Kolumne „E-Lektüren“

Kann man mit Jubel und Wohlstandsmüll Flüchtlingen helfen?

Von Elke Heinemann
 - 22:54

Die Überschriften dieser Tage, egal, ob digital oder gedruckt, orakeln über jene Traumatisierten, die alles verloren haben, die überdies ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder, Alten, Kranken aufs Spiel setzen, um illegal aus fernen Kriegs- und Krisengebieten nach Europa zu fliehen, wo sie auf eine neue Heimat hoffen. Ein veritables Mehrgenerationenthema also, das Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache gewählt hat. Aber wie sich „aus illegaler Migration legale“ machen ließe, erschließt sich aus der Ansprache nicht.

Konkreter als die deutsche Kanzlerin äußert sich dazu der österreichische Kulturreporter Simon Hadler, der kürzlich eine junge Syrerin mitsamt Baby in seine Familie aufgenommen hat. Der mehrfach für sein Werk ausgezeichnete ORF-Redakteur hat unter dem Titel „Die Angst vor dem ,Ansturm‘“ in der digitalen Reihe Hanser Box eine Sammlung literarischer Reportagen, analytischer Lageberichte sowie „10 Thesen und Forderungen wider die Feigheit“ veröffentlicht, darunter das Ersuchen Nummer 6: „Sichere Fluchtkorridore nach Europa schaffen und eine Prüfung der Asylgründe in EU-Botschaften ermöglichen - um die Gefahren einer illegalen Flucht zu vermeiden und profitgeilen, brutalen Schleppern Einhalt zu gebieten“:

Für die Digitalpublikation hat der Reporter die Hotspots der defizitären österreichischen Asylpolitik bereist, zu denen das unweit von Wien gelegene, komplett überfüllte Erstaufnahmezentrum Traiskirchen gehört. Dort konnten zahlreiche der erschöpften Ankömmlinge trotz Nässe und Kälte nur im Zelt unterkommen: „Vollkommen sinnlos wurde mitten in einem der reichsten Länder der Erde ein humanitärer Notstand provoziert, der monatelang anhielt.“ Der „Faktencheck Asyl“, wie das E-Book im Untertitel heißt, bezieht sich nicht nur auf die katastrophalen Gegebenheiten in dem niederösterreichischen Lager und vor dem Wiener Westbahnhof, wo die Schutzbefohlenen zwar die Unterstützung von NGOs und unzähligen freiwilligen Helfern erhalten, aber kein festes Dach über dem Kopf. Hadler geht auch rassistische Hass-Memes im Internet durch, rät von emotionalen und/oder ironischen Reaktionen ab, liefert stattdessen streng geprüftes Zahlenmaterial: 150 Euro pro Jahr müsste ein einziger Steuerzahler für einen einzigen anerkannten Flüchtling aufbringen, der dafür locker die Rentenkassen des österreichischen Staates mit seiner extrem niedrigen Geburtenrate auffüllen könnte.

Als kämen sie aus dem Boxring

Eine der Freiwilligen, auf die Hadler in Traiskirchen trifft, ist die österreichische Modebloggerin Madeleine Alizadeh, die sich im Netz auch Dariadaria nennt. Sie ist an der Crowdfunding-Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ beteiligt, die mittlerweile mehr als 130.000 Euro Flüchtlingshilfe eingenommen hat. 69 der mehr oder weniger literarischen Blogposts sind in die Anthologie „Willkommen!“ eingegangen, die der Berliner Digitalverlag mikrotext den neuen Beschwörern der German Angst entgegensetzt.

