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Fragen Sie Reich-Ranicki

Günter Grass' Werke als Abiturstoff?

 - 17:05

Welche Bedeutung messen Sie der tschechischen Literatur bei? Mir ist bekannt, dass Sie Kafka bewundern. Wie beurteilen Sie die Werke von Jaroslav Hasek und Milan Kundera? Peter Vogel, Bad Kissingen

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Gar keine Frage, dass zumindest mehrere tschechische Schriftsteller in der mitteleuropäischen Literatur eine wichtige Rolle spielen.

Haseks „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ ist eine großartige, vernichtende Satire auf den Militarismus. Von Kunderas Romanen habe ich einige gelesen, am stärksten hat mich „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ beeindruckt. Dieses geistreiche und witzige Buch fragt nach der Möglichkeit der Liebe in unserer Zeit. Aber was soll eigentlich der Satz des Lesers aus Bad Kissingen, dass ich Kafka bewundere? Das stimmt, aber was hat das mit der tschechischen Literatur zu tun? Der Prager Kafka schrieb in deutscher Sprache, also war er ein deutscher Schriftsteller - genauso wie der Pole Korzeniowski, der in englischer Sprache schrieb, ein englischer Romancier. In England nannte er sich Joseph Conrad.

Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, dass die Schriftstellerin Clara Viebig, zu ihrer Zeit als die deutsche Zola“ gepriesen, in Vergessenheit geraten ist. Wo heute noch außerhalb der Hochschulseminare von ihr die Rede ist, erscheinen Person und Werk ambivalent und farblos. Hätte sie nicht als Vertreterin des Naturalismus und als mutige Sozialkritikerin einen bleibenden Stellenwert verdient? Haben ihre starken Frauengestalten nicht zur Formulierung der Frauenfrage beigetragen? Gerd J. Nettersheim, Kleinmachnow

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Schon wieder ist jemand in Vergessenheit geraten. Ja, die Viebig ist vergessen - Gott sei Dank. Ja, schon vor sechzig, siebzig Jahren war sie vergessen. Vertreterin des Naturalismus, mutige Sozialkritikerin? Gewiss - und also sollte sie ihren Platz in der Literaturgeschichte haben und in der Geschichte des Feminismus.

Aber man soll die Menschen nicht mit der Lektüre dieser langweiligen, dieser längst veralteten Romane quälen, die - das sollte man nicht vergessen - meist vor über hundert Jahren entstanden sind.

Nach der Offenlegung der Vergangenheit von Günter Grass als SS-Mann sehe ich Grass als verlogenen Egoisten. Sind Sie auch der Meinung, dass das Werk von Grass - immerhin zuweilen Abiturstoff - wegen Unglaubwürdigkeit neu interpretiert werden muss oder sogar vom Lehrplan gestrichen werden sollte? Dr. Friedrich Schüssler, Marktheidenfeld

Ja, das stimmt wohl: Grass ist ein Egoist. Das gilt auch für Kleist, Rilke und Thomas Mann und vielleicht auch für Shakespeare. Dass das Werk als Abiturstoff verwendet wird, ist sehr erfreulich - und so sollte es bleiben. Sollte man es neu interpretieren? Jawohl, alle bedeutenden Werke der Literatur sollten von Zeit zu Zeit neu interpretiert werden.

Quelle: F.A.S.
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