Lesen auf dem Tablet

Vom Eselsohr zum digitalen Lesezeichen

Von Michael Spehr
 - 17:10

Fehlt uns das? Der haptische und sinnliche Eindruck, die liebevoll gestaltete Typographie, das Eselsohr als Lesezeichen? Wer seine Bücher nur elektronisch liest, fokussiert sich stärker denn je auf den Inhalt. Die Buchgestaltung wird nahezu bedeutungslos. Das mag man bedauern. Der Umsatzanteil von E-Books am Publikumsmarkt, der Schul- und Fachbücher ausschließt, betrug nach den Erhebungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr 4,3 Prozent. Rund 30 Millionen E-Books werden in Deutschland jährlich gekauft. Das elektronische Buch wird zu einer festen Größe, wenngleich sich der Markt nicht so dynamisch wie in den Vereinigten Staaten entwickelt.

Aber das eigenständige Lesegerät für E-Books, der E-Book-Reader, hat vermutlich seine besten Tage schon hinter sich. Im Januar musste das deutsche Unternehmen Txtr, das E-Book-Reader seit 2009 vorgestellt hatte, Insolvenz anmelden. Selbst der Amazon Kindle, dereinst Pionier einer ganzen Gerätegattung, verkauft sich nur noch schlecht.

Das berichtet nicht sein Hersteller, sondern der größte englische Buchhändler Waterstones, der eng mit Amazon kooperiert und bei stark steigenden Verkaufszahlen für E-Books von einer verheerenden Bilanz für die Lese-Hardware im vergangenen Weihnachtsgeschäft spricht.

Digitale Ausgaben sind billiger

Wo lesen sie denn? Auf dem Tablet PC oder auf dem immer größer werdenden Smartphone. Die Mobilgeräte scheinen für diese Aufgabe jedoch schlechter gerüstet zu sein als die Reader. Sie haben weder die stromsparende E-Ink-Displaytechnik noch die lange Akkulaufzeit. Konventionelle Displays lassen sich zudem draußen bei hellem Sonnenschein nur schlecht nutzen, und ein Tablet PC mit bis zu 600 Gramm Startgewicht liegt schwer in der Hand.

Trotzdem wird gelesen wie nie zuvor. Auch stört sich kaum jemand an der Tatsache, dass man ein E-Book nicht erwirbt. Man kann es nach der Lektüre nicht verkaufen oder verschenken, sondern erhält allein eine Lizenz zum Lesen, die an einen Account gebunden ist.

Wir haben nach Apps gesucht, die aus dem Tablet PC ein elektronisches Buch machen. Am einfachsten hat es der Apple-Kunde mit dem iPad. Hier ist die zum Betriebssystem gehörende iBooks-Software mit dem eigenen iTunes-Konto verknüpft, und man liest, was Cupertino im Angebot hat. Derzeit gibt es laut Apple weltweit 2,5 Millionen Bücher. Wie viele deutschsprachige darunter sind, wird nicht mitgeteilt. Je populärer ein Buch, desto wahrscheinlicher ist es hier anzutreffen. Bei allen elektronischen Büchern gilt in Deutschland die Preisbindung. Aber für die Lizenz zum Lesen zahlt man zehn bis 20 Prozent weniger als für das gedruckte Werk.

Pdf als Buchformat

Der Charme von iBooks gründet nicht nur in seiner tiefen Integration in das iOS-Betriebssystem und die iTunes-Medienbibliothek. Die App ist nett und schnörkellos gestaltet, verschiedene Bildschirmschriften und Hintergrundfarben stehen zur Verfügung, und man kann die Display-Helligkeit für die App individuell einstellen. Mit einer optional einblendbaren Navigationsleiste sieht man die ungefähre Leseposition im Buch.

Zu den kleineren Extras gehören die Suchfunktion sowie die Möglichkeit, Fremdwörter schnell in Online-Lexika oder der Wikipedia nachschlagen zu können. Ferner lassen sich Notizzettel an einzelne Passagen anhängen, und man kann auch PDF-Dateien wie ein Buch lesen. Der Kopierschutz bleibt unaufdringlich im Hintergrund, man merkt ihn nicht. Mit der neu bereitgestellten Familienfreigabe können auch sechs andere Menschen im Haushalt in den erworbenen Büchern schmökern, ohne Apple-ID oder Kennwörter austauschen zu müssen.

Das in Deutschland weitverbreitete Epub-Format für elektronische Bücher wird von iBooks ebenfalls unterstützt. Epub basiert auf XML und kann mit geringem Aufwand von jedermann erstellt werden, etwa mit der Gratis-Software Calibre. Die Strukturen und Spezifikationen sind frei einsehbar. Epub ist ein besonders kompaktes Format und erlaubt einen dynamischen Zeilen- und Seitenumbruch, unabhängig von der jeweils eingestellten Textgröße. Allerdings versteht iBooks nur „Epub pur“ ohne digitale Rechteminderung. Es lassen sich also allein die gemeinfreien Epubs mit iBooks auf dem iPad installieren.