Es sind Aufrufe zu Menschlichkeit und Empathie. Belege dafür, dass Hilfe süchtig machen kann. Szenen aus der Aufnahmestelle des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales, vor der Tausende von Geflüchteten ausharren. Doch fehlen Gespräche mit Lageso-Leuten, mit meiner Nachbarin beispielsweise, die im vergangenen Jahr so viele Überstunden geleistet hat, dass sie wahrscheinlich frühzeitig in Pension gehen muss. Dafür enthält die Anthologie „Willkommen!“ Erinnerungen an Fluchtgeschichten aus vielen Ländern und Zeiten, darunter einige, die von jenen meiner Vorfahren stammen könnten, die Ostpreußen Ende des Zweiten Weltkriegs unter grausigen Umständen verlassen mussten. Dann gibt es noch extrem Ironisches von der österreichischen Künstlerin Stefanie Sargnagel: „Ich mach T-Shirts ,Flüchtlingsstrom 2015 - ich war dabei‘“. Und extrem Zynisches von antiprodukt: „Die Flüchtenden werden mit frenetischem Jubel und Wohlstandsmüll überschüttet, bekommen Pappteller mit Bonbons entgegengestreckt, Decken und Pullis übergeworfen, als kämen sie aus dem Boxring, obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können.“

Was sich jeder erlauben kann

In der dystopischen Erzählung „Emil schreit“ flieht die Autorin Miriam Burdelski mit Ehemann Paul und den Kindern Ida und Emil quer durch ein deutsches Krisengebiet. Verletzt, hungrig, nur noch mit verdreckten Fetzen bekleidet, erreicht die normal-nette Mittelklasse-Kleinfamilie aus dem zerstörten Hamburg die Niederlande, wo man ihr eine Notunterkunft in einem leeren Fabrikgebäude zuweist: „Ida hat Fieber bekommen. Sie zittert am ganzen Leib. Ich habe Angst, dass sie stirbt. Niemand kann uns weiterhelfen. Vor der Fabrik skandieren Menschen. Sie schreien uns an, dass wir zurücksollen. Dass man uns und unsere Kinder erschießen soll. Emil redet seit Tagen nicht mehr. Er benimmt sich manchmal wie ein Baby. Er liegt viel zusammengekauert auf der Pritsche. Manchmal fragt er, wann wir denn erschossen werden.“

Der erste Text in der Anthologie „Willkommen!“ ist ein „Offener Brief an das Bundesministerium für Inneres“ von Madeleine Alizadeh. Er ist einem der größten Probleme der Neuankömmlinge gewidmet, der Wohnungsnot: Zwar gibt es eine Unterkunft für eine syrische Familie, aber keine dazu passende Genehmigung des österreichischen Innenministeriums. In Deutschland hat die bekannte Sängerin Sarah Connor es immerhin geschafft, eine syrische Frau mit fünf Kindern zu beherbergen: „Ich kann verstehen, dass nicht jeder Flüchtlinge bei sich aufnehmen kann oder will. Aber was sich jeder erlauben kann, ist, ein bisschen Wärme, Nähe, Trost und Liebe zu spenden, ohne sich fürchten zu müssen.“ Sicher sind der Gästetrakt einer Villa, das urbane Plattenbau-Getto, die baufällige Scheune auf dem Land keine Antworten auf die Frage, wo die Zuzügler auf Dauer angemessenen und bezahlbaren Wohnraum finden können.

Meine Lektüre endet heute mit einem Satz des Netzaktivisten Michael Seemann: „Jeder muslimische Mensch, dem wir in der Not helfen, ist ein Tritt in die Fresse der Terroristen.“ Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie in den von mir empfohlenen E-Books weiter.

Die E-Books

Simon Hadler: „Die Angst vor dem ,Ansturm‘“. Faktencheck Asyl. Hanser Box, Carl Hanser Verlag, München 2015.

Katharina Gerhardt, Caterina Kirsten, Ariane Novel, Nikola Richter, Frank O. Rudkoffsky, Eva Siegmund (Hrsg.): „Willkommen!“. Blogger schreiben für Flüchtlinge. mikrotext, Berlin 2015.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAngela MerkelEuropaHanserAsylFlüchtlingeKrisengebiet