E-Book-Kolumne „E-Lektüren“

Krieg und Frieden

Von Oliver Jungen
 - 17:14

Schriftsteller sind nicht unbedingt die besten Gesellschaftsdiagnostiker. Manchmal aber wird einer von ihnen zum Visionär. Was Victor Hugo am 21. August 1849 anlässlich der Eröffnung des Pariser Friedenskongresses mit allem rhetorischen Pathos, das einem Mann des Wortes zur Verfügung steht, in die Köpfe und Herzen der Anwesenden einsenkte, war der Glaube an eine Zeit des Lichts. „Ein Tag wird kommen“, beschwor Hugo die Europäer, „an dem Kanonenkugeln und Bomben durch Stimmzettel ersetzt werden.“ Nach diesem Tag werde ein Krieg zwischen Frankreich und England, Russland und Deutschland, Österreich und Italien nur noch absurd erscheinen.

Bis die „Vereinigten Staaten von Europa“, deren Konturen Hugo in den Himmel über der zweiten französischen Republik malte, Wirklichkeit wurden, sollte bekanntlich noch sinnlos viel Blut vergossen werden. Aber der Tag kam. Und es wurde so licht, wie der Schriftsteller es erträumt hatte. Neigt sich dieser lange Sonnentag nun dem Abend zu? Vertändeln wir aus schierer Dummheit den Frieden? Und können engagierte Literaten dieser Erosion von Solidarität, Freundschaft und Vertrauen heute noch etwas entgegensetzen? Das können sie durchaus.

Ein bedenklicher Weg

Seit Jahren kämpft der österreichische Schriftsteller Robert Menasse an vorderster Meinungsfront für die europäische Nachkriegsordnung. 2012 bereits – da war die AfD noch gar nicht gegründet – entlarvte sein „Europäischer Landbote“ viele Vorwürfe gegen Brüsseler „Eurokraten“ als Klischees. Seither hat der Lärm der Neurechten kräftig zugenommen. Mit zwei bemerkenswerten E-Books tritt den wackeren Verteidigern des europäischen Projekts jetzt eine ganze Reihe von Autoren an die Seite. Da ist zunächst der autobiographisch unterfütterte, literarisch durchgeformte Brief des profunden Frankreich-Kenners Manfred Flügge an einen realen französischen Jugendfreund namens Roland, der zum Anhänger des Front National geworden ist. Das geschieht in bewusster Anlehnung an Albert Camus’ 1944 verfasste „Briefe an einen deutschen Freund“. Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen, bei der eine offen europa-, deutschland- und fremdenfeindliche Politikerin an die Spitze unseres engsten Nachbarlands gewählt werden könnte, hält es der Autor für geboten, eine eigentlich private Angelegenheit öffentlich zu machen, denn sie will ihm – zu Recht – exemplarisch erscheinen für das Verhältnis zwischen den beiden Nationen.

In der ersten Hälfte des Textes schwelgt der Autor in teils anekdotischen Erinnerungen an das Land, das ihm zur zweiten, historisch weniger belasteten Heimat geworden ist. In erhabenen, aber nie kitschigen Worten beschreibt er die Faszination, die die französische Kultur bis heute auf ihn ausübt. Kennengelernt haben sich die beiden in den sechziger Jahren: Ein Junge aus Sainte-Vaubourg suchte einen deutschen Brieffreund. Lebendig schildert Flügge die vielen prägenden Aufenthalte auf dem Bauernhof von Rolands Eltern. Dann verlor man sich aus den Augen, dachte noch aneinander, aber sah sich nicht mehr – auch das symptomatisch. Dreißig Jahre später nahmen die Protagonisten den Kontakt wieder auf, aber inzwischen hatte Roland, von seinem eigenen Land schwer enttäuscht, einen bedenklichen Weg eingeschlagen.

