E-Book-Kolumne „E-Lektüren“

Dichter und Computer im radikalen Zwiegespräch

Von Elke Heinemann
 - 08:55

Es war einmal vor langer Zeit, um die letzte Jahrtausendwende herum, als nur ein winziger Expertenkreis das E-Book als mögliches Trägermedium für Literatur ins Auge fasste; da entschlossen sich ein paar Wagemutige, Online-Portale zu gründen, um Lyrik im Internet zu präsentieren, die in den Schatten des massen- und marktorientierten Buchbetriebs gerückt war.

Die genuine Digitalpoesie unserer Tage, die zur Medienkunst zählt, nutzt Sprache als reines, vom Semantischen losgelöstes Material für akustisch-visuelle Installationen und Online-Experimente. Ist aber die genuine Lyrik unserer Tage, die mit Permutationen und Kombinationen immerhin mathematischen Verfahren folgt, völlig frei von digitalen Einflüssen? Das habe ich mich gefragt und diese Frage an deutschsprachige Lyrikportale weitergegeben. Die zahlreichen ausführlichen Antworten, von denen ich hier aus Platzgründen nur einige auszugsweise zitieren kann, könnten glatt den Grundstock einer germanistischen Dissertation bilden.

Andreas Heidtmann, der seit zehn Jahren das Webportal poetenladen.de betreibt, schreibt mir beispielsweise, er habe „noch nie ein digitales Gedicht (= ein Gedicht, das die Möglichkeiten des Digitalen als Verfahrensweise originär (mit) nutzt) erhalten oder vorgeschlagen bekommen“. Kurzum, es gebe „nur ,Papierlyrik‘, die man digital präsentieren kann“. Denn Lyrik „ist ein Genre, das nicht am Bildschirm und im Dialog mit digitalen Prozessen entsteht, sondern im Kopf oder Bauch (oder wo auch immer) blitzhaft, anfallweise“.

„Sie sind der Publikum“

Gleichwohl: Hendrik Jackson, Dichter und Herausgeber des Portals lyrikkritik.de, weist mich auf ein semidigitales Experiment des vielfach ausgezeichneten Lyrikers Ulf Stolterfoth hin. Die „Ammengespräche“, erschienen im Schweizer Lyrikverlag roughbooks und auszugsweise auf planetlyrik.de nachzulesen, basieren auf „teil-aleatorischen Gesprächen“ zwischen Stolterfoth und einem Computer, der so programmiert wurde, „dass er nur bestimmte, noch im Rahmen der Grammatik halbwegs sinnvolle Sätze generiert“.

Spannend findet Jackson, „dass gerade die intentionslose Kombinatorik ungeahnte Zusammenhänge ermöglicht und das Potential der Sprache in vielerlei Hinsicht radikaler freisetzt als noch so inspirierte Autorenpoesie“. Stolterfoths Versuch, einen poetologischen Diskurs mit der Maschine zu führen, die ihm mit den Begrüßungsworten „Sie sind der Publikum“ seine Rolle zuweist, driftet erwartungsgemäß ins Absurde ab und eröffnet gerade auf diese Weise unerwartete Denk- und Spielräume.

Die „Ammengespräche“ sind lyrische Logbücher in der Tradition einer Literatur, die vom Rapport zwischen Mensch und menschenähnlichen Kunstwesen handelt. Formal und inhaltlich bergen sie daher viel mehr, als irgendein Poesiegenerator im Netz hervorbringen könnte.

Weiterdichtungen aus Google-Ergebnissen

Aber: „Es gibt eine ganze Menge Lyriker_innen, die im Schreiben Tools aus der digitalen Welt verwenden“, schreibt mir über das Portal fixpoetry.com das auf Dichtung spezialisierte Team vom Verlagshaus Berlin, das im Frühjahr eine E-Book-Reihe für Lyrik herausbringen wird. Beispielsweise ließ der Dichter Stephan Reich für seinen Band „Everest“ eigene Texte per Google Übersetzer in sieben Sprachen übertragen und dann zurück ins Deutsche. Wie Stolterfoth agiert Reich mit der Maschine, lässt sie gleichmütig Sinn in Unsinn verwandeln. Aber am Ende gibt er dem Ganzen, das durch die vielen Verfremdungen gewonnen hat, selbst Form und Gehalt: „apple sagt: kopieren sie ihre krankheit. überwachen sie/den fortschritt. füllen sie gott manuell.“

Heiko Strunk, zuständig in der Literaturwerkstatt Berlin für das internationale Poesieportal lyrikline.org, verortet den Einfluss des Digitalen auf die Gegenwartslyrik in algorithmischen Experimenten, wie sie der schwedische Konzeptdichter Pär Thörn unternimmt, der August Strindbergs Roman „Das rote Zimmer“ „lautlich zerlegt und in alphabetischer Reihenfolge wieder geordnet“ hat. Weitere aleatorische Beispiele digital inspirierter Kompilationen, die die Frage nach der ursprünglichen Urheberschaft außer Acht lassen, bieten laut Strunk der Tumblr-Blog Google Poetics und die aus den Vereinigten Staaten stammende „Flarf Poetry“ – „quasi Weiterdichtungen aus Google-Ergebnissen“, die es auch im deutschsprachigen Raum gebe.

