Kinderbuchplattform Oetinger34

Wo Autoren und Illustratoren ihre Werke ausbrüten

Von Fridtjof Küchemann
 - 16:14
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Die Bilder lehnen an der Glaswand, die das Büro des Verlegers vom großen Mittelraum der Etage des alten Speicherhauses in Hamburg-Altona trennt: Astrid Lindgren im Frühlingswald. Astrid Lindgren, wie sie Inger Nilsson bei den Dreharbeiten zu „Pippi Langstrumpf“ umarmt, als das Mädchen der berühmtesten Kinderbuchheldin der Welt ihren aufgekratzten Blick und ihre Stupsnase lieh. Ja, sagt Till Weitendorf, er habe Lindgren noch persönlich gekannt. Schon als Kind habe er sie oft gesehen, wenn sie bei ihrem deutschen Verlag in Hamburg zu Gast war, und einmal habe er sie auch besucht, oben in Schweden, zusammen mit seiner Oma.

Die Oma, das ist Heidi Oetinger, über Jahrzehnte deutsche Verlegerin und Vertraute der schwedischen Autorin. Unter ihr wurde aus dem Verlag Friedrich Oetinger eine der hierzulande bedeutendsten Adressen für Kinder- und Jugendbücher: Paul Maar und sein Sams erscheinen hier, die Bücher von Kirsten Boie oder die erfolgreiche Trilogie „Die Tribute von Panem“ der amerikanischen Autorin Suzanne Collins. Astrid Lindgren allerdings, sagt Weitendorf und wirft einen kurzen Blick zur Glaswand, sei Oetingers wichtigste Autorin geblieben. Eine Gründungsfigur des Verlags nennt er sie, zusammen mit ihrer Pippi Langstrumpf, deren erstes Buch Oetinger schon 1949 veröffentlicht hat, als die unerhörten Abenteuer des stärksten Mädchens der Welt unter Pädagogen und Eltern nicht nur für Erstaunen, sondern auch noch für Argwohn und Ablehnung sorgten.

Seit 2009 leitet der 36 Jahre alte Hamburger mit seinem Bruder Jan, seiner Mutter Silke und seiner Schwester Julia Bielenberg die Verlagsgruppe, und er lässt sich lachend die Unterstellung gefallen, mit seinen Bemühungen, das Familienunternehmen ins Digitale zu öffnen, zunächst als Rebell in der Geschäftsführung gegolten zu haben: „Man hat das nicht immer nur goutiert“, bestätigt er, „man hat mich aber zum Glück machen lassen. Ich glaube, heute sind sie ganz glücklich, dass es so war.“

Sein neuestes Vorhaben, verspricht Till Weitendorf kühn, werde die Welt verändern. Nichts weniger als eine Revolution ist für ihn „Oetinger34“: eine Online-Community und Partnerbörse, bei der sich die passenden Autoren und Illustratoren finden können, eine Plattform, auf der sie mit eigens geschulten „Junior-Lektoren“ online an ihren Büchern, E-Books, Apps arbeiten können sollen, und schließlich ein Verlag. An den Projekten arbeiten die Beteiligten zunächst unter Ausschluss der Community mit einer eigens programmierten Software namens Weißraum. Sie ist browserbasiert, lässt sich also über jede Internetverbindung aufrufen, und zeigt das entstehende Werk schon in etwa so, wie es nachher aussehen soll. Dann wird der Vorhang gelüftet, die Arbeit den anderen Nutzern gezeigt und zur Wahl gestellt. Aus den beliebtesten Titeln sucht schließlich ein klassisches Lektorat die Werke für die Veröffentlichung aus, gibt ihnen den letzten Schliff und entscheidet, in welcher Form sie erscheinen sollen. Dreißig Titel im Herbst 2015, später bis zu siebzig Titeln im Jahr sollen es auf verschiedenen Wegen werden. Im Augenblick befindet sich das Unternehmen in der „Closed beta“-Phase: Der Testbetrieb läuft als geschlossene Gesellschaft, knapp zweihundert handverlesene Autoren, Illustratoren und Junior-Lektoren arbeiten schon auf der Plattform und haben einander gerade die ersten 32 Titel vorgestellt: Bis zu diesem Montag konnten sie ihre zehn Lieblinge bestimmen, in anderthalb Wochen wird dann der Community verkündet, welche das sind.

