Büchersammler II

Verstehen ist etwas sehr Relatives

Von Felicitas von Lovenberg
 - 20:43
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Im Eingangsbereich der hellen Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf liegt ein Haufen Kinderbücher. Sie habe gerade mal wieder aussortiert, sagt Gundel Mattenklott entschuldigend, die Bände seien nur noch nicht abgeholt worden. Dass sie sich die Entscheidung, was geht und was bleiben darf, keineswegs leichtmacht, zeigen die dicht gefüllten Bücherregale in allen Zimmern, in denen sich Gundel Mattenklotts vielseitige Interessen ebenso spiegeln wie die ihres 2009 gestorbenen Mannes, des Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott.

Eine Sammlerin im eigentlichen Sinne, also mit Besitzanspruch, Jagdinstinkt und auf Komplettierung eines Gebietes erpicht, sei sie nicht, sagt die zierliche Frau gleich zu Beginn. Weder stöbere sie in Katalogen noch in Antiquariaten. Ihre beachtliche Kinderbuchsammlung ist vielmehr das Ergebnis einer seit Jahrzehnten währenden Beschäftigung, ihre Arbeitsgrundlage. Rezensionsexemplare machen einen Großteil des Bestandes aus. Die kamen ins Haus, nachdem 1989 ihr Buch „Zauberkreide“ erschien, ihre Untersuchung der Kinderliteratur seit 1945. Der Band fand nicht nur ein großes Publikum, sondern etablierte die Berlinerin auch als eine Instanz in Sachen Kinder- und Jugendliteratur. Über Jahrzehnte hinweg erschienen ihre Besprechungen von Neuerscheinungen auch in diesem Feuilleton.

Kaum noch ein Kinderbuch ohne Tod

Angesprochen auf den altmodisch schönen Titel einer Professorin für Musisch-Ästhetische Erziehung, lacht Gundel Mattenklott. Den gebe es nur noch an der Universität der Künste, die 1980 einige Fachbereiche der aufgelösten Pädagogischen Hochschule aufnahm. „MÄErz“ wurde zu einem nur in Berlin existierenden Fachgebiet der Grundschulpädagogik, das Kinder mit der Welt der Künste, ihren Verflechtungen und Formensprachen vertraut machen soll, und zwar sowohl in Rezeption wie auch in der eigenen Produktion. Was dieses ungewöhnliche, unmittelbar ansprechende und auf Beteiligung setzende Unterrichtskonzept ausmacht, zeigt Gundel Mattenklott, indem sie einige Bände der Schulbuchreihe „Unterwegs zur Welt“ hervorholt, die sie Ende der neunziger Jahre zusammen mit dem Künstler Nikolaus Heidelbach im Verlag Volk und Wissen herausbrachte. Wer darin blättert, kommt aus dem Staunen nicht heraus – über die großartigen Einfälle und Ideen ebenso wie über den Umstand, dass das Projekt nur kurzlebig war. Denn auf den klar strukturierten Seiten wird nicht von oben herab irgendein Wissen vermittelt, sondern Bilder und Texte setzen ganz auf die natürliche Neugier der Kinder. Es sind Bücher, die Lust darauf machen, die Welt zu verstehen und sich in ihr zu verorten.

Die Lust am Lesen und am Schauen, die jedes Kind kennt, erfuhr die 1945 geborene Gundel Mattenklott in ihrer Jugend intensiv, als in ihrer Wilmersdorfer Nachbarschaft – ihrem Kiez ist sie ein Leben lang treu geblieben – eine neue Schule eröffnete und mit ihr eine Kinderbücherei. „Lesen war für uns die wichtigste Freizeitbeschäftigung. Man hatte damals nicht viele Bücher, aber die, die man besaß, waren Lieblingsbücher, die wieder und wieder gelesen wurden.“ Karl May lag ihr nicht, umso mehr schwärmte sie für Reisebücher wie Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“ und „Monika fährt nach Madagaskar“ von Max Mezger. Johanna Spyri hingegen, die in den fünfziger Jahren weit verbreitet war, habe sie zwar gelesen, aber nicht so gemocht. „Da sterben die Kinder so viel, das ist alles ein bisschen schwindsüchtig. Wobei: Heute kommt ja kaum noch ein Kinderbuch ohne Tod aus. Da frage ich mich dann, wer will das wirklich lesen, die Erwachsenen oder die Kinder?“

Drei Regalreihen Kinderlyrik

Dass Kinder oftmals Bücher schätzen, mit denen Erwachsene nicht viel anfangen können – und umgekehrt –, ist ihr bewusst. Doch gerade in dem Umstand, dass die Autoren und die Urteilenden nicht mit den Adressaten identisch sind, liegt für sie der besondere Reiz. So ist ihr Enkel ein Fan von Peggy Rathmanns überbordender, „etwas alberner“ Hamster-Late-Night-Show „Noch zehn Minuten, dann ab ins Bett“, während sie von derselben Autorin das vielgeliebte „Gute Nacht, Gorilla!“ vorzieht. Die Neugier auf die Verständniswelt des anderen, die irgendwann auch das jüngere Selbst einschließt, fließt in die Rezeption ein. Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, von dem sie fast ein Dutzend unterschiedlicher Ausgaben besitzt, sei ihr zum Beispiel als Kind eher seltsam vorgekommen, obwohl es inzwischen seit langem zu ihren Favoriten zählt und sie es auch schon mit Kindern zusammen inszeniert hat. Ob sie mit ihrem Lesezirkel Virginia Woolf oder James Joyce liest oder sich den neuen Produktionen der immer opulenter werdenden Kinderbücher zuwendet: „Man darf vor nichts zurückschrecken.“ Das gilt auch für die Künstler. So bedauert sie, dass sich nicht mehr Illustratoren von klassischen Texten wie Goethes „Zauberlehrling“ oder Shakespeare inspirieren lassen. Die lasche Begründung, die Kinder verstünden die Texte nicht, macht sie fast zornig. „Verstehen ist ja etwas sehr Relatives. Was verstehen wir schon? Wenn ich heute etwas lese, verstehe ich es anders als vor vierzig Jahren. Verstehen kann aber vieles betreffen.“

Im gelungenen Bilderbuch, auf das sich Gundel Mattenklott inzwischen konzentriert hat – „bei den Jugendbüchern und All-Age-Romanen ist viel Kitsch dabei, da lese ich dann lieber richtige Bücher“ –, kommen Bilder und Sprache zusammen, ganz gleich, in welchem Mischungsverhältnis. Eine große Abteilung, zwei, drei Regalreihen ihrer Bibliothek, gehört der Kinderlyrik. „Die hat eine Zeitlang, in den siebziger, achtziger Jahren, eine ganz große Rolle gespielt. Heute leider nicht mehr“, sagt sie und liest einige Verse aus der abgegriffenen dtv-Gedichtanthologie „Die Stadt der Kinder“ vor.

Eine gezielte Botschaft

Für das Gespräch hat sie Schwerpunkte ihrer Sammlung zusammengestellt, etwa zu großen Illustratoren wie Nikolaus Heidelbach, Klaus Ensikat, Peter Schössow, Peter Sis, Wolfgang Erlbruch oder Philip Waechter, aber auch zu Herkunftsländern. So habe etwa der Moritz Verlag viele französische Bilderbuchschätze gehoben, sei es „Detektiv John Chatterton“ von Yvan Pommaux oder „Du groß, und ich klein“ von Grégoire Solotareff. Sie schätzt Humor und Tierliebe der Engländer und bedauert, dass Hugh Loftings „Doktor Doolittle“-Bücher wegen vermeintlicher politischer Unkorrektheit – in der Kinderliteratur ein weites Minenfeld – praktisch vergessen sind. Begeistert zeigt sie aber auch die Bilderbücher des Chinesen Chen Jianghong. Als dessen „Tigerprinz“ mit dem Rattenfänger-Literaturpreis der Stadt Hameln ausgezeichnet wurde, saß sie in der Jury.

„Das ist auch ein Lieblingsbuch von mir“ – die an diesem Vormittag häufig gebrauchte Formulierung verhehlt nicht, dass Gundel Mattenklott alles andere als eine Anhängerin rein subjektivistischer Beurteilung ist. Um die individuelle Besonderheit ebenso zu erkennen wie die Schwächen, nähert sie sich einem Buch vor allem mit Fragen wie der, welche Auffassung vom Kind, von der Kindheit und vom Erwachsensein einem Werk zugrunde liegen. Sie fragt, in welchem Ausmaß das Kind symbolisch erhöht oder gar mythisiert wird, welches Weltbild es dem Kind vermittelt und ob die Stärkung der kindlichen Autonomie ein Interesse des Buches ist. Wenn es in einem Buch Sieger und Verlierer gibt – stehen die Kinder und die Erwachsenen immer auf entgegengesetzten Seiten? Ebenso wichtig wie der pädagogische Blick ist ihr der literarische. Nach der Grundregel: So einfach wie nötig, so komplex wie möglich, betrachtet sie Personenzeichnung, Bildlichkeit und Metaphorik. Weil Kinder Wiederholungen lieben, sind sie in der Handlung völlig in Ordnung – aber nicht, wenn es der Autor oder der Künstler ist, der sich wiederholt. Misstrauisch wird sie auch, wenn sie einem Buch eine Absicht, eine gezielte Botschaft anmerkt. Auch deswegen ist ihr der Tod als beliebtes Kinderbuchthema suspekt. „Das heißt ja nicht, dass man etwas verdrängt, schon gar nicht den Tod. Aber – das fand ich schon als Kind bei Spyri – diese Bücher machen Angst. Und wozu soll die gut sein?“ Eines von Gundel Mattenklottts nächsten Buchprojekte ist eine Geschichte des Bilderbuchs ab 1980. In Gestalt ihrer Bibliothek hat sie sie bereits geschrieben.

Die erste Folge unserer Serie über Büchersammler erschien am 12.August.

Quelle: F.A.Z.
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