Mit Adobe auf Bibliotheken zugreifen

Die kommerziellen Titel des deutschen Buchhandels jenseits der Apple-Welt sind stets mit der digitalen Rechteminderung (DRM) von Adobe versehen. Das umstrittene Kopierschutzsystem „Digital Editions“ ist an einen einzigen PC gebunden, der mitsamt seiner Hardware-Komponenten unter die Aufsicht von Adobe gestellt wird: Im Oktober wurde bekannt, dass die Version 4 der Software die Nutzung von E-Books bis ins kleinste Detail überwacht und unverschlüsselt Informationen an Adobe sendet. Es gab damals auch Hinweise darauf, dass Digital Editions die Festplatte des Rechners durchsucht und Informationen über anderweitig abgelegte E-Books sammelt, etwa solche, die mit Calibre verwaltet werden.

Um ein Epub-Buch mit Adobes DRM auf dem Apple-Gerät (oder einem Androiden) zu lesen, benötigt man die Gratis-App Bluefire und ein Adobe-Konto mit den entsprechenden Nutzungsrechten. Das alles ist sehr kompliziert, bringt aber einen großen Pluspunkt: Mit Bluefire lässt sich die digitale „E-Ausleihe“ vieler Bibliotheken nutzen. Ein Verzeichnis der Bibliotheken, die dieses Verfahren anbieten, und eine gute Anlaufstation mit praktischen Hinweisen findet sich unter www.onleihe.net. Ein zweiter Vorteil von Bluefire: Direkt aus der App heraus lassen sich ungezählte gemeinfreie Epubs aus verschiedenen Quellen laden. Eine der bekanntesten Anlaufstellen ist feedbooks.com.

Android bietet größere Auswahl

Ausleihen kann man Bücher neuerdings auch im Kindle-Buchladen von Amazon. Aus 700.000 Werken lassen sich bis zu zehn gleichzeitig ausleihen, das kostet zehn Euro im Monat. Seit dem Marktstart des ersten Kindle-Lesegeräts vor acht Jahren hat der amerikanische Versandhändler sein „Ökosystem“ rund um das Lesen in vielfacher Weise ausgebaut. Hier greift nahtlos eins ins andere, und der Kopierschutz der elektronischen Bücher im proprietären Amazon-Format bleibt für den Nutzer abermals unsichtbar.

Man kann auf der Amazon-Internetseite mit einem Mausklick neue Titel kaufen, und diese werden dann automatisch an verknüpfte Amazon-Geräte und -Apps übertragen. Um die Einkäufe auf einem Tablet PC zu lesen, benötigt man die gratis bereitgestellte Amazon-App, die wie Apples iBooks aufgebaut ist und ähnlichen Komfort bietet. Der Gewinn ist jedoch die Plattform-Unabhängigkeit mit der Option, in nahezu allen Hardware-Welten auf die eigene Hausbibliothek zugreifen zu können.

Mehr Freiheit verspricht nicht zuletzt das Betriebssystem Android: Die Hardware-Auswahl vom besonders günstigen XXL-Smartphone für 150 Euro bis hin zum staub- und wasserdichten Luxus-Tablet fürs Lesen am Strand ist in der Google-Welt am umfangreichsten. Ein weiterer Pluspunkt gegenüber der Apple-Welt ist die unkomplizierte Bestückung mit neuem Lesefutter: Die eigenen gemeinfreien Epub-Dateien oder PDFs lassen sich sekundenschnell mit einer USB-Verbindung oder via Speicherkarte aufs Lesegerät übertragen, und zwar ohne vorherige Softwareinstallation oder Kontoeinrichtung.

Dicke Bücher laufen nicht ruckelfrei

Android bietet neben der Amazon- oder Bluefire-App zudem ein reichhaltiges Angebot weiterer Leseprogramme, die man in der Regel zunächst in einer Gratisversion ausprobieren kann. In der Basisfunktionalität sind die Unterschiede gering. So gut wie alle Kandidaten bieten unterschiedliche Schriftgrößen, das Markieren von Textstellen und das Setzen von Lesezeichen. Wir probierten ein Dutzend Programme auf dem schnellen Samsung Galaxy Tab S, das zudem mit seinem erstklassigen Bildschirm beeindruckt.

Nicht jede App lief jedoch bei dicken Büchern mit üppiger Bebilderung ruckfrei und glatt. Uns hat der UB Reader von Mobisystems am besten gefallen, er unterstützt neben Epub- und PDF-Dateien auch die Adobe ID. Die App steht gratis im Play Store, eine Version ohne Reklameeinblendungen kostet gerade mal fünf Euro.

Unser Fazit nach einigen Wochen und etlichen Büchern: Ans Lesen mit dem Tablet PC gewöhnt man sich schnell, und es macht Spaß. Die Software ist ausgereift. Bei der Wahl der Hardware ist die kniffeligste Frage, welche Geräte- und Displaygröße für lange Leseabende am besten gefällt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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