E-Book-Kolumne „E-Lektüren“

Barrierefreie Literatur unter Hochspannung

Von Elke Heinemann
 - 21:21
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E-Books sind Schund. Pulp. Was nicht gedruckt wird, steht oft im Ruf, auf derart niedrigem Niveau geschrieben zu sein, dass kein anspruchsvoller Literaturverlag dafür zeichnen würde. Und doch geht es mir hier um schöne und gute Texte, wie sie etwa szenige Digitallabels in Berlin und andernorts herausbringen. Zu ihnen gehört der kleine feine Hamburger Verlag CulturBooks, in dem unter anderem Original-E-Books experimenteller Autoren unserer Tage erscheinen wie von Franzobel und Aleks Scholz, aber auch Lizenzausgaben vergriffener Bücher. Darunter ist so mancher Kriminalroman, denn an der Verlagspitze stehen der Krimifan Jan Karsten und die Kriminalschriftstellerin Zoë Beck.

Die Unterscheidung von E und U interessiert das Verlegerteam nicht, wohl aber der besondere Text, der nicht in der Masse selbstverlegter Digitalliteratur untergehen soll. Zum Beispiel die Romane über das fiktive 87. Polizeirevier, die der amerikanische Autor Salvatore Lombino unter dem Pseudonym Ed McBain ab 1956 veröffentlicht hat. Viele von ihnen wurden ins Deutsche übersetzt, einige von ihnen waren Vorlagen für Filme, die Susan Sontag und Gabriel García Márquez beeindruckt haben. Im Umfeld des Autors waren berühmte Regisseure wie Claude Chabrol, Akira Kurosawa und Alfred Hitchcock, der ihn für das Drehbuch zu „Die Vögel“ engagierte und feuerte, als es um „Marnie“ ging. Damals nannte Lombino sich Evan Hunter. Er war Bestsellerautor, bekannt durch den Roman „Die Saat der Gewalt“, dessen Verfilmung in Bill Haleys Titelsong „Rock Around The Clock“ nachklingt.

Anerkennung von höchster Stelle

Aber Lombino schrieb auch Heftromane für Zeilengeld. Seine Pseudonyme lauteten: Hunt Collins, Ezra Hannon, Richard Marsten, John Abbot, Curt Cannon. Seine Texte: Pulp. Schund also, denke ich. Als „barrierefrei (ohne die Schwelle von Hochliteratur), aber auch ohne selbstauferlegte ästhetische Bescheidenheit“ beschreibt Thomas Wörtche, Experte für Kriminalliteratur, die 55 cop novels, die Lombino als Ed McBain verfasst hat, als „Sittengeschichte von New York“, vergleichbar mit Balzacs und Zolas Projekten. Ich beschließe, mehr über Lombino-Hunter-McBain zu lesen, der am 6. Juli 2005 mit 79 Jahren gestorben ist. Anlässlich seines zehnten Todestages haben die Hamburger Autoren Frank Göhre und Alf Mayer den Essay „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier“ bei CulturBooks veröffentlicht. Damit begleiten sie die digitale Neuedition der McBain-Romane, die mit „Cops leben gefährlich“ ihren Anfang genommen hat. Zum Einstand gab es einen „E-Book-Release-Party-Lesungs-Musik-Abend“ im Hamburger Jazz-Club „Birdland“. Überhaupt präsentiert sich CulturBooks mit seinen eindrucksvoll schlicht gestalteten E-Books wie ein Musiklabel: Erzählungen und Essays heißen „Singles“, Novellen und Kurzromane „Maxis“, Anthologien „Alben“, Romane und lange Sachtexte „Longplayer“.

