E-Books

Verlage unter Innovationszwang

Von Marcella Melien
 - 22:27

Der E-Book-Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zufolge haben bereits 2013 alle großen deutschen Verlage E-Books angeboten. Das digitale Format funktioniert aber nicht einfach als weitere Verwertungsstufe wie das Taschen- oder Hörbuch. Wenn das Wachstum des deutschen E-Book-Markts hinter den Erwartungen zurückbleibt, wird das auch damit begründet, dass das Angebot nicht stimme. Es sei zu phantasielos, schlicht das, was ohnehin gedruckt würde, zu digitalisieren und die Datei zu verkaufen, oft nur wenig günstiger als das Buch. Um zu wachsen, muss der E-Book-Markt Inhalte bieten, die es nicht auf Papier gibt.

Immer mehr Verlage haben inzwischen Segmente geschaffen, in denen ausschließlich digitale Titel erscheinen. Sie heißen Digi-only, Digital Special, E-only oder E-Original. Einigkeit herrscht darüber, dass dafür vor allem kurze und aktuelle Texte prädestiniert sind. Und dass es für Autoren und Leser ein Gewinn ist, wenn diese Texte, die bisher allenfalls in Anthologien oder Zeitschriften Platz fanden, so die Chance auf schnelle Veröffentlichung bekommen. Außerdem ermöglicht das Selfpublishing es jedem, dem die Abläufe im Verlag zu lange dauern, einen Text selbst als E-Book herauszubringen; das bewährt sich zumal dann, wenn der Autor bekannt und kommunikativ genug ist, um seine Leser direkt zu erreichen.

Die Grenzen verschwimmen

Die Reviere im E-Book-Markt sind abgesteckt: Aus Manuskripten unbekannter Autoren E-Books zu machen, überlassen die großen Häuser im literarischen und essayistischen Bereich überwiegend genuinen Digitalverlagen wie Mikrotext, CulturBooks oder Frohmann, im Bereich der Genreliteratur Amazon und den übrigen Selfpublishing-Diensten. Als direkte Konkurrenz nehme man diese Akteure nicht wahr, da sie zu unterschiedliche Angebote hätten, sagt Martin Spieles von S. Fischer: „Das ist nicht vergleichbar.“

Manche Verlage heben die Grenzen auf: Bei Bonnier setzt man für E-Book-Only auf digitalaffine Autoren, sprich: Selfpublisher. Um sie vom Dienstleister ins Verlagshaus zu holen, wurden 2013 und 2014 Imprints gegründet. „Impress“ und „Instant Books“ heißen sie bei Carlsen, „Forever“ und „Midnight“ bei Ullstein. Gesucht werden Liebesromane, Krimis und Fantasy. Der zu Holtzbrinck gehörende Droemer Verlag akquiriert seit 2010 über die Selfpublishing-Plattform Neobooks Autoren für „eRiginals“; Rowohlt ging 2014 eine Kooperation mit Neobooks ein. „Die Hoffnung auf einen ganz großen Nachwuchspool wurde aber gedämpft“, resümiert Uwe Naumann, E-Book-Koordinator bei Rowohlt. „Die Überschneidungen der Einzugsgebiete sind bei Droemer größer.“

Für das E-Only-Programm greift Rowohlt auf bewährte Autoren zurück. Naumann erklärt das auch damit, dass er nicht „wildern“, also keine Autoren anderswo abwerben wolle. Dass bekannte Namen auch im E-Book-Only gut funktionieren, überrascht nicht, schließlich haben sie ihre Leser bereits gefunden. Zwanzig reine E-Book-Titel sind seit Juni 2013 bei Rowohlt erschienen: Erzählungen, Reportagen und Manifeste mit Umfängen von zwölf bis dreihundert Seiten.

Die Preise liegen zwischen 0,99 und 4,99 Euro. „Bei diesen Preisen gibt es keine hohe Hemmschwelle, etwas auszuprobieren“, sagt Naumann. Die Unterschiede in den Downloadzahlen seien dennoch eklatant. Eine Erzählung von Simon Beckett bringe es auf siebzigtausend Käufe, andere Titel blieben im dreistelligen Bereich. Das Sachbuch des Ernährungswissenschaftlers Uwe Knop, der auch als Selfpublisher veröffentlichte, verkaufe sich sehr gut, da der Autor ein eifriger Selbstvermarkter und stark in den Medien präsent sei. Auf das E-Book-Only folge nun ein gedrucktes Buch. „Die Schranke zwischen den Formen ist niedrig“, sagt Naumann. Auch Erweiterungen von gedruckten Sachbüchern seien als E-Only denkbar.

Wut über ein zu kurzes E-Book

Naumann muss an vielen Fronten Überzeugungsarbeit leisten. Vor allem bei Buchhändlern, die das E-Book als Bedrohung wahrnähmen, obwohl es doch zu ihrem Kerngeschäft gehören sollte. Aber auch bei Kollegen und den Medien. Nur nicht bei den Autoren, die seien neugierig und experimentierfreudig. Die Meinung, Leser interessierten sich nicht für kurze digitale Texte, teilt Naumann nicht. Eine kuriose Anekdote kann er jedoch erzählen: Zu Rosamunde Pilchers neunzigstem Geburtstag erschien eine Kurzgeschichte der Autorin als kostenloses E-Only. Statt sich zu freuen, verfassten Leser wütende Zuschriften und negative Rezensionen, da sie nicht den erhofften Wälzer, sondern nur fünfzehn Seiten bekamen. Es ging so weit, dass das E-Book wieder zurückgezogen wurde. Gerade wurde die Internetseite des Rowohlt-Verlags neu gestaltet. Dort sind die E-Onlys nun leichter zu finden. Das Programm selbst soll ausgebaut werden.

