E-Book-Piraterie

Es kommt die Generation kostenlos

Von Clemens Voigt
 - 12:27

Sie wiegen nichts, verstopfen nicht das Bücherregal, und man kann von überall auf sie zugreifen: Immer mehr Deutsche sind papierlos glücklich und begeistern sich für E-Books. Allein im vergangenen Jahr wurden 1,2 Millionen E-Reader verkauft, ein Viertel der Bevölkerung liest elektronische Bücher, und ein Drittel der E-Book-Leser liest sogar ausschließlich digital. Zwar hat sich das Wachstum des Marktes im letzten Jahr etwas abgeflacht. Eine Studie von PriceWaterhouseCoopers erwartet für 2017 einen Anteil von siebzehn Prozent am belletristischen Markt in Deutschland.

Mit wachsender Beliebtheit des elektronisch übertragbaren Formats wächst aber auch die Gefahr des Missbrauchs. Ein Blick auf die Zugriffszahlen der E-Book-Hehlerseiten dürfte Verlagen einen Schreck einjagen: Die zwei beliebtesten werden im Monat 1,4 bis 1,6 Millionen Mal aufgerufen. Dazu kommen noch Downloadportale, auf denen zusätzlich Musik, Filme und Software angeboten wird. Auf der größten deutschsprachigen Plattform sticht vor allem die Zahl der registrierten Nutzer ins Auge: Mehr als 2,6 Millionen „Piraten“ tummeln sich auf der Seite, in dessen E-Book-Archiv sich etwa die Bestseller Dan Browns, Paulo Coelhos oder Daniel Kehlmanns ebenso finden lassen wie die Titel der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Bestimmte Genres sind besonders betroffen

Andreas Kaspar, Kopf des Anti-Piraterie-Dienstleisters Counterfights, schätzt, dass sich ungefähr 60.000 belletristische Titel im Netz finden lassen, monatlich kämen etwa 1000 bis 2500 hinzu. Allerdings müsse man differenzieren: Am stärksten betroffen sei die leichte Unterhaltung, Fantasy, Romantik und Erotik – hier liege die Piraterie-Quote bei fast neunzig Prozent, dasselbe gelte für den Fachbuchbereich. In der übrigen Belletristik seien es immerhin dreißig bis fünfzig Prozent. Alles, was sich gut verkaufe, finde sich umgehend auch im Netz. Zusammen ergeben Seitenaufrufe und Titelanzahl also ein erschreckendes Bild. Dennoch gilt: Nichts Genaues weiß man nicht.

Denn ob mit den illegalen Downloadern wirklich scharenweise Kunden verlorengehen, ist nicht geklärt. Viele laden aus Prinzip herunter und kaufen ohnehin nichts. Es sei unsicher, so Thomas Schierack, Vorstandsvorsitzender vom Verlag Bastei-Lübbe, wie viel Umsatz man am Ende einbüße. „Wir glauben, nicht allzu viel, aber da muss man sich aufs Bauchgefühl verlassen.“ Marco Verhülsdonk, beim Verlag Kiepenheuer & Witsch zuständig für E-Books, stimmt zu: „Wir kennen die Dunkelziffer nicht.“ Trotzdem könne man allein aus grundsätzlichen Erwägungen Verletzungen des Urheberrechts nicht einfach ignorieren. Letztlich gehe es darum, ein Geschäftsmodell zu schützen, nichts zu tun sei keine Option.

Die Tricks moderner Piraten

Grundsätzlich gibt es für Verlage drei Möglichkeiten, um gegen Piraterie vorzugehen: Abmahnungen, das kontinuierliche Entfernen von Downloadlinks und die Verbesserung legaler Angebote. Die Zahl der Abmahnverfahren nimmt allerdings stetig ab, denn dazu müssen die Uploader eindeutig identifizierbar sein. Dies ist aber nur bei den klassischen Tauschbörsen der Fall, die an Bedeutung verlieren. Die Identität von Tauschbörsennutzern kann vom jeweiligen Provider über die IP-Adresse, die individuelle Kennung jedes Internetnutzers, erfragt werden. Moderne Piraten laden ihre Dateien aber heute bei sogenannten One-Click-Hostern (OCHs) hoch (also Dienstleistern, die Speicherplatz im Internet bereitstellen), was zunächst völlig legal ist.

Erst die Veröffentlichung der dazugehörigen Download-Links auf einer Piratenplattform ist strafrechtlich relevant. Durch die Trennung von Upload und Link-Bereitstellung gestaltet sich die Zusammenführung schwierig. Durch den hohen Anonymisierungsgrad sowohl bei Hostern als auch bei den illegalen Seiten – Name und Anschrift müssen nicht genannt werden – sind die Übeltäter kaum zu ermitteln. Maßnahmen gegen diese Methode bieten Unternehmen wie Counterfights an, die das Netz mit Hilfe von Software nach entsprechenden Angeboten durchforsten. Werden die Programme fündig, fordert Counterfights die Hoster auf, die entsprechenden Dateien zu entfernen.

Mittels dieses „Notice und take down“ genannten Verfahrens lasse man pro Tag bis zu tausend Dokumente löschen, so Kaspar. Allerdings sei der Vorteil, den man durch die Erkennungssoftware zunächst gehabt hätte, dahin. Denn die Piraten nutzten mittlerweile ebenfalls Programme, die gelöschte Dateien unter neuem Namen automatisch wieder hochladen – das Ergebnis ist eine Pattsituation.

Piraterie als Geschäftsmodell

Bleibt noch die Verbesserung legaler Angebote: Neueste Innovation sind Flatrate-Modelle, bei denen die Nutzer für einen geringen Festpreis unbegrenzt Bücher ausleihen können, in Analogie zum Musikstreaming. Bei Bastei-Lübbe will man auf der hauseigenen Plattform „Beam“ durch Inhalte, die speziell den Geräten angepasst sei, sogar neue Leserkreise erschließen. „Wir glauben, dass die Leute kürzere und multimediale Inhalte wollen, Zielgruppe ist hier nicht der klassische Buchleser“, so Thomas Schierack. Jedoch sollen Abo-Modelle tatsächliche Bücherkäufe nicht ersetzen. Ähnliches gilt für Kiepenheuer&Witsch. Wie andere Verlage der Holtzbrinck-Gruppe ist man mit einer Backlist beim Flatrate-Anbieter Skoobe vertreten, Neuerscheinungen sucht man dort vergebens. Counterfights-Chef Kaspar meint dazu: „Legale Angebote sind zwar sinnvoll, aber letztlich werden sie nur schwer mit illegalen konkurrieren können, weil die Breite des dazu noch kostenlosen Angebots immer besser sein wird.“

Ist also die Gratismentalität an allem schuld? Die Erklärung greift zu kurz, weil sie übersieht, dass Piraterie ein Geschäftsmodell ist. Eine nicht geringe Zahl an Menschen verdient prächtig an der illegalen Verwertungskette. Viele Uploader stellen etwa die Dokumente nicht einfach in wohltätiger Robin-Hood-Manier ins Netz, sondern erhalten Geld von den Hostern. Der in Deutschland beliebteste Anbieter, uploaded.net, zahlt pro tausend Downloads zehn Euro für eine drei bis hundert Megabyte große und sogar vierzig Euro für eine bis zu einem Gigabyte große Datei, so Andreas Kaspar. Außerdem werde man für neu angeworbene Kunden entlohnt. Die One-Click-Hoster selbst verdienen ihr Geld durch monatliche Beträge, die man als Premiumnutzer entrichten muss.

Weitere Profiteure sind die Werbetreibenden, die auf den illegalen Seiten Banner schalten, die Finanzdienstleister, mit Hilfe derer man die Hoster inkognito bezahlt, und natürlich die Betreiber der Plattformen, auf denen die Downloadlinks veröffentlicht werden. Die Portale sind oft in Ländern wie Belize oder Tonga registriert, in denen nur laxe Regeln bei der Vergabe von Internetdomains gelten. So gelingt es den Betreibern meist, anonym zu bleiben – und die Staaten freuen sich über die Einnahmen. Auch viele OCHs sind dort „zu Hause“; anders als zu vermuten wäre, liegen die illegalen Dateien nicht in der Südsee, sondern auf deutschen, niederländischen oder französischen Servern, wie Kaspar betont. Damit sind weitere Nutznießer der Piraterie benannt – Rechenzentren, die sich den vergebenen Speicherplatz bezahlen lassen.

So bildet das globale Piraterie-Netzwerk ein komplexes System, dem nur mit erheblichen Aufwand beizukommen ist. Dazu bräuchte es zunächst den politischen Willen. Laut Björn Frommer von der Anwaltskanzlei Waldorf Frommer ist dieser seit kurzem endlich vorhanden. Ein Entwurf für eine Änderung des Telemediengesetzes sieht vor, OCHs stärker als bisher für ihre Inhalte haften zu lassen. Darüber hinaus hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters zwischenzeitlich ein Positionspapier zum Urheberrecht veröffentlicht, in dem es heißt: „Künstler und Kreative müssen von ihrer Arbeit leben – und nicht nur knapp überleben – können.“ Eine späte Einsicht, woanders ist man schon weiter.

Verlust des Wertgefühls

„England ist uns mit seiner Anti-Piraterie-Einheit PIPCU weit voraus“, sagt Christian Sprang, der Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Letztlich könne man das Problem aber ohnehin nur über internationale Abkommen lösen, national lasse sich wenig ausrichten. „Wenn wir heute nicht nachweisen können, dass der Täter Deutschland-Bezug hat, lautet die Empfehlung, sich an die Behörden im Ausland zu wenden, also etwa in Russland und der Ukraine.“ Das bleibe naturgemäß ohne Ergebnis.

Für die Zukunft ist Anwalt Frommer pessimistisch: „Nachfolgende Generationen werden es verlernen, Geld für Inhalte auszugeben, denn in ihrer Wahrnehmung ist content kostenlos erhältlich und nur einen Mausklick entfernt. Es wächst eine ganze Generation heran, die den Wert von Kulturerzeugnissen schlichtweg gar nicht mehr beurteilen kann.“

Dieser Auffassung steht die zwar nicht entspannte, aber keineswegs panische Sichtweise der Verlage gegenüber. Der Umsatz der Branche blieb bisher relativ stabil, trotz Amazon, trotz Filesharing. Anders als bei der Musikindustrie ist die Katastrophe ausgeblieben – die Gnade der späten Geburt sieht Christian Sprang am Werk. So bleibt die Digitalisierung zwar weiterhin eine Herausforderung für Buchhandel und Verlage, geentert haben die Piraten das gemeinsame Boot aber noch nicht.

Quelle: F.A.Z.
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