E-Book von Aboud Saeed

Zur Hölle mit der Realitätskritik

Von Elke Heinemann
 - 12:35

In seiner Stockholmer Rede hat sich der Nobelpreisträger Patrick Modiano gefragt, wie wohl künftige Generationen eine Welt literarisch zum Ausdruck bringen werden, in der Facebook, Twitter und Google dem Einzelnen jenes Geheimnis nehmen, das bisher ein großes Romanthema sein konnte. Erstaunlich finde ich die Frage aus zwei Gründen.

Erstens ist das Internet für viele nicht der Ort der persönlichen Offenbarung, sondern der öffentlichen Inszenierung einer konstruierten Identität: Wie in einem Gedicht, einem Roman, einer Kolumne kann ich „ich“ sagen, ohne mich zu meinen. Zweitens gibt es schon heute eine sogenannte „Literatur von morgen“, die sich aus den digitalen Kommunikationskanälen speist. Verfasst wird sie von Online-Autorinnen und -Autoren, die sich nicht am Geniebegriff, am geschlossenen Kunstwerk, an der Trennung von Fiktion und Fakt zu orientieren scheinen, sondern an den hierarchie- und subjektkritischen Positionen postmoderner Konzepte.

Der klügste Mensch im Facebook

„Zur Hölle mit dem Strukturalismus, dem Dekonstruktivismus und der vertikalen Lesart von Prosagedichten“, protestiert der syrische Autor Aboud Saeed, „zur Hölle mit der Theorie vom Tod des Autors und der Realitätskritik.“ Obwohl Größenwahn Saeeds Stilmittel ist, suche ich vergeblich nach seinem Wikipedia-Eintrag. Der Berliner Digitalverlag mikrotext schreibt, Aboud Saeed sei 1983 geboren, habe in der nordsyrischen Kleinstadt Manbidsch als Schmied gearbeitet, lebe heute mit politischem Asyl in Berlin. Seit Beginn der syrischen Revolution postet er auf Facebook Anekdoten, Aphorismen und Lyrismen über die Plastikschlappen seiner Mutter, regimetreue Mädchen im Bikini, Bombenangriffe der Assad-Armee auf die Zivilbevölkerung.

Was fiktiv, was real ist, lässt sich schwer ausmachen. Als 2013 „Der klügste Mensch im Facebook“, eine Auswahl aus den „Statusmeldungen aus Syrien“, als Original-E-Book auf Deutsch erschien, fuhren ZDF-Reporter nach Manbidsch, fanden heraus, dass es Aboud Saeed tatsächlich gibt, und feierten ihn als „syrischen Bukowski“. Über Nacht ist der krakeelende Prolet, der sich ein Zimmer mit sieben Geschwistern teilt, der Star eines kleinen, rasch wachsenden E-Book-Fanclubs. Sein Debüt wird ins Spanische und Englische übertragen, in Anthologien aufgenommen, als Hörspiel, als Theaterstück umgesetzt und erscheint am Ende auch als gedrucktes Buch. Wer etwas über erfolgreiche Online-Literatur erfahren möchte, dachte ich damals, kommt um Aboud Saeed nicht herum.

Nun ist bei mikrotext sein zweites E-Book herausgekommen, wie das Erstlingswerk aus dem Arabischen übertragen von der Netzaktivistin Sandra Hetzl. „Lebensgroßer Newsticker. Szenen aus der Erinnerung“, eine Sammlung von Anekdoten, Gedankenspielen und Alltagsskizzen, stellt das Debüt des Autors nicht in den Schatten, sondern wirft vielmehr ein Licht auf die Frage, wie sich Literatur im digitalen Raum entwickelt.

Bücher in Haifischform

Die Leserin erfährt, dass Aboud Saeed in seiner Kindheit auf Müllhalden nach Melonenresten suchte, zerlöcherte Socken und gefundene Schuhe trug, vor Wut „auf die Teddybärenkinder“ spuckte sowie „auf die syrischen Staatsmedien, auf Krawatten, Make-up. Pflichten. Auf Glühbirnen, Kerzen und den Sicherheitsrat. Jetzt bin ich erwachsen, und mein Mund ist leer.“ Das reale Leben ist mit dem virtuellen eng verwoben. Der Erzähler wächst mit Al-Qaida und dem Baath-Regime auf, besucht Internet-Bordelle, träumt, er wäre Gregor Samsa. Die lebenskluge Mutter, die weder lesen noch schreiben kann, fädelt derweil die Lebern ihrer im Bürgerkrieg getöteten Söhne wie Okraschoten zum Trocknen auf, „damit sie auch im Winter davon essen kann“.

Manche der achtunddreißig kurzen Texte sind der Leserin inhaltlich zu banal, formal zu kunstlos. Auch kann sie dem schalkhaften Ton der orientalischen Geschichten aus 1001 Bombennacht nicht immer etwas abgewinnen. Begeistert hingegen ist sie, wenn Aboud Saeeds allzu launige Lebensbeschreibung ins Absurde, Surreale, Phantastische umschlägt: Wenn der Autor auf der Flucht aus Syrien den Anti-Helden eines Hollywoodszenariums imitiert. Wenn er im deutschen Exil den großen freien Hund in sich wachzurütteln versucht, der einst auf syrischen Müllhalden das Fleisch Husains und Mohammads fraß. Wenn er von einem richtigen Leben im falschen träumt, in dem die Bombe den älteren Bruder knapp verfehlt. „Ein Leben, in dem die Körpersprache die offizielle Sprache wäre und die Armee aus Musikbands bestünde. Ihre Waffen wären Klavier und Trompete und Rebab. Gefängnisse würden zu Theatern und Kinosälen, in denen ein stummer Kurzfilm von mir mit dem Titel ,Lebensgroßer Newsticker‘ vorgeführt würde. Es gäbe Flüsse, und die Fische darin wären Bücher. Ich wäre ein großer wichtiger Schriftsteller. Meine Bücher wären Bücher in Haifischform, die Bücher von Hassan Blasim und Bukowski hätten die Form von Walen.“

Wichtiger als Lady Gaga

Die Übersetzerin Sandra Hetzl und mikrotext-Verlegerin Nikola Richter wären gut beraten gewesen, wenn sie eine kleinere Auswahl aus den neuen Texten ihres Autors getroffen hätten. Zumal die Prosa den „Statusmeldungen aus Syrien“ inhaltlich sehr nahe kommt, die nach wie vor erhältlich sind, denn E-Books sind im Unterschied zu Büchern fortlaufend verfügbar. In Syrien postet Aboud Saeed in Echtzeit Erträumtes und Erlebtes. Das ist witzig, lakonisch, poetisch. In Berlin versucht er, Erinnerungen an Erträumtes und Erlebtes zu verdichten. Und protokolliert doch einiges davon nur. Auch nimmt er in seiner Prosa nicht den eindrucksvollen Sprechgesang auf, der seine Facebook-Postings auszeichnet. Vielmehr inszeniert er eine Oralität, die oft recht reduziert wirkt: „Wofür all dieses Gelaber? Natürlich um letztlich wieder über mich selbst zu reden.“

„Der klügste Mensch im Facebook“ beeindruckt mich, weil das Geschehen wie erfunden wirkt und der Ich-Erzähler, „der eitle Aboud Saeed, der extrem eingebildet ist und sich für viel wichtiger hält als Mohammad Al-Maghout, Adonis und Lady Gaga“, wie eine beispielhafte Romanfigur. Fiktive Online-Kommunikation, experimentelle oder unterhaltsame E-Mail-Romane, welche die Tradition des Briefromans fortsetzen, kann man seit Jahren gedruckt finden. Nun werden viele Texte, die im Internet entstanden sind, Blogs, Facebook-Einträge und Tweets, kuratiert und als Original-E-Books publiziert.

Multimediale Erzählweisen

Der Roman, der sich auf dem Buchmarkt zur Königsform entwickelt hat, weil sich mit ihm mehr Umsatz machen lässt als mit Erzählungen und Gedichten, ist für Blogger, Facebook-User und Twitterer nicht maßgeblich. Und Digitalverlage wie mikrotext setzen auf kurze Texte, die man auf dem Smartphone lesen kann. Formal durch monumentale Experimente wie „Finnegans Wake“, „Rayuela“ oder „Zettels Traum“ längst überwunden, könnte der Roman in der digitalen Literaturwelt hingegen untergehen, in der nicht-lineare, multimediale und kollaborative Erzählweisen erprobt werden.

Aber entsteht auf diese Weise anspruchsvolle Literatur? Oder sind die ästhetischen Konzepte interessanter als die literarischen Ergebnisse? Und welche andere Neuerungen bestimmen die E-Book-Welt? Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

Die Autorin, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Die erste Folge ihrer „E-Lektüren“ erschien am 1. April.

Aboud Saeed: „Lebensgroßer Newsticker“. Szenen aus der Erinnerung.
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.
mikrotext, Berlin 2015. Ca. 250 Seiten auf dem Smartphone, 5,99 €.

Aboud Saeed: „Der klügste Mensch im Facebook“. Statusmeldungen aus Syrien.
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. Mit Nachwort und Glossar der Übersetzerin.
mikrotext, Berlin 2013. Ca. 250 Seiten auf dem Smartphone, 1,99 €.
 

Quelle: F.A.Z.
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