negatives an, von dem man sich abgrenzen muss – zumindest nicht in der Kommunikation nach außen. Das Handy ist immer an, jeder ist stets auf Abruf, der Feierabend ist von der Arbeitszeit nicht mehr klar abgetrennt.

Die „Verführungskraft neuer Medien und Technologien“ unterstützt laut Engler diese „ungeschützte Selbstbeziehung“ und verstärkt das Bedürfnis, sich bei der Arbeit nicht zu verstellen, keine Rolle mehr zu spielen, sondern unverfälscht man selbst zu sein. Eigentlich ist mit einer solchen Verwandlung der Arbeit in ein Lebensbedürfnis die Erfüllung der sozialistischen Utopie schlechthin beschrieben – hätte sie nicht den doppelten Boden, dass, wer ein solches Arbeitsverständnis hat, aus freien Stücken nahezu bedingungslos dem Kapital dient, um es in Englers Worten auszudrücken. Das Fremde wird zum Eigenen gemacht, und das führt gerade nicht zur Authentizität, sondern zur Entfremdung.

Aber selbst wenn es gelänge, authentisch zu werden: Ist es denn überhaupt erstrebenswert, in allen Lebenslagen „unverstellt“ zu sein? Engler zeigt sich skeptisch. Seine Betrachtungen des Theaters sind der Schlüssel zu dieser Dialektik.

Im Theater gibt es eine Rollenaversion

Das Theater lebt davon, dass Schauspieler eine Rolle spielen. Wenn sie ihre Sache gut machen, gilt ihr Schauspiel als besonders glaubwürdig und wandlungsfähig. Sie spielen eine Figur vermittelt durch die eigene Person, aber nicht mit dem Ziel, sich selbst zu spielen. Hier entsteht Authentizität durch Spiel. Engler stellt nun fest, dass das Spielvermögen in der Gesellschaft insgesamt nachlässt. Er kritisiert, dass auch das Theater von der allgemeinen Tendenz betroffen sei, alles an das unverfälschte „Ich“ zu koppeln. Nicht nur im Berufsalltag gebe es eine „Rollenscham“. Engler beobachtet sogar dort eine regelrechte „Rollenaversion“, wo das Spielen eigentlich Grundvoraussetzung ist: auf der Bühne. Es finde eine „Privatisierung der Darstellung“ statt, durch welche die Distanz zur Rolle ebenso schrumpfe wie die zum Publikum. Akteure träten lebensnah auf, „Alltagssprache sprechend, leise, dank Mikroports, als sprächen sie allein zu sich“, mitunter sei sogar der Name der Figur derselbe wie ihr eigener: „Hier ist nichts gekünstelt, nichts im Vorbedacht gerichtet; hier sind wir unter uns und was geschieht, das geschieht jetzt, spontan, authentisch.“

Eine andere Form dieser „Enttheatralisierung“ ist dort zu finden, wo die Legitimation einer spielerischen Darstellung überhaupt in Frage gestellt wird. Dürfen – und können – Minderheiten, Benachteiligte, Ausgestoßene von Schauspielern gespielt werden, die zumeist zur weißen Mittelschicht gehören und all das Leid der Betroffenen, die sie darstellen, selber gar nicht erlebt haben? Engler weist eine solche „Repräsentationskritik“ zurück, nach der eine Rolle nur rechtens spielen könne, wer sie „durch seine Existenz beglaubigt“: „Ein Schauspieler, der das Schicksal eines von der Gesellschaft Ausgestoßenen verkörpert, verkürzt das Recht der wirklich Ausgestoßenen, für sich zu sprechen, in keiner Weise, noch maßt er sich an, deren Erfahrung unverkürzt zu teilen.“ Engler stellt klar: „Er tut dies, weil er es kann.“

Der Verlust der Sprache

Die „differenzlose Dieselbigkeit von Kunst und Leben“ geht aus der Sicht des Autors, und das gehört vielleicht zu seinen interessantesten Beobachtungen, auf Kosten der Sprache. Wo Theater ohne Rollenspiel auskommen muss, verliert auch das kunstvoll gesprochene Wort an Bedeutung. Mit dem Verlust des Spiels aber wird auch über das Theater hinaus eines gerade nicht erreicht: Authentizität. Menschen seien nie authentischer, erklärt Engler, „als in jenen Momenten, in denen sie aus der Differenz zu sich heraus zu spielen anfangen“. Wir müssen Rollen spielen, uns immer wieder anders und neu „verstellen“, um die Anforderungen unseres Alltags bewältigen zu können. Berauben wir uns selbst unseres Spielvermögens, drohen wir zu verkümmern – so jedenfalls lesen sich die ernsten Betrachtungen Englers, die dort am stärksten sind, wo er beim Thema des Buches und seinem eigentlichen Handwerk bleibt.

Leider lässt der Autor sich aber auch zu einigen zornigen Exkursen verleiten, die die Geduld des Lesers auf eine harte Probe stellen. Seine Feindbilder: der Finanzkapitalismus, dessen „Arrangements“, insofern sie „das Böse geschäftsmäßig“ vollbrächten, dem Holocaust strukturverwandt seien; jene Frauen, die eine „lächerliche Formalisierung des Begehrens“ beförderten, wenn sie die Grenzen sexueller Belästigung enger ziehen wollen; Merkels Flüchtlingspolitik, die gegen den Willen der Bürger durchgesetzt worden sei; und „Political Correctness“ jedweder Art, die für „die Schere im Kopf“ optiere und zur Verschleierung von „Fakten“ führe.

Diese unnötigen Abschweifungen nehmen Platz weg, der fehlt, wo der Autor seine Reflexionen über Authentizität hätte zusammenführen können. Gegen jene Form von authentischer Kunst, wie wir sie bei Salvador Sobral während des Eurovision Song Contest beobachten konnten, hätte Engler vermutlich nichts einzuwenden. Oder gerade doch? Denn auch Sobral spielt ja eine Rolle, nämlich die des authentischen Künstlers, die auf dem Musikmarkt zur Ware wird. Lassen sich solche Widersprüche auflösen, die der Suche nach Authentizität offenbar grundsätzlich innewohnen? Und wie sähe die Welt aus, wenn wir mehr spielten? Vielleicht würden wir uns selbst wieder näherkommen.

Wolfgang Engler: „Authentizität! Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern“. Theater der Zeit: Berlin 2017, 217 Seiten, 18 Euro

 

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bethke Hannah
Hannah Bethke
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