E-Book-Kolumne „E-Lektüren“

Die Wortwelt von Homers Erben

Von Elke Heinemann
 - 10:49

Ich wurde früh mit literarischen Werken beschenkt, die strenggenommen keine Kinderbücher sind. Während ich mit Alice durchs Wunderland stapfte oder mich mit der kleinen Seejungfrau vor der Meerhexe gruselte, las mein Vater „Pippi Langstrumpf“ und lachte sich schlapp. Ich las dann auch „Pippi Langstrumpf“ und lachte mich schlapp. Die wichtigsten Geschichten, Märchen und Gedichtbände meiner Kindheit stehen noch heute in meiner Bibliothek. Außerdem trage ich sie neuerdings dauernd mit mir herum, denn es gibt sie als E-Books. An jedem Ort der Welt kann ich mich wundern, gruseln oder schlapp lachen, ohne kiloschwere Buchpakete mitzuschleppen.

Sie wollen Papier beim Umblättern rascheln hören, einen monochromen Leinenband mit Lesebändchen in Händen halten und kein kaltes elektronisches Lesegerät? Auch ich bin bekennend bibliophil und hoffe, dass unsere Nachfahren dereinst immer noch schön gemachte Bücher hegen und pflegen werden. Aber warum auf zusätzliche E-Lektüren verzichten? Weil BND, NSA und imperialistische Megakonzerne uns bei jedem Download im Netz ausspionieren? In sozialen Medien wird freiwillig viel mehr offenbart, als es ein noch so exzentrischer Literaturgeschmack erahnen lassen könnte.

Mühsam, anarchoschwarz

Ich liebe gute Literatur. Und ich will sie lesen können, jederzeit und überall. Das Buch verliert nicht durch das E-Book, es gewinnt. Rund zwei Drittel aller deutschen Verlage bieten Digitalversionen ihrer Bücher an, vom ultimativen Beziehungsratgeber bis zum preiswürdigen Roman. Ich habe mir jüngst ein literarisches Monumentalwerk vorgenommen, das sogar eine eigene Internetpräsenz besitzt: Die Tagebücher, die der Räterevolutionär, Schriftsteller und Lebemann Erich Mühsam von 1910 bis 1924 geführt hat, erscheinen seit 2011 im Verbrecher Verlag.

Fünfzehn edle Bücher in anarchoschwarzem Leinen sind bis 2018 geplant. Dazu edle E-Books mit anarchoschwarzem Cover, in denen der Fließtext mit dem kommentierten Personen- und Sachregister verlinkt ist, das sich wiederum als PDF-Datei zum Download auf der projekteigenen Website findet. Dort kann man die Typoskripte mit Mühsams fliehender Handschrift vergleichen und Kommentare der Herausgeber Chris Hirte und Conrad Piens zur Schwabinger Boheme jener Zeit lesen, die mit Wikipedia verlinkt sind. Wenn mir aber danach ist, lasse ich alles links liegen, gebe mich Mühsams bissiger Lebensbeschreibung hin, konzentriere mich, ganz gleich, ob analog oder digital, auf Geldnöte, Geschlechtskrankheiten, politische, ästhetische und sexuelle Obsessionen des Dichters.

Auch Lesen ist heute cool

Dabei bin ich kein Early Adopter technischer Innovationen. Als meine Familie das erste Fernsehgerät anschaffte, das anlässlich der Mondlandung und vergleichbar relevanter Ereignisse eingeschaltet wurde, begann ich gerade mit Dauerlesen. Kinder von heute schauen ständig in irgendeinen Screen. Sie lernen Pippi Langstrumpf durch eine interaktive App des traditionsreichen Kinder- und Jugendbuchverlags Oetinger kennen und backen mit ihr auf dem Tablet-PC die verrücktesten Kuchen der Welt. Wer Astrid Lindgrens Geschichten über das starke Mädchen aus der Villa Kunterbunt gedruckt lesen will, kann sie als kostenlose PDF-Datei in der Ursprungsübersetzung von Cäcilie Heinig von der Website des Verlags herunterladen - oder/und sich auf die wunderbaren Pippi-Langstrumpf-Sonderausgaben im Retrolook der schwedischen Originale aus dem Jahr 1945 freuen, die demnächst bei Oetinger erscheinen.

Dass digitales Lesen das Lesen gedruckter Bücher fördert, weiß ich von Sigrid Fahrer, Leiterin der Entwicklungsabteilung „Digitales Lesen“ bei der Stiftung Lesen. Frau Doktor Fahrers gründliche Inspektion deutscher Schulen hat ergeben: Nicht nur Musikhören, nein, auch Lesen ist heute cool. Und wer auf dem Smartphone liest, leiht sich gelegentlich auch ein paar Bücher in der Schulbibliothek aus. Man ist allein mit der Geschichte, versenkt sich in die Schönheit der Sprache, liebt, leidet, lacht mit den Protagonisten, anstatt mit ihnen verrückte Kuchen auf irgendwelchen Gadgets zu backen.

Keine reine Genre-Nische

Ein Buch ist ein Buch. Ich kann es kaufen, es ist mein. Ich darf es verleihen, verschenken, wieder verkaufen. Ein E-Book ist kein Buch. Es ist eine digitale Datei, die ich gegen Gebühr nutzen kann. Ein E-Book ist nicht mein, ich darf es nicht verleihen, nicht verschenken, nicht wieder verkaufen. Theoretisch. Rein praktisch lernt man in subversiven Online-Foren, mühelos den harten Kopierschutz DRM zu knacken, E-Book-Formate zu konvertieren, Content als PDF-Datei auf externen Festplatten zu speichern.

Ich interessiere mich eher für legale Leihmodelle unserer Tage. Carsharing, Couchsurfing, Streaming. Das E-Book-Angebot kommunaler Bibliotheken, kostenloser und kommerzieller Medien-Flatrates ist aber, mit Verlaub, ausbaufähig. Urheber- und Lizenzrechte müssen angepasst werden, damit hier demnächst überhaupt noch jemand vom Schreiben leben kann. Zumal es mehr und mehr E-Books gibt, die nicht gedruckt erscheinen. Und zwar nicht nur Vampir-Schnulzen, ErotikSchnulzen und Schnulzen-Schnulzen aus online selbstverlegten Schnulzenproduktionen oder rein digitalen Schnulzenprogrammen traditioneller Verlage. Sondern auch poetische, berührende, wilde, kluge, witzige, intelligente Erzählungen, Reportagen, Essays, Experimente, verfasst von literarischen Debütanten und Erfolgsautoren, kuratiert von Lektoren, verlegt in reinen Digitalverlagen, die sich derzeit fast schon exponentiell vermehren.

Einfach mal die Form wechseln

Mit dem Digitallabel „Hanser Box“ wolle er der hauseigenen Literaturprominenz zusätzlich zeitgemäße Publikationsmöglichkeiten anbieten, erklärt mir Jo Lendle, Chef des renommierten Hanser Verlags. T. C. Boyle, Javier Marías, A. L. Kennedy, Ilija Trojanow und viele andere machen bereits mit. Seit Oktober 2014 erscheint jeden Mittwoch in der „Hanser Box“ ein E-Book-Only, im Druck wäre es zwischen zwanzig und hundert Seiten stark. Kurze Texte, die in Anthologien, Zeitschriften oder Schreibtischschubladen der Verfasser irgendwie verloren wirken würden. Nichtlineare Literaturexperimente schweben dem Verleger vor. Oder dass man einfach nur mal die Form wechselt.

Der investigative Reporter Roberto Saviano schreibt die Erzählung „Super Santos“, eine Geschichte aus dem wahren Leben über Fußball, Straßenkinder und die Drogenmafia in Neapel. Der Erzähler Thomas Glavinic veröffentlicht die investigative Kolumne „Sex“, eine Geschichte aus dem wahren Leben über Eifersucht, Nacktheit und Spaß im Bett. Und dann ist da noch die vielfach ausgezeichnete Übersetzerin Elisabeth Edl, die die Stockholmer Rede des Nobelpreisträgers Patrick Modiano überträgt. Er fragt sich, wie wohl künftig Homers Erben, „die mit Internet, Handys, Mails und Tweets geboren wurden, durch die Literatur diese Welt ausdrücken werden, mit der jeder ständig ,vernetzt‘ ist und in der die ,sozialen Netzwerke‘ jenes Stück Privatheit und Geheimnis antasten, das bis vor kurzem noch unseres war - Geheimnis, welches den Menschen Tiefe verlieh und ein großes Romanthema sein konnte“. Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPippi LangstrumpfBNDHanserNSA