Fiktion oder Fakten?

Ein Buch gegen alle Literaturdebatten

Von Julia Encke
 - 22:37

Neulich wurde wieder der Versuch unternommen, eine dieser Grundsatzdiskussionen zu führen, mit denen sich die Literaturkritik ihrer eigenen Wichtigkeit versichert. Unter dem Titel „Warum mich Romane heute nur noch langweilen“ behauptete ein Kollege in der „Welt“, die „radikalen Ich-Texte“ von Karl Ove Knausgård, Benjamin von Stuckrad-Barre und Thomas Melle seien „mutiger als Romane“. Er hielt sie sogar für wahrhaftiger, weil sie gesättigt seien vom Leben. Beim Lesen des Textes hatte man ehrlich gesagt den Eindruck, dass der Autor ziemlich verzweifelt nach einem Thema gesucht hatte, über das er schreiben könnte, und dann wahrscheinlich festgestellt hatte, in letzter Zeit viele Ich-Bücher und Memoirs, aber schon lange keine Romane mehr gelesen zu haben, die er dann beschloss, doof zu finden. Mehr stand wirklich nicht drin im Text.

Trotzdem gab es Widerspruch. Dass in den Ich-Büchern die Authentizität auch nur ein Effekt sei, also selbst eine Fiktion, schrieb mein Kollege in der F.A.Z., was ein absolut berechtigter Einwand war, dem Literaturblog „tell“ aber offenbar zu unzeitgemäß und unaufgeregt. Auf „tell“ wurde die Befindlichkeit des „Welt“-Autors auf abenteuerliche Weise in eine „momentane ,J’accuse‘-Stimmung gegenüber der Fiktion“ ausgeweitet und umgedeutet, die den „absurden Vorwurf“ erhebe, „Romane seien postfaktisch“. Der gegenwärtige „Abgesang auf die Fiktion“ – konnte man auf „tell“ lesen – sei „daher vor allem eins: ein so verwegener wie naiver Abwehrzauber gegen die sogenannten Fake News“. Das klang extrem brisant. Der „tell“-Autor kam sich bestimmt sehr toll vor, die Scheindebatte mit besonders aktuellen und dann auch noch politischen Begriffen aufgepimpt zu haben. Leider ohne jeden Erkenntnisgewinn.

Das ist der Spaß an der ganzen Sache

Und so ist das dann meistens mit diesen pseudoliteraturkritischen Debatten. Es kommt, besonders wo es um Fakten und Fiktion geht, um Ich-Texte, die offen autobiographisch daherkommen, oder Texte, die das Autobiographische aufwendig verschleiern, am Ende überhaupt nichts heraus, was Anlass dazu gäbe, die einen den anderen vorzuziehen. Es lässt sich ohne weiteres nichts verallgemeinern oder zu Tendenzen verklären, weil jeder Text und jedes Buch seine ganz eigene Aufmerksamkeit fordert. Das ist ja gerade die Mühe, die man sich machen muss, und übrigens auch der Spaß an der ganzen Sache.

In genau dem Augenblick, in dem man ein neues Buch aufschlägt, verwickeln einen die Stimmen, die darin erzählen, aufs Neue in ein Spiel, in dem Erlebtes wie erfunden erscheinen oder Erfundenes völlig wahrscheinlich anmuten kann (oder Echtes wie echt und Erfundenes wie total erfunden). Jeder Einzelne kann dann entscheiden, ob er dem folgen will, kann sehen, was es mit ihm macht und ob es ihm etwas sagt, was über die erzählte Geschichte hinausweist.

Also schlage ich lieber wieder ein neues Buch auf. Eines, von dem schon viel zu hören war, in welchem angeblich alles autobiographisch sein soll, die Wirklichkeit sich aber in eine abgedrehte Fiktion verwandelt, die auf die Wirklichkeit dann wieder zurückwirkt. Es geht um „I Love Dick“ von der 1955 in New York geborenen Schriftstellerin und Filmemacherin Chris Kraus, ein Buch, das sich zwischen Memoir, Autofiktion und Roman bewegt. Zum ersten Mal ist es 1997 erschienen, in dem kleinen unabhängigen Verlag Semiotext(e) von Sylvère Lotringer, den Chris Kraus später heiratete (und der uns im Roman gleich wieder begegnen wird). Lotringer, der, wie der Schriftsteller Georges Perec, während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich zu den versteckten jüdischen Kindern gehörte, war in den siebziger Jahren in die Vereinigten Staaten gegangen und hatte in der New Yorker Kunst- und Literaturszene die Werke der französischen Theorie bekanntgemacht, Deleuze, Foucault, Virilio. Den Verlag gibt es bis heute.

Lena Dunham liebt diesen Humor

Von „I Love Dick“ verkaufte er pro Jahr nicht einmal hundert Exemplare. 2006 wurde das Buch wieder aufgelegt und erst in den letzten Jahren von jungen amerikanischen Autorinnen neu entdeckt, die völlig außer sich waren über das, was sie da lasen. „Ich weiß, dass es eine Zeit gab, bevor ich ,I Love Dick‘ gelesen habe, aber es ist schwer, sich das vorzustellen“, schrieb die Schriftstellerin Sheila Heti, die im „Believer“ ein langes Interview mit Chris Kraus führte. Lena Dunham empfahl es weiter oder Rachel Kushner. Sie alle erlagen dabei vor allem dem Humor, der, als das Buch in den neunziger Jahren erschien, von Leserinnen und Lesern überhaupt nicht wahrgenommen worden war. Im Gegenteil hatten viele beklagt, dass die Frau im Roman vom Selbsthass zerfressen sei, sich unablässig selbst herabsetze. Auf die Idee, dass das lustig sein könnte, kam, als die Selbstherabsetzungsnummer in Sachen Humor eher noch den Männern vorbehalten war, niemand. Inzwischen ist das anders. Ab Mitte Februar wird es sogar eine „I Love Dick“-Amazon-Serie geben. Und jetzt schon gibt es den Roman erstmals auch auf Deutsch.

Es beginnt am 3. Dezember 1994. Chris Kraus, experimentelle Filmemacherin, 39 Jahre alt, und Sylvère Lotringer, College-Professor in New York, 56 Jahre alt, essen gemeinsam mit Dick (ohne Nachnamen), einem Bekannten von Sylvère, in einer Sushi-Bar in Pasadena zu Abend. Während des Essens besprechen die Männer die jüngsten Entwicklungen postmoderner Theorie, und Chris, „die keine Intellektuelle ist“, wie es der Roman ironisch will, bemerkt, dass Dick ihr wiederholt Blicke zuwirft. Im Radio wird für den San-Bernadino-Highway Schneefall angekündigt. Großzügig lädt Dick die beiden ein, die Nacht in seinem Haus in der Wüste des Antilope Valley zu verbringen, etwa 130 Kilometer entfernt. Sie willigen ein, fahren hin, verbringen den Rest des Abends bei Dick zu Hause. Chris erwidert benommen die Blicke des Gastgebers, der ihnen um zwei Uhr morgens ein Video vorspielt, das im Auftrag des englischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens entstanden ist und in dem er als Johnny Cash verkleidet auftritt. Schlechte Kunst, findet Chris, mache ihre Betrachter viel aktiver, sagt es nicht laut, träumt aber die ganze Nacht von Dick, der, als Sylvère und Chris am nächsten Morgen auf dem Schlafsofa aufwachen, verschwunden ist.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Das ist die Ausgangssituation, die die Projektionsmaschine in Gang wirft. Denn tatsächlich dreht Chris nach diesem Abend völlig durch und zieht Sylvère mit hinein in ihren Projektionswahn. Mit einem Mal geht es nur noch um Dick, der das zunächst natürlich gar nicht vermutet und auch gar nicht wissen kann. Weil Chris nicht aufhört, über den Abend mit Dick nachzudenken, schreibt sie zunächst eine Erzählung mit dem Titel „Abstrakte Romantik“: „Es begann im Restaurant“, schreibt sie. „Es war früher Abend, und wir lachten alle ein wenig zu viel.“ Während sie schreibt, klingelt das Telefon. Dick ruft an und will sein Verschwinden in der Nacht zuvor erklären. Er sei früh aufgestanden und losgefahren, um sich ein paar Eier mit Speck zu holen. Das Gespräch dauert drei Minuten, Chris legt auf und rennt die Treppe herunter, um Sylvère zu suchen.

Sylvère ist ein europäischer Intellektueller, der Seminare zu Proust gibt und in der Analyse all der zahllosen winzigen Einzelheiten der Liebe sehr bewandert ist. Doch wie lange kann man einen einzigen Abend und einen dreiminütigen Anruf auseinandernehmen? Also beschließt Chris, Dick einen Brief zu schreiben, und fragt Sylvère, der ihr zuliebe einwilligt, ob er nicht auch einen schreiben wolle. Seitenlang können wir diese Briefe verfolgen, denn „I Love Dick“ verwandelt sich in eine Art doppelten Briefroman, in dem der Adressat stumm bleibt, sein Schweigen die Phantasie aber nur noch mehr anpeitscht und das Paar, Sylvère und Chris, auseinandertreibt.

Was für eine Hetzjagd!

„Es muss der Wüstenwind sein, der uns in jener Nacht zu Kopf gestiegen ist, vielleicht auch der Wunsch, das Leben ein wenig zu fiktionalisieren“, heißt es an einer Stelle. Und tatsächlich ist „I Love Dick“ ein Roman, der reflektiert, was passieren kann, wenn die Fiktionalisierungsmaschine einmal angeworfen ist. Ein Roman, der von den Ungeheuerlichkeiten erzählt, die mit der Produktion von Literatur verbunden sind. Dazu gehört zum einen die komische Wut darüber, jemanden nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen („Lieber Dick, warum hast du uns das angetan? Kannst du uns nicht in Ruhe lassen?“). Zum anderen natürlich das Stalking-Moment, die Gier, den anderen zu verfolgen („Haben wir irgendein Recht dazu, Dir unsere Fantasien aufzudrängen? Was für eine Hetzjagd!“).

Chris Kraus hat in Interviews offen darüber gesprochen, wie autobiographisch „I Love Dick“ ist (und dass derjenige, der sich in Dick wiedererkannt hat, nichts mit dem Buch zu tun haben wollte). Das Autobiographische schließt in diesem Fall – tatsächlich ja aber nicht nur in diesem – auch das Schreiben selbst mit ein, weil Sylvère und Chris wirklich da saßen und Briefe schrieben, mit denen sie ein völlig neues Genre zu erfinden meinten, „irgendwo zwischen Kulturkritik und Belletristik“. Wie in der Literatur beides einander bedingt, wie die Fiktion sich ins Echte verwandelt, davon erzählt dieser wunderbar abgedrehte, komische und theoretisch bis zum Anschlag gesättigte Roman: „Wie konnte ich dir nur begreiflich machen, dass meine Briefe an dich das Echteste waren, was ich je getan hatte?“, heißt es an einer Stelle. Und da erübrigen sich alle Debatten.

Chris wird, nach der Trennung von Sylvère, Dick treffen. Sie wird auch eine Antwort von ihm erhalten. Über beides soll hier nichts gesagt werden. In ihren Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, in der unablässigen Beschäftigung mit der Person, für die sie Dick hält und in der sie überall Verweise auf das findet, was sie gelesen oder in Filmen gesehen hat, findet Chris im Verlauf des Romans eine ganz eigene sichere Stimme. Auch davon erzählt „I Love Dick“. Von der verführerischen Hölle der Fiktion, durch die Chris gehen muss, um zu dem zu finden, was sie selbst ist. „Sie rang nach Luft, stieg aus dem Taxi und zeigte ihren Film“, lautet der letzte Satz des Romans. Der Film gehört endlich nur ihr.

Chris Kraus: „I Love Dick“. Aus dem Englischen von Kevin Vennemann. Matthes & Seitz. 290 Seiten, 22 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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