Mit der öffentlichen Sichtbarkeit der E-Books hapert es. Die Verlage sind darauf angewiesen, dass ihre Produkte diesseits des Internets vorgestellt werden, was indes nur spärlich geschieht. Regelmäßige Rezensionen von E-Books, wie in der Kolumne „E-Lektüren“ dieser Zeitung, sind eine Seltenheit. Am ehesten hat ein E-Book die Chance, besprochen zu werden, wenn es einen wichtigen Beitrag zu einem aktuellen Thema bietet, wie Rainer Merkels „Go, Ebola, go“. Der S. Fischer Verlag fragte neulich in einem Aufruf die Rezensenten: Besprechen Sie E-Books? Die Resonanz sei trotz hohen Aufwands „mit Print nicht zu vergleichen gewesen“, so Pressesprecher Martin Spieles.

Eine eigene Vorschau als Sonderfall

S. Fischer hat bislang als einziger Verlag eine gesonderte Vorschau für sein Digitalprogramm verschickt; sonst werden den E-Only-Titeln höchstens eigene Abschnitte in den Broschüren eingeräumt. Die Ankündigung sei eine bewusste Entscheidung für das erste Programm gewesen, erklärt Spieles. Diese erste Vorschau richte sich vor allem an den Handel, gedruckte und elektronische Angebote für Presse und Blogger sollen folgen. „Fischer Digibook ist kein kuratiertes literarisches Programm, sondern eine Sammlung von Projekten“, sagt Spieles. In der Vorschau ist eine Bandbreite an Texten vereint: Von der kurzen Erzählung des Romanciers Carlos Ruiz Zafón für 1,99 Euro bis hin zu den in digitaler Form wieder lieferbaren „Cahiers“ von Paul Valéry für 99Euro. Auch hier stammen die Titel vor allem von bekannten Autoren. Große Aufmerksamkeit erhofft man sich laut Spieles für die E-Books der TED-Reihe. Diese passe genau ins bestehende Sachbuchprogramm. Die Autoren vertiefen darin Ideen, die sie auf der weltweit bekannten Videoplattform TED vorgestellt haben.

Seit 2009 veröffentlicht S.Fischer E-Books. In dieser Zeit habe man einige Erfahrungswerte gesammelt, sagt Spieles. Zum Beispiel, dass ein E-Book höhere Chancen habe, von den Medien beachtet zu werden, wenn es im Zusammenhang mit einem Print-Titel stehe. „Wir sind keine E-Book-Ideologen, sondern handeln pragmatisch im Sinne unserer Autoren. Mit den E-Books vervollständigen wir unser Angebot für sie“, betont Spieles. Die Cover der Digibooks, vor allem in der Belletristik, gleichen denen von Print-Büchern. Nur das kleine Logo weist darauf hin, dass es sich um ein E-Book handelt.

Experimentierfeld mit eigenem Gesicht

Die Hanser Box hingegen gibt E-Books ein eigenes Gesicht. Die Cover sind quadratisch statt rechteckig, enthalten graphische Elemente statt kleinteiliger Bilder, und der Titel ist so groß gesetzt, dass man ihn auch in kleiner Darstellung gut lesen kann. Neben Hausautoren konnten auch Journalisten wie Victoria Schneider oder der Dramaturg Robert Koall gewonnen werden. Die Titel entstünden häufig im Gespräch zwischen Lektor und Autor, sagt Annika Schneeweiss aus der Presseabteilung. Alle vierzehn Tage erscheint eine neue „Box“. Der zuerst ausprobierte wöchentliche Veröffentlichungsrhythmus habe sich nicht bewährt. „Wir stemmen das Programm aus der Stammbesetzung heraus. Der Ablauf ist gleich wie beim gedruckten Buch, nur eben schneller.“

Die Überlegung zu Beginn sei gewesen: „Das Leseverhalten ändert sich. Welche neuen Publikationswege und Nischen gibt es neben dem gedruckten Buch noch?“ Hanser Box sei ein Experimentierfeld. Auf Leseranregungen hin werde nun auch über ein Abonnement-Modell nachgedacht. Und Ende Juli startete das Projekt „Hanser Box Spots“: An ausgewählten Orten, darunter ein Buchladen mit Café und ein Friseursalon, wurden stationäre W-Lan-Spots eingerichtet, dort können Leser sich einloggen und auf die E-Books zugreifen.

Die naheliegende Annahme, dass E-Books den Buchmarkt nur beschleunigen, trifft nicht zu. Während gedruckte Novitäten oft nach einer Saison aus den Läden verschwinden, bleiben E-Books im Internet präsent und haben länger Zeit, ihre Leser zu finden – das ist aber auch nötig, denn ihnen fehlt die Verkaufsförderung durch große Plattformen, Werbeplätze und Bestsellerlisten. Diese Beobachtung hat Johanna Schaumann gemacht, bei Hanser für E-Books verantwortlich. Sie plädiert für Geduld: „Die Leute müssen E-Books erst lesen und lieben lernen.“

Der Tenor großer Verlage zum Thema E-Books ist oft eher ein nüchternes „Es muss sein, die Lesegewohnheiten ändern sich unaufhaltsam, es gehört zur Autorenbetreuung“ als ein enthusiastisches „Wir wollen das“. E-Books sind eine von außen aufgezwungene Innovation. Martin Spieles’ Einschätzung zufolge weiß die Branche mittlerweile, was funktioniert und was nicht. Solange aber zugleich noch viel ausprobiert wird, wird wohl über die Form diskutiert werden. Hoffentlich aber auch über Inhalte.

Quelle: F.A.Z.
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