E-Book-Kolumne „E-Lektüren“

Von der Schönheit digitaler Bücher

Von Elke Heinemann
 - 22:41

Ort und Zeit der Handlung: Frankfurter Buchmesse, Herbst 2015. Wie in jedem Jahr sind auch diesmal viele schöne Auszeichnungen vergeben worden, darunter der Preis der renommierten Stiftung Buchkunst für das schönste deutsche Buch, die Reiseerzählungen des früh verstorbenen Filmemachers Michael Glawogger nämlich, die unter dem Titel „69 Hotelzimmer“ von der Anderen Bibliothek im orangefarbenen Schuber mit Leuchtschrift herausgebracht worden sind. Wer aber glaubt, dass man sich im Kreis der kompetenten Bibliophilen dem E-Book total verweigert, der irrt.

„Wir wurden häufig darauf angesprochen, ob wir uns nicht um E-Books kümmern wollen, und das werden wir nun tun“, verrät mir Katharina Hesse, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst. Aber man könne nicht einfach so bestimmen, was schön ist und was nicht, die Kriterien für schöne Bücher auch nicht eins zu eins auf schöne E-Books übertragen. Ein eigener Kriterienkatalog müsse erstellt werden, in dem es um Makro- und Mikrotypographie gehe, um technische Details et cetera. Diverse Workshops seien geplant mit Gestaltern, Technikern, Herstellern, Digital-Projektleitern verschiedener Verlage.

Und welche Rolle spielt die Qualiltät der Texte für die Stiftung Buchkunst? „Inhalte spielen für uns immer eine Rolle, weil die Gestaltung dem Inhalt folgt. Wir bewerten Inhalte nicht, aber sie müssen adäquat umgesetzt werden.“ Tatsächlich finde ich unter den 2015 nominierten Schönsten in der Rubrik „Allgemeine Literatur“ ruhmreiche Klassiker und bekannte Autoren unserer Tage wie Émile Zola und A.L. Kennedy. Im E-Book-Bereich könnten aber auch unbekannte Selfpublisher Chancen bei der Stiftung Buchkunst haben, sofern sie ihre Werke nicht ausschließlich über proprietäre Systeme wie Amazon oder Apple vertreiben.

Lineare Texte bekannter Schriftsteller

Ob die Stiftung Buchkunst in Zukunft einen Preis für das schönste deutsche E-Book ausschreiben wird, ist noch ungewiss. Ungewiss ist auch noch, ob man in Zukunft mit dem Deutschen E-Book-Award kooperieren wird, der seit 2014 für die schönsten deutschsprachigen E-Books ausgelobt wird, neuerdings in drei Rubriken, salopp Fiction, Nonfiction, Kinder und Jugend genannt. „Eine Kooperation mit der Stiftung Buchkunst wäre für uns interessant, weil wir deutlich machen wollen, dass Print und Digital nicht miteinander konkurrieren, sondern vielmehr Synergien geschaffen werden könnten“, schreibt mir Robert Goldschmidt, Initiator des Digitalpreises. Sein Bewertungsbogen sieht eine Punktzahl von 1 bis 10 vor für E-Book-Kriterien wie Design, Typographie, Technische Umsetzung et cetera. Vergeben werden sie von einer elfköpfigen Jury, die sich zusammensetzt aus Gestaltern, Technikern, Herstellern, Digital-Projektleitern verschiedener Verlage.

Und welche Rolle spielt die Qualität der Texte für den Deutschen E-Book-Award? „Wir zeichnen nicht einfach die Titel aus, die die meisten technischen Features aufweisen. Wir leisten aber auch keine literaturkritische Analyse, sondern es geht uns darum, dass der Inhalt mit der Gestaltung interagiert und auf diese Weise dazugewinnt.“ Einreichungen großer Verlage habe es gegeben, keine schwer marktgängigen Experimente, sondern lineare Texte bekannter Schriftsteller, deren Umsetzung die Jury jedoch nicht überzeugen konnte. Trotzdem finde ich unter den 2015 nominierten Schönsten ruhmreiche Klassiker und bekannte Autoren unserer Tage wie Georg Büchner und Janosch.