Sprachkritik statt simulierter Nicht-Sinn

So hat der in Bern lebende Autor Hartmut Abendschein unter dem Titel „Flarf Disco“ in seiner edition taberna kritika sechzig „Popgedichte“ veröffentlicht, lyrische Montagen auf der Basis zahlreicher Musiktitel, dem „Korpus einer zeitgenössischen Popsprache“. Abendscheins Verfahren unterscheidet sich von der herkömmlichen Flarf-Technik, bei der zwei disparate Suchbegriffe im Netz gefunden, arrangiert, permutiert und von vielen Usern in endlos-ewige poems in progress verwandelt werden können. Aber Flarf-Simulakren gehören wie Flarf-Originale zur Nonsensliteratur, die sich mit lautsprachlichen Versen wie „meine ich fa/weine ich/do re mi so la ti do“ zunächst an unser musikalisches Gefühl wendet und bestenfalls im zweiten Schritt einen tieferen Sinn erschließt.

Wie Flarf-Poeten und doch anders gehen auch Kai Pohl und Clemens Schittko vor, die auf meine Anfrage bei fixpoetry.com mit Hinweisen in eigener Sache reagierten. Interessant finde ich ihre Anthologie serieller Texte „my degeneration. the very best of WHO IS WHO“, die im freiraum-Verlag vorliegt. Das titelgebende sprachkritische Listengedicht „WHO IS WHO“ basiert auf Suchmaschinenergebnissen, die per Cut-up und Montagetechniken miteinander kombiniert wurden: „Krieg heißt jetzt Friedenssicherung, Angriffskrieg heißt jetzt Verteidigung vitaler Interessen, Destroy heißt jetzt Erase.“ Die Haltung der Berliner Kompilatoren ist ebenso unprätentiös wie die der Flarf-Poeten; allerdings sind ihre Texte nicht simulierter Nicht-Sinn, sondern Proteste gegen die Verfälschung von Wirklichkeit durch eine sinnentleerte Sprache.

Als „Spam Poetry“ versucht sich eine weitere digitale, aus den Vereinigten Staaten stammende Neuerung der Lyrik zu behaupten. Der Münchener Autor Thomas Palzer hat im E-Book-Verlag mikrotext nach Themen geordnete Junkmails publiziert: „Wir laden Sie auf unsere Webseite ein: Wenn Sie unseren Newsletter abbestellen möchten, klicken Sie bitte.“ Palzer behauptet, Spam sei literarisch interessant, weil es sich vieler Textsorten bediene. Ob man Spam als Literatur im weiteren oder als Lyrik im engeren Sinne begreift, ist vielleicht abhängig von der Weite oder Enge des eigenen Literatur- und Lyrikbegriffs. Ich schließe mich hier dem Herausgeberteam des Lyrikportals karawa.net an, das mir schreibt: „Wenn der Begriff des ,Digitalen‘ Konsens für ein fortschrittliches Literaturverständnis zu werden droht, ist es selbstredend poetische Pflicht, ihn als solchen zu sabotieren.“ Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

Die erwähnten Bücher

Ammengespräche von Ulf Stolterfoht: http://roughbooks.ch /ulf_stolterfoht/ammengespraeche.html

Stephan Reich: „Everest“. Verlagshaus Berlin, Berlin 2014

Pär Thörn, Röda Rummet (alfabetisk): „Drucksache“. Stockholm/Copenhagen 2012

Hartmut Abendschein, Flarf Disco: „Popgedichte“. Mit einem Intro von Benedikt Sartorius, edition taberna kritika, Bern 2015

Kramer/Mießner/Pohl/Schittko et al.: „my degeneration. the very best of WHO IS WHO“. freiraum-Verlag, Greifswald 2014

Thomas Palzer: „Spam Poetry. Sex der Industrie für jeden“. ca. 80 Seiten auf dem Smartphone, mikrotext, Berlin 2013

Quelle: F.A.Z.
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