Revolution, zweiter Versuch

Was dann damit geschieht, entscheidet Katrin Weller, die Programmleiterin von Oetinger34. Die Lektorin kommt vom Würzburger Kinder- und Jugendbuchverlag Arena und ist seit dem Frühjahr in Hamburg mit von der Partie. Natürlich werde sich das Lektorat, erklärt sie das Verfahren, die ausgewählten Titel genau anschauen, aber ebenso selbstverständlich auch auf Werke achten, die von der Community nicht favorisiert worden sind. Ein Platz unter den Top Ten sei kein Garant für die spätere Publikation. Entscheidend sei Qualität, und das Urteil darüber wird nicht allein den Nutzern überlassen. Sobald klar sei, dass ein Buch bei Oetinger34 nicht erscheinen werde, stehe allerdings dessen Schöpfern frei, es anderen Verlagen anzubieten oder auch auf eigene Faust zu veröffentlichen.

Qualität ist das Schlüsselwort der ganzen Unternehmung. Schon einmal nämlich hat Weitendorf eine Autoren-Plattform mit großen Erwartungen ins Netz gestellt. Auch Triboox hatte sich die Revolution auf die Fahnen geschrieben. Diese Self-Publishing-Plattform, auf der Autoren sich bereits beim Schreiben über die Schulter schauen und beraten lassen konnten, auf der sie ihre fertigen Werke zu einem von ihnen festgelegten Preis anbieten konnten und die Community in wöchentlichen Votings zeigen sollte, welcher Titel mit Bestsellerpotential eigentlich nur noch von einem Verlag entdeckt und veröffentlicht zu werden brauchte, konnte zwar mehr als tausend Nutzer anlocken, aber keine weiteren Investoren. Wie man damit Geld verdienen sollte, war auch nicht klar. Dafür hat sich gezeigt, wohin es führt, einer Community das letzte Wort über die Qualität von Büchern zu überlassen: nicht allzu weit. Ende 2012, fünf Jahre nach dem Beginn, war Schluss.

Bitte anklopfen

„Wir haben ein paar Federn gelassen bei Triboox“, sagt Till Weitendorf heute, „aber wir haben auch daraus gelernt.“ Wie sich eine Community verhält, was den Nutzern gefällt und was nicht. Mit welcher Offenheit die Betreiber der Plattform agieren müssen. Und dass Schreiben einen Schutzraum braucht. „Das ist etwas, das wir uns abgeguckt haben vom klassischen Verlag: Diese Intimitätssphäre muss es einfach geben.“ So sind es bei Büchern ohne Bilder lediglich der Autor und ein Junior-Lektor, die das Werk im Weißraum aufrufen können, bei Bilder- und Kinderbüchern kommt natürlich noch ein Illustrator hinzu. „Selbst das Oetinger34-Lektorat muss anklopfen, wenn es in die Projekte schauen will“, sagt der Verleger.

Der Weißraum ermöglicht Autoren und Illustratoren, ihre Texte und Bilder schon so zu arrangieren, wie sie später aussehen könnten, und die Arbeit des anderen zu kommentieren: Stimmen Farbgebung und Schriftgröße? Wirkt die gezeichnete Figur vielleicht zu jung oder zu alt für die Vorstellung des Autors? Oder könnte, andersherum, der seinen Text vielleicht noch etwas straffen und manche Details einfach den Bildern überlassen? Die Beteiligten können sich zwar nicht gegenseitig in die Arbeit pfuschen, dafür ist gesorgt, aber die Abstimmung ist schon in der Entstehung eng. Und wird schon früh begleitet.

Training on the job

Der Junior-Lektor ist die ungewöhnliche Rolle in der Konzeption von Oetinger34: Teil der Community, aber kein Kreativer, an der Entstehung des Werks beteiligt, aber aus dem Rennen, sobald er sein abschließendes Gutachten geschrieben und das Werk den „richtigen“ Lektoren übergeben hat. Ein Amateur, der sich mit passenden Studien- oder Praktikumsnachweisen für diese Rolle bewerben kann, von dem die Programmleiterin Weller allerdings weitreichende Ratschläge an den Autor erwartet: Auch in die Plot-Konstruktion soll er bereits eingreifen können, dazu raten, ganze Figuren oder, bei einem umfangreichen Jugendbuch, auch mal hundert Seiten zu streichen. Und das alles für 7,50 Euro pro Gutachten?

„Der Junior-Lektor bekommt bei uns eine Art Training on the Job“, erklärt Till Weitendorf: Er werde durch Video-Tutorials, Webinare individuell geschult und beraten und könne so schon als Student Verantwortung tragen und Erfahrungen sammeln in einer ebenso attraktiven wie schwer zugänglich wirkenden Branche. Dass die Junior-Lektoren dem Absprung näher kommen, je besser sie geworden, je länger sie dabei sind, lässt sich dabei nicht vermeiden. Dass er auch hier versuchen werde, große Talente „auf die eine oder andere Art“ zu halten, steht für den Verleger aber fest.

In der Test-Community sind die Junior-Lektoren die kleinste Gruppe: Fast doppelt so viele Illustratoren und fast dreimal so viele Autoren arbeiten hier bereits, dazu kommen gut fünfzig einfache Leser, die ihre Lektüreeindrücke beisteuern und ohne eigene Ambitionen an den Wahlgängen teilnehmen sollen. Zwischen vierzehn und 59 Jahre alt sind die Teilnehmer der noch verhältnismäßig kleinen Testgruppe, drei Viertel von ihnen sind Frauen.

Nur eine Form

Die gut dreißig Projekte, die sich dieser Tage dem ersten Voting bei Oetinger34 stellen, sind zu je einem Drittel Bilder-, Kinder- und Jugendbücher: Von witzigen Wort- und Bildspielereien für die Kleinsten über die turbulenten Abenteuer einer abgestürzten Schildkröten-Agentin bis zu düsteren Geschichten von Mobbing und Gewalt unter Schülern reicht ihr Spektrum. Es sind durchaus Werke mit Potential darunter, aber auch die unvermeidlichen Arbeiten, bei denen abzusehen ist, dass auch wohlwollende Unterstützung der anderen und guter Rat sie nicht zur Veröffentlichungsreife bringen können. Aber das ist ja nicht nur bei Kollaborationsplattformen im Internet so, sondern selbst bei Büchern, die längst ihren Verlag gefunden haben.

Dass ihr Buch auch gedruckt würde, sei das Größte für die bei Oetinger34 versammelten Kreativen, da ist sich Weitendorf sicher. Deshalb haben sie den Editor im Weißraum auch angelegt, als schaute man in ein aufgeschlagenes Buch: mit leichtem Schatten, wo die Seiten zusammentreffen. „Für uns“, schränkt der Verleger allerdings ein, „ist es nur eine Darstellungsform.“ Und auch digital werden Textausschnitte und Bilder noch vorzugsweise auf nachempfundenen Seiten angeordnet, zum Blättern.

Hier kann man etwas wagen

„Ich glaube“, sagt Weitendorf, „das Buch hat etwas Sympathisches, und das ist ja auch gut so. Ich selbst bin ja nicht nur so ein Digital-Nerd, sondern auch ein leidenschaftlicher Leser. Das Buch hat ja ganz viel, gerade wenn man damit aufgewachsen ist. Ob die nächste Generation das auch noch so sieht - Fragezeichen.“ Schließlich greifen schon Grundschulkindern wie selbstverständlich zum E-Book, und das nicht nur, wenn ihnen im Urlaub das Lesefutter ausgegangen ist und in den schwedischen Schären deutschsprachige Kinderbücher nur elektronisch zu bekommen sind. Und gerade unter den jüngeren Jugendbuchautoren, im Fantasy-Genre zumal, wären einige ganz einverstanden damit, dass ihr Lesefutter ausschließlich als E-Book produziert wird, berichtet Katrin Weller.

Dass die Software, die sie hierfür entwickeln, auch andere Verlage interessieren könnte, war Till Weitendorf anfangs gar nicht klar. Dabei hat er erst im vergangenen Jahr ein weiteres Programm an den Start gebracht, dem er breiten Einsatz in der Branche wünscht: „TigerCreate“ bietet die unkomplizierte Möglichkeit, Bilderbücher nicht nur zu digitalisieren, sondern sie auch um kleine interaktive Funktionen - Verstecke, Bewegungen, Geräusche - zu erweitern. Für Oetinger34 hat Weitendorf nicht nur die Branche, sondern auch deren Schreckgespenst im Blick: „Auf dem großen Buchmarkt“, erklärt er, „gibt es an Amazon kein Vorbei mehr. Aber in unserer kleinen Nische, dem Kinder- und Jugendbuchmarkt, kann man noch etwas wagen.“

Verlag der Zukunft

Dabei ist die Nische für den Versandriesen keineswegs zu klein, um interessant zu sein: Am Tag nach dem Gespräch in Hamburg veröffentlicht das Unternehmen aus Seattle nicht nur mit „KDP Kids“ einen neuen Direct-Publishing-Kanal speziell für Kinderbücher im Kindle-Format, sondern mit dem „Kindle Kids’ Book Creator“ auch ein Programm, mit dem, so Amazons Versprechen, Kinderbuchinhalte problemlos im Kindle-Format ausgearbeitet werden können. Das Ziel ist klar: Autoren und Illustratoren direkt an Amazon zu binden, ohne dass ein Verlag dazwischengeschaltet wäre, ein anderer Vertrieb in Konkurrenz zum Riesen träte oder auch nur ein anderes Lesegerät als der Kindle genutzt werden könnte.

Etwas zurückgesetzt steht das alte Speicherhaus, dessen Hausnummer dem Unternehmen seinen Namen gegeben hat, in der Max-Brauer-Allee. In den oberen Etagen umgeben die Büros von Geschäftsführung und Lektorat mit ihren Sprossenfenstern große Innenräume mit Besprechungstischen auf Holzdielen und einer kleinen Ausstellung mit Büchern aus der Verlagsgruppe. Im Erdgeschoss gehört der linke Laden zu Oetinger34: ein heller, hoher Raum mit einfachen Tischen und großen Bildschirmen. Hier arbeiten die Leute, die den Kontakt zur Community halten, und die Programmierer. Ob hier das Fundament eines Verlags der Zukunft entsteht? Vorstellen kann man sich das schon.

Vielleicht Freiheit

Wobei sich erst noch zeigen muss, ob Till Weitendorf diesmal die richtige Balance gefunden hat aus den Vorzügen der Vernetzung und denen klassischer Verlagsarbeit. Was wäre wohl mit „Pippi Langstrumpf“ passiert, wenn dieses kühne Buch damals die Abstimmungs- und Angleichungsphasen durchlaufen hätte, auf die es Oetinger34 anlegt? Bliebe im Abgleich von Eigenwilligkeit und Massentauglichkeit nicht unweigerlich die Originalität solcher Werke auf der Strecke?

Bei Triboox, überlegt der Verleger, wäre das Buch kraft der Community vielleicht wirklich glattgebürstet worden. Diesmal aber steht ein Werk nicht bereits in der Entstehungsphase unter allgemeiner Beobachtung und Kommentierung, sondern wächst erst einmal im Schonraum einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter. „Hier können Sachen passieren, die vielleicht bei uns im Verlag so nicht passiert wären“, hofft Till Weitendorf: „Es wird auf Oetinger34 vielleicht viel mehr Freiraum und viel mehr Wille zur Kreativität geschaffen, es wird uns vielleicht viel mehr überraschen, was hier entsteht, als bei jedem Verlag.“

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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