Steht das berühmte Drama „Woyzeck“ des einen im anregenden digitalen Wechselspiel mit Textinterpretation, Glossar und Lernaufgaben, so wird aus der berühmten Erzählung „Oh, wie schön ist Panama“ des anderen eine filmisch wirkende Digitalversion mit anregenden tiger- und bärenstarken Mini-Spielen. Aber auch unbekannte Selfpublisher haben Chancen beim Deutschen E-Book-Award, selbst wenn sie ihre Werke ausschließlich über proprietäre Systeme wie Amazon oder Apple vertreiben. So ging 2014 einer der ersten Preise an den Abiturienten Andreas Huber, der mit „Physik 7“ ein dynamisch-interaktives, mit iBooks Author realisiertes enhanced E-Book für den Gymnasialunterricht eingereicht hatte.

Selfpublisher, die ihre Werke nicht bei Apple, sondern bei Amazon einstellen, haben seit diesem Herbst aber noch ganz andere Chancen: Sie haben die Möglichkeit, sich als Selbstverleger abzuschaffen, indem sie sich an dem Wettbewerb beteiligen, den Amazon zusammen mit dem Magazin „Focus“ und dem Freien Deutschen Autorenverband (FDA) kürzlich ins Leben gerufen hat und im nächsten Jahr abermals ausschreiben wird. Der Kindle Storyteller, im Untertitel Deutscher Self Publishing Award genannt, bringt dem Hauptpreisträger nämlich 10000 Euro in bar, ein Amazon-Marketing-Paket im Wert von 20000 Euro und – last, but not least – einen Vertrag mit einem echten Verlag.

Es geht um Unterhaltung

Der Unterhaltungskonzern Bastei Lübbe druckt und vertreibt den diesjährigen Gewinnertext „Paradox – Am Abgrund der Ewigkeit“, einen handwerklich soliden Science-Fiction-Roman über eine Reise an die Grenzen unseres Sonnensystems, den der Raumfahrtingenieur Phillip P. Peterson als E-Book und als Taschenbuch über die Amazon-Selfpublishing-Plattformen „Kindle Direct Publishing“ und „CreateSpace“ vorveröffentlicht hat. Die Titel aller fünf Finalisten, die mit technisch schlichten, aber einwandfreien Covern im Jpeg-Format ausgestattet sind, erscheinen als Hörbücher bei der Amazon-Tochter Audible.

Und welche Rolle spielt die Qualität der Texte für den Kindle Storyteller?, frage ich mich. Uwe Kullnick, Präsident des Freien Deutschen Autorenverbands und Vorsitzender der Kindle Storyteller-Jury, hat in einem Interview erläutert, dass es sich bei den über tausend Einreichungen um „mit großem Engagement erzählte, authentische Geschichten“ handele. Mit anderen Worten: Es geht hier um Unterhaltung, die ich bei genauerer Durchsicht der Shortlist-Titel mehr oder weniger unterhaltsam finde. Ich arbeite mich durch ausnahmslos massentaugliche Genres hindurch, deren Konsumerabilität im gläsernen Amazon-System überprüft worden ist. Es überrascht mich nicht, dass diese Texte bei Amazon-Kunden ankommen, die laut Uwe Kullnick „vorher wenig oder gar nicht gelesen haben“ und über Nacht zu Vorjuroren des Kindle-Storyteller-Wettbewerbs wurden, indem sie per click and buy die fünf sogenannten Besten auswählten. Der finalen Jury gehören allerdings Vertreter unseres Kulturbetriebs an wie FDA-Präsident Uwe Kullnick oder „Focus“-Kulturchef Jobst-Ulrich Brand. Ich wünsche mir von ihnen, dass sie sich auch für eine Literatur diesseits der Genres starkmachen. Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

Elke Heinemann lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Ihr multimediales E-Book „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ wurde mit dem Deutschen E-Book Award 2015 ausgezeichnet.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAmazonAppleFDA