E-Books

Wir sind die Fährtenleser der neuen Literatur

Von Elke Heinemann
 - 20:14

Vor kurzem ist in der Literaturzeitschrift „Volltext“ ein Aufsatz erschienen, in dem der Dichter und Publizist Felix Philipp Ingold der Literaturkritik „in Klagenfurt und anderswo“ vorgeworfen hat, mit der „Laienherrschaft“ jener Masse zu paktieren, die nicht an literarischen Kunstformen interessiert sei, sondern nur an wirklichkeitsnahen, unterhaltsamen, spannenden und anrührenden Stoffen. Ingold empfiehlt, das gedruckte Buch künftig der Dichtung aus dem Elfenbeinturm vorzubehalten, weil sie mehrfache Lektüre lohne. Für trendig-realistische, durch ausreichende „Likes“ beglaubigte, mit Klagenfurter Bachmann-, Deutschen Buch- und Meraner Lyrikpreisen ausgezeichnete Werke bleibe dann der Weg des elektronischen Publizierens. So nähmen sie keinen physischen Raum ein und könnten jederzeit gelöscht werden.

Ingolds Fundamentalkritik ist zum Teil klug und wahr, zum Teil polemisch und überspitzt. Es stimmt, dass in den neunziger Jahren, jener Zeit also, in der das Internet mehrheitsfähig wurde, Kritiker, Dozenten, Verleger und Buchhändler mit Blick auf ultimative Versuchsanordnungen wie Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ und auf Verkaufszahlen amerikanischer Romane das Ende des deutschsprachigen Literaturexperimente beschworen und einen literarischen Realismus ohne stilistische oder kompositorische Wagnisse mit schlichten Darstellungsweisen hochgelobt hatten. Das kannte man aus der sogenannten „U-Literatur“, die heute in ihrer Umetikettierung als „Entertainment“ mit Sex and Crime, Monstern und Vampiren sehr selbstbewusst den rasch expandierenden Digitalmarkt beherrscht und von Profis wie Amateuren ins Netz gestellt wird. Allerdings gibt es im Literaturpool des World Wide Web neben Genreliteratur nicht nur Gegenwartsdichtung, die im Druck zu Unrecht Aufmerksamkeit fände, sondern auch ambitionierte, im Literaturbetrieb weitgehend ignorierte Sprachkunstwerke.

Eine Art Kompass bei der Suche

Kolumbus benutzte einen Kompass, um in einem noch nicht kartierten Seegebiet Neuland zu entdecken. Die Berliner E-Book-Boutique minimore.de, die seit diesem Jahr ein ausgesuchtes Sortiment digitaler Titel ohne komplizierten Kopierschutz in allen gängigen, für E-Book-Reader und andere Lesegeräte geeigneten Formaten präsentiert, ist eine Art Kompass bei der Suche nach anspruchsvoller Literatur im Internet. Die Begründer der Plattform, Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu, haben als Leitgestirn des Berliner Independent-Verlags SuKuLTuR Erfahrung mit ungewöhnlichen Vertriebswegen. Seit zehn Jahren verkaufen sie in Süßwarenautomaten ihre Heftchen namens „Schöner Lesen“, eine Buchreihe mit Texten von Ann Cotten, Dietmar Dath, Wolfgang Herrndorf oder Monika Rinck. Als die Hefte 2010 in elektronischer Version erschienen, gingen sie, wie das gesamte Programm der digitalen Independent-Szene, in der Titelflut der großen E-Book-Shops unter. Im Unterschied zu Mega-Online-Kaufhäusern wie Amazon steht minimore.de in der Tradition einer gut geführten Sortimentsbuchhandlung, fördert zudem Veranstaltungen rund ums E-Book sowie die Vernetzung digitaler Verlage, in denen die Grenzen zum Selfpublishing mitunter fallen, da einige Verlegerinnen und Verleger selbst schreiben oder – wie etwa das Berliner Kollektiv Shelff – auf gewagte Konzepte setzen, nach denen „Leser Autoren und Autoren Verleger“ werden können.

„Minimore.de ist unser passendstes und auch kommerziell am besten funktionierendes Sichtfenster“, sagt Christiane Frohmann, Autorin und Verlegerin des Frohmann Verlags. Sie ist neben Nikola Richter, Zoë Beck, Elisabeth Alexander und Marlies Michaelis eine jener „First Ladies“ des E-Books, die seit zwei Jahren die literarische Start-up-Szene in Berlin prägen. So rief beispielsweise das E-Book Network Berlin vor ein paar Monaten die erste Electric Book Fair auf deutschem Boden ins Leben, auf der man unter anderem über Gestaltung elektronischer Inhalte sprach, da nun mit dem Deutschen E-Book-Award alljährlich ein „Preis für Buchkunst im digitalen Raum“ ausgelobt wird. Auch wurde überlegt, wie sich mehr Aufmerksamkeit für das so preiswerte wie vielfältige digitale Literaturangebot generieren ließe. Es umfasst im Buchhandel nicht mehr lieferbare Werke, einzeln edierte Original-Erzählungen bekannter und unbekannter Autoren, digitale Poesie und andere schwer kommerzialisierbare Texte, die so die Chance bekommen, später auch gedruckt zu werden.

Der Unterschied zu gedruckten Büchern

Noch ist die Literaturkritik an den Rhythmus der Druckverlage gewöhnt, die im Herbst und im Frühjahr für wichtige Neuerscheinungen in Vorschauheften werben. „E-Book-Verlage machen selten eine Vorschau, weil viele Titel sehr kurzfristig geplant werden“, sagt die Mikrotext-Verlegerin Nikola Richter, die für ihre „Literatur von morgen“ mit dem Young Excellent Award des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden ist. Auch bleiben E-Books im Unterschied zu gedruckten Büchern dauerhaft im Programm, das somit ohne Backlist auskommt. Gleichwohl gibt es seit kurzem auf der Mikrotext-Website eine „Vorschau-Funktion“, um Interessenten vorab über neue Titel zu informieren.

Auch Jan Karsten, der zusammen mit der Autorin Zoë Beck den Digitalverlag CulturBooks führt, in dem es von Plattenlabels inspirierte Editionsformate wie Single, Maxi, Album oder Longplayer gibt, will von Januar 2015 an mit einer zwei- bis dreimonatigen Vorschau „auf die Gewohnheiten des Printbuchmarktes“ eingehen. Es gibt zudem die Idee einer Plattform namens „E-Book First“, die zur Orientierung für Leser, Journalisten und Multiplikatoren Originalausgaben unabhängiger Digitalverlage präsentieren soll. Dann hätte man auf der Suche nach literarischen Avantgarden im Internet neben dem Kompass eine Karte und vielleicht bald auch ein paar erfahrene Steuerleute.

Tages- und Wochenabonnements

Hilfreich ist auch kostenloses Probelesen, das Verlage anbieten, die auf das zunehmende Interesse am E-Book mit neuen Geschäftsmodellen reagieren. Dazu gehört die App „A Story A Day“ für Android und iOS des Berliner Verlags Volant & Quist. Sie bietet Kurzgeschichten aus der Lesebühnen-Szene (Ahne, Jochen Schmidt, Nora Gomringer, Bas Böttcher) im Tagesabonnement. Und im wöchentlichen Abonnement bietet der brandneue Digitalverlag Hanser Box Kurzprosa, Sachbücher, Reportagen und Lyrik hauseigener Autorinnen und Autoren wie A.L. Kennedy, Thomas Glavinic, Javier Marías oder T.C. Boyle an.

Auf die kurze Form setzt auch der Berliner Digitalverlag Das Beben, benannt nach Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Die Verleger interessieren sich „für paradoxe, nichtlineare oder anderweitig unordentliche Texte“, die phantasievoll sind, märchenhaft, grotesk, skurril, aber formal nicht ganz so ungewöhnlich wie beispielsweise der assoziative Roman „Das Zimmer“ des Thomas-Bernhard-Schülers und -Gegners Andreas Maier, der in der soliden englischen Übersetzung von Jamie Lee Searle kürzlich im Berliner Digitalverlag Frisch & Co. unter dem Titel „The Room“ als E-Book First erschienen ist.

Konzept und Entourage des Projekts

Zweisprachig und überdies kostenlos sind die E-Books von Fiktion, einem von der Kulturstiftung des Bundes mit 300000 Euro geförderten „Modellprojekt deutsch- und englischsprachiger Autoren, das die sich durch die Digitalisierung eröffnenden Chancen für die Wahrnehmung und Verbreitung anspruchsvoller Literatur weiterzuentwickeln sucht“. Die Projektleiter Mathias Gatza und Ingo Niermann wählen gemeinsam mit Autorinnen und Autoren wie Jan Peter Bremer, Katharina Hacker, Elfriede Jelinek oder Sabine Scholl Texte zur digitalen Erstveröffentlichung aus, die angeblich „zu gut“ sind, um von Publikumsverlagen angenommen zu werden. Aber Konzept und Entourage des Projekts sind überzeugender als das bisher publizierte, dem Entertainment bedenklich nahestehende Programm, das in diesem Jahr mit „ALFF“ eröffnet wurde, dem Romandebüt des jungen Dramatikers Jakob Nolte, das „im Stil eines Highschool-Mystery-Thrillers“ verfasst ist.

Fiktion mischt sich zudem wirkungsmächtig ein in die öffentliche Debatte über die Aktualisierung des Urheberrechts, dem Zankapfel zwischen denen, die schöpferische und wirtschaftliche Verdienste des Autorenberufs gefährdet sehen, und anderen, die mit copy, cut and paste aus vielen Texten einen Remix schaffen möchten, wobei sie für eine öffentliche Subventionierung der literarischen Existenz plädieren – mit Hinweis auf den leidigen Umstand, dass sowieso nur eine Minderheit vom Schreiben leben kann. Von seiner Kunst zu leben misslingt auch dem alternden Schauspieler Ferdinand Winter, dem Protagonisten des vielfach ausgezeichneten Autors Gerhard Köpf, dessen besinnliche Erzählungen aus dem Theater- und Filmbereich („Das Glück beim Krähenfüttern“) zu den aktuellen Spitzentiteln des Verlags CulturBooks gehören. Das Programm verzeichnet eine Reihe bekannter Namen (Aleks Scholz, Frank Göhres, Rolf Schneider, Stephan Maus), aber auch hochbegabte Newcomer wie die britische Astrophysikerin Pippa Goldschmidt mit ihren surrealistisch anmutenden Erzählungen aus dem Wissenschaftsbetrieb („Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“) in der meisterlichen Übersetzung von Zoë Beck.

Lust und Frust ihrer Profession

Gerhard Köpf ist wie Stefan Beuse einer der etablierten Schriftsteller, die bei CulturBooks nicht nur exklusiv publizieren, sondern auch die Digitalkopien ihrer gesamten literarischen Werke herausbringen. Auch der Berliner Digitalverlag Mikrotext hat prominente Autoren im Programm: Franzobel, Thomas Klupp oder Moritz Rinke. Kürzlich hat dort Jan Fischer den Band „Irgendwas mit Schreiben – Diplomautoren im Beruf“ herausgegeben, in dem Absolventen der Hildesheimer und Leipziger Literaturinstitute auf vielfältige Weise Lust und Frust ihrer Profession darlegen. Die Mikrotext-Verlegerin Nikola Richter bevorzugt Kurzprosa, Essays, Reportagen und „Online-Literatur, die fürs E-Book aufbereitet wird“, wie zum Beispiel „Der klügste Mensch im Facebook – Statusmeldungen aus Syrien“, das umwerfend komische Debüt des vormals unbekannten Autors Aboud Saeed, der die literarischen Möglichkeiten digitaler Publikationen ironisch auslotet.

An digitalen Schreibweisen interessiert ist auch Hartmut Abendschein, Autor und Verleger der Berner Edition taberna kritika, einem „hybriden“ Independent-Verlag, der neben einer Printproduktion digitale Poesie, interaktive Hypertexte und literarische Weblogs von experimentellen Schriftstellern wie Alban Nikolai Herbst, Elisabeth Wandeler-Deck oder Stan Lafleur veröffentlicht. Auch vertritt der Verlag das Literaturlabel Litblogs.net, ein Portal für Autorenblogs mit eigenem Online-Magazin, das mit anderen literarisch ambitionierten Foren wie Urs Engelers Roughblog kooperiert und sich der „Beobachtung von und Beschäftigung mit Entwicklungen des literarischen Felds im Kontext kontinuierlicher Medienumbrüche“ widmet.

Neue liquide Literaturformen

In der Wissenschaftsreihe „Generator“ des Berliner Frohmann Verlags diskutiert man ebenfalls über „neue ästhetische Formen“. Ein Beispiel ist „Twitteratur“: ausgewählte Aphorismen in 140 Zeichen, die zuvor auf der Kommunikationsplattform Twitter gepostet worden sind. Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin, vertritt im Nachwort zur Anthologie „Über 140 Zeichen“ mit von ihm herausgebenen Twitter-Werkstattberichten die Ansicht, dass der „rund ums Buch etablierte Literaturbegriff nicht mit dem Web 2.0 kompatibel ist“ und somit auch nicht mit den neuen liquiden Literaturformen, deren ästhetisches Programm das Leichtgewichtige, Beliebige, Flüchtige umfasse. Dennoch ist Twitteratur nicht nur inhaltlich, sondern auch formalästhetisch umstritten, da die im E-Book eingefrorenen Tweets dem interaktiven Social-Media-Geschehen entzogen sind, das sich im fortlaufenden Prozess vollzieht und nicht in feststehenden Ergebnissen.

Dass Twitteratur somit vielleicht genauso wenig nachhaltig sein könnte wie die verspielte Hyperfiction der neunziger Jahre oder die triviale SMS-Lyrik der frühen Millenniumszeit stört die Verlegerin Christiane Frohmann nicht. Sie unterscheidet zwischen dem „richtigen E-Book“, also der Digitalversion eines gedruckten Buches, und dem „falschen E-Book“, das sich dem Charakter des abgeschlossenen Kunstwerks verweigere und in immer neuen Versionen verfügbar sei.

Und doch lassen sich Twitterer gern zum „richtigen Buch“ verführen. So hat Anousch Müller, die 2012 im Frohmann Verlag mit dem reinen E-Book „Bescheiden, aber auch ein bisschen göttlich – Beflügelte Worte“ debütierte, mittlerweile bei C.H. Beck ihren ersten, gar nicht experimentellen Roman, „Brandstatt“, über eine thüringische Liebesgeschichte veröffentlicht. Er wurde vom Gros der Follower auf Twitter ignoriert, von Kritikern in Klagenfurt und anderswo negativ rezensiert, aber am Ende von der Jürgen-Ponto-Stiftung prämiert.

Die Autorin lebt als Journalistin und Schriftstellerin in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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