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Über das Heine-Jubiläum

 - 17:38

Was halten Sie vom Heine-Jubiläum, das jetzt im Gange ist?
Sabine Müller, Berlin-Wilmersdorf

Marcel Reich-Ranicki: Es ist noch nicht lange her, die Älteren unter uns können sich wohl noch erinnern: Damals, vor 34 Jahren, wurde in der Bundesrepublik der 175. Geburtstag Heinrich Heines begangen. Man hatte sich schon Mühe gegeben, manches wurde veranstaltet und auch einiges publiziert.

Aber alles in allem war es doch eine große Peinlichkeit. Die meisten Leute der literarischen Branche zuckten mit den Achseln, breiteten ratlos die Arme aus und sprachen oder tuschelten von „Wiedergutmachung“. Jedenfalls war man sich einig: Heine war vorbei und vergessen, und es sei ein vergebliches Unterfangen, ihn wieder beleben zu wollen.

Aufschlußreich war ein 1972 erschienener Sammelband mit dem Titel „Geständnisse. Heine im Bewußtsein heutiger Autoren“. Viele deutsche Schriftsteller hatte man gebeten, sich zu Heine zu äußern, neunzig antworteten, immerhin. Die weitaus meisten von ihnen erklärten jedoch ohne Umschweife, Heine sei ihnen überhaupt nicht bekannt - oder zumindest gleichgültig. In vielen dieser Antworten fällt ein trotziger und aufmüpfiger Ton auf: Man werde sich nicht zwingen lassen, stand zwischen den Zeilen, diesen Autor, weil er Jude war und von den Nazis bekämpft wurde, jetzt zu feiern und zu rühmen.

Der Berühmteste unter den befragten Autoren, Carl Zuckmayer, inzwischen beinahe und zu Unrecht vergessen, wollte ebenfalls von Heine nichts wissen. Er habe, schrieb er, „nie ein Verhältnis zu ihm finden können“. Das kann nur heißen: Laßt mich doch mit diesem Heine in Frieden. Man ließ ihn nicht in Frieden, man gab ihm vielmehr den Heine-Preis. So 1972.

1962 „für die Gegenwart nicht mehr existent“

Schon vorher, 1956, meinte der damals bekannteste deutsche Kritiker, Friedrich Sieburg, man solle doch prüfen, wie sich ein dichterisches Phänomen wie Heinrich Heine „bis zur halben Vergessenheit verflüchtigen konnte“. 1962 ging er weiter und stellte knapp und klar fest, Heine sei für die Gegenwart „nicht mehr existent“.

Genug der Rückblicke. Sie sind nicht überflüssig, will man sich vergegenwärtigen, in wie hohem Maße sich das Verhältnis zu Heine in den vergangenen dreißig Jahren gewandelt hat. Zunächst: