Neue App „Clean Reader“

So machen Sie Ihre Lektüre richtig sauber

Von Fridtjof Küchemann
 - 11:04

Auf die Frage, warum es keinen Fluch, keine einzige Obszönität in seinen Büchern gebe, hat Mark Henshaw, dessen Thriller Titel wie „Erbarmungslos“ tragen, eine schlüssige Antwort: weil auch seine Mutter seine Bücher in die Hände bekomme. Gefragt, warum man überhaupt keine Obszönität in Büchern finden können sollte, antworten Kirsten und Jared Maughan aus Twin Falls in Idaho: weil ihre Tochter einmal ganz bedrückt aus der Bücherei nach Hause gekommen sei und dort ein Buch gelesen habe, das ihr grundsätzlich gefallen habe - wenn nur die schlimmen Wörter nicht gewesen wären.

Für das arme Mädchen und für alle empfindlichen Gemüter auf der Welt haben sich die Maughans eine App ausgedacht. Wer sich den „Clean Reader“ aufs Smartphone oder Tablet lädt und damit ein E-Book kauft, kann eine von drei Reinlichkeitsstufen auswählen, mit denen anstößige Wörter im Text abgedeckt und durch harmlose ersetzt werden. Das sei urheberrechtlich unbedenklich, sagen die App-Entwickler, in den eigentlichen Text werde schließlich nicht eingegriffen.

Vielfältiges Leiden beim Lesen

Die Blacklist der alarmierenden Wörter bleibt natürlich ein Geheimnis. Sie würde ja bestimmt zum sofortigen Herztod zartbesaiteter Leser führen. Wer glaubt, ein Wort sei übersehen worden, kann die Reinlichkeitsstufe auf „blitzsauber“ hochdrehen. Wer dann immer noch auf schlimme Wörter stößt, kann sie einfach melden. Eine solche Entwicklung war überfällig! Man muss schließlich nicht erst zu schimpfgesättigten Werken wie George R. R. Martins „Game of Thrones“-Vorlage greifen, deren fünf Bände es Ende Januar im „Clean Reader“-Shop zum halben Preis gab, um zu erschaudern. Sind nicht schon die Entgleisungen der überforderten Figuren in Jonathan Franzens Romanen eine Zumutung für jeden rechtschaffenen Leser? Und ist nicht sogar der „Ulysses“ von James Joyce, bei Lichte betrachtet, eine große Ansammlung von Schmutz? Ein Fall für den „Clean Reader“! Dessen Einsatzmöglichkeiten allerdings noch etwas unterentwickelt wirken. Schließlich wird in der Literatur nicht nur geschimpft, sondern auch gehandelt. In einem fort wird gemeuchelt, gepeinigt und gelitten in den Büchern dieser Welt.

Sollte nicht am besten auch gleich aus jedem Faustschlag ein wütender Blick, aus dem tödlichen Schwertstreich eine warnende Geste und aus jedem Toten ein Ohnmächtiger werden? Wir wollen aber auch die Seelenqualen all jener nicht vergessen, die nicht unter zu viel Schimpf und Schmutz in ihren Büchern leiden, sondern unter Kitsch. All diese idyllischen Ausführungen, die schwülstigen Liebeserklärungen, dieses ganze Küssen und Kuscheln - welche neuen Leser man für die pastellfarbene Literatur begeistern könnte, wären nur ihre extremen Wörter und Taten etwas heruntergepegelt. Oder gleich ganz in ihr Gegenteil gewendet. Müsste man nicht überhaupt bei allen Büchern einstellen können, wie schlimm es in ihnen zugehen darf, damit kein Leser mehr befremdet wird? Praktisch daran wäre auch, dass sich diese Einstellungen, bevor man das Buch für diesmal zuklappt, wieder verändern lassen: Schnell noch auf „blitzsauber“ schalten - falls Mutter das Ding in die Hände bekommt.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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