Daniel Kehlmann

Turmfensterblick: „Rapunzel“

 - 15:41

Eine Frau hat Hunger nach den Rapunzeln (das sind, sagt das Grimmsche Wörterbuch, Salatköpfe) im Nachbargarten. Ihr Mann steigt über die Mauer, die Besitzerin ertappt ihn, leider ist sie eine Hexe, und in seiner Angst verspricht er ihr sein erstgeborenes Kind.

Die Tochter wird passenderweise Rapunzel genannt und prompt nach der Geburt übergeben. Die Hexe bringt sie in einem Turm ohne Tür unter; wenn sie das Mädchen besuchen will, läßt dieses die überlangen Haare, „fein wie gesponnen Gold“, aus dem Fenster. Eines Tages hört ein junger Prinz ihren Gesang, reitet herbei, und sie läßt ihr Haar für ihn hinab. So geschieht es regelmäßig.

Und nur weil Rapunzel schwanger wird und sich zudem noch verplappert („Sag' Sie mir doch, Frau Gotel, wie kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen Königssohn?“), endet die Idylle, und die Hexe verbannt Rapunzel in eine Wüste. Dann läßt sie das abgeschnittene Haar hinunter und schleudert den angelockten Prinzen in eine Dornenhecke, die ihm die Augen aussticht. Blind irrt er durch die Lande, bis er zufällig in Rapunzels Wüste kommt, wo ihre Tränen seine Augen heilen.

Rotes Blut auf weißem Schnee

Die Bilder eigentlich sind es und nicht die abstrusen, schnell vergessenen Geschichten, welche ein Märchen unserem Gedächtnis einprägen: rotes Blut auf weißem Schnee, ein sprechender Pferdekopf über dem Stadttor, ein Mädchen in Schuhen aus Glas, ein Mann, der am Haar einer Frau zu einem Turmfenster hinaufsteigt. Man hat das Gefühl, sie zu verstehen, aber wenn man sie deuten soll, beginnt man zu stottern und bringt allenfalls vulgärfreudianische Plattheiten zustande.

Sicher doch, das Klettern an den Haaren ist eine Metapher für die Entjungferung, für Ausbeutung in der Partnerschaft, für erzieherische Gewalt, aber es ist auch etwas viel Tieferes. Wie Schopenhauer es von der Musik sagt, scheinen Bilder wie dieses einer Sprache zu entstammen, die wir mühelos verstehen, aus der wir aber nicht übersetzen können. Nur ihretwegen merken wir uns die Märchen, bloß des Haares und des Turms wegen hat Rapunzels Name überlebt - bis in eine Zeit, in der fast niemand mehr weiß, daß er eigentlich einen Salatkopf bezeichnet.

Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien. Die Märchen der Brüder Grimm, illustriert von Nikolaus Heidelbach, gibt es beim Verlag Beltz& Gelberg für 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 14.01.2006, Nr. 12 / Seite 35
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