Ed McBains „Cops leben gefährlich“ ist ein „Longplayer“ - wie auch das E-Book über den „unumstrittenen Großmeister des Polizeiromans“. Wer, wie ich, nie zuvor etwas von oder über Lombino-Hunter-McBain gelesen hat, ist mit Göhres und Mayers Annäherung an ihn gut beraten. Die Autoren tun das, was Autoren mit ihrem Protagonisten tun: Sie geben ihm eine Stimme, lassen ihn über sich selbst erzählen und über seine Arbeit. Auch andere kommen zu Wort. Für Stephen King beispielsweise war er „einer der einflussreichsten Schriftsteller der Nachkriegsgeneration“. Er sei der erste Autor gewesen, „der erfolgreich Realismus mit Genrefiktion verschmolz“, außerdem „ein absolut feiner Kerl.“ Zwei Evan-Hunter-Romane waren Vorlagen für die Fernsehserie „Columbo“, drei Evan-Hunter-Romane wurden von Arno Schmidt ins Deutsche übertragen.

Sie kennen die Sprache seiner Polizisten

Aber Göhre und Mayer geht es vor allem um Ed McBain und dessen Serie über ein fiktives Polizeirevier in einer fiktiven Big City, die an das reale New York erinnert. McBain hat den Polizeiroman nicht erfunden, wohl aber erneuert. Denn nicht ein einzelner Kriminaler oder ein Ermittlerduo ist den Tätern auf der Spur sondern die gesamte Bereitschaft des 87. Reviers mit den Polizisten Meyer Meyer, Bert Kling, Arthur Brown, Cotton Hawes, Hal Willis, Eileen Burke, Andie Parker, Ollie Weeks und dem herausragenden Steve Carella, Detective zweiten Grades, italienischstämmig und Vater von Zwillingen wie sein Autor.

Acht Seiten schrieb der pro Tag, noch im Jahr vor seinem Krebstod verfasste er sechs Bücher. „Einer der wenigen, der es in Sachen Produktivität mit Ed McBain/Evan Hunter aufnehmen konnte, war Georges Simenon“, schreiben Göhre und Mayer in ihrer Abhandlung über die Geschichte des Polizeiromans. In anderen Kapiteln ihres Original-E-Books lassen sie sich von den Romanen über das 87. Polizeirevier inspirieren, erzählen bildreich und dialoglastig nach, was Ed McBain bildreich und dialoglastig vorgegeben hat. Sie kennen die Sprache seiner Polizisten, ihre Geschichten, Witze, Wortspiele, Sprüche.

Ein paar Sätze später ist er tot

Atmosphärische Beschreibungen, gewagte Vergleiche - und alles völlig „barrierefrei (ohne die Schwelle von Hochliteratur)“! Also gute Unterhaltung, genau das Richtige für die Ferien am Strand. Und so nehme ich mir Ed McBains ersten Roman vor, „Cops leben gefährlich“, der im Juli bei CulturBooks digital in der deutschen Übersetzung von Ernst Heyda aus dem Jahr 1964 erschienen ist.

Der Autor nimmt mich mit in seine Stadt („ein funkelndes Nest“), deren wortreich illustrierte Darstellung eine Liebeserklärung sein könnte, wenn sie nicht mit dem Hinweis auf all den Abfall in den Straßen endete. Und schon bin ich im Schlafzimmer des Polizisten Mike Reardon, der sich auf seine Nachtpatrouille vorbereitet. Ein paar Sätze später ist er tot, erschossen, von hinten. Ein Polizistenmord! Und bald folgt ein zweiter, ein dritter. Das Team des 87. Reviers findet trotz akribischer Spurensuche keinen Hinweis auf den Täter. Doch am Ende kann Detective Carella aufgrund einer Reihe schriftstellerisch gelenkter Zufälle den Mörder fassen, der ein überraschendes Tatmotiv offenbart. Wenn Sie es erfahren wollen, dann lesen Sie Ed McBains Roman „Cops leben gefährlich“ selbst!

Frank Göhre, Alf Mayer: „Cops in the City“. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report. Mit einem Vorwort von Thomas Wörtche. CulturBooks Longplayer, Hamburg 2015. 220 S., 8,99 €.

Ed McBain: „Cops leben gefährlich“. 1. Kriminalroman aus dem 87. Polizeirevier. Digitale Neuausgabe. Aus dem Amerikanischen von Ernst Heyda. CulturBooks Longplayer, Hamburg 2015. 156 S., 4,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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