„Putins Rache“

Jetzt, im zweiten Teil, entfaltet der Brief seine argumentative Kraft, die darauf beruht, dass hier bei aller Schärfe doch ein Liebender spricht. „Frankreichs Selbstverklärung und die selbstzufriedene Häme gegenüber anderen Ländern, gerade gegenüber Deutschland“, sei manchmal schwer zu ertragen, heißt es, aber der Autor ertrüge sie gern, wenn das nur einen Weg zurück eröffnete. Aber vielleicht trage gerade Frankreichs „Idealbild von sich selbst“ Schuld an der Maßlosigkeit der Enttäuschung im Land. Die hinter der Fassade aufgehäuften Skandale allzu narzisstischer Politiker, der lächerliche „indirekte Bürgerkrieg“ zwischen Linken und Rechten, die dieselben Schulen durchlaufen haben, der Verlust der intellektuellen Anregungsfähigkeit: All das dürfte zu der gesellschaftlichen und ökonomischen Misere Frankreichs, die der Autor treffend resümiert, geführt haben.

Sich deshalb aber dem Front National in die Arme zu werfen sei ein Affront, auch ein persönlicher: „Die Partei, die deine Stimme hat, will alles zerstören, an was wir geglaubt haben.“ Dass der Front National wie Pegida und AfD ganz „von Russland abhängig“, ja: „Putins Rache“ ist, ist nicht völlig überzeugend, zumal die Belege fehlen. Vorbehaltlos anschließen aber kann man sich wohl dem Appell, die demokratischen und humanistischen Werte nicht über Bord zu werfen angesichts des Vormarschs der autoritären Bewegungen: „Dass man standhalten muss, wenn die Lichter für eine Weile ausgehen, ist nun wirklich eine Lektion der Geschichte.“

Kind gegen Implosionsbombe

Geschichtsmächtig tritt uns auch das Projekt „Hausbesuch“ entgegen. Das Goethe-Institut hat zehn europäische Autoren – darunter die Deutschen Katja Lange-Müller, David Wagner, Alina Bronsky und Sasha Marianna Salzmann – auf literarische Begegnungsreise in verschiedene Städte geschickt. Das erste der zehn sechssprachigen E-Books (eine Gesamtausgabe erscheint zur Leipziger Buchmesse) stammt von der französischen Autorin Marie Darrieussecq.

Reisen nach Neapel und Dresden regten sie zu einer nicht pathosfreien, aber lesenswerten Reflexion über das Fortleben einer Stadt nach ihrer Zerstörung an: Schon Victor Klemperer hat den Dresdner Feuersturm mit dem Untergang Pompejis verglichen; Neapel war im Zweiten Weltkrieg Luftangriffen von Amerikanern und Deutschen ausgesetzt. Bombardierungen sind denn auch das Leitmotiv des Textes. Die Autorin zieht die Linien bis nach Aleppo, auf das zum Zeitpunkt der Niederschrift Implosionsbomben niedergehen. Diese produzierten „eine Schockwelle, eine Feuerkugel und einen massiven Absturz des Luftdrucks. Was kann der Körper eines Kindes gegen Implosionsbomben ausrichten?“

Ein Krieg der Worte

Europa, so Marie Darrieussecq, wurde „auf einem Berg von Leichen erbaut“. Das verbindet. Und doch findet sich das Trennende auch. Tief im Süden trifft sie auf Menschen, die ermüdet sind von Korruption und Mafia, sich aber mit keinem Wort über Migranten, Arbeitslosigkeit oder Steuern beklagen. Auf eine verdrehte Art hoffen sie auf Europa. Im reichen, nicht zuletzt mit EU-Geldern restaurierten Sachsen – „Der Komfort, der in Dresden herrscht, ist für den Rest der Erde unvorstellbar“ – herrsche hingegen nackte Angst, die sich in der Pegida-Bewegung manifestiere.

Darrieussecq erklärt dies etwas schlicht geschichtspsychologisch: „Dresden ist eine Stadt, die im Selbstgefühl der Unschuld lebt.“ Von der Ursache des Kriegs und Dresdens Schuld („die größte deutsche Nazi-Stadt“) spreche man hier kaum, nur von der Bombardierung, die als reiner Racheakt aufgefasst werde. In jeder Veränderung, jedem Neuankömmling sehe man eine Gefahr für den brüchigen Frieden. Mit dieser These einer unbegründeten German Angst ist Dresdens Seele wohl nicht zur Gänze erfasst. Und doch ist es ein Lichtblick, dass sich Europas Autoren immer stärker für Europas Zusammenhalt in die Bresche werfen. Noch befinden wir uns schließlich nur im Krieg der Worte, und wer sollte Schriftstellern da das Wasser reichen?

Quelle: F.A.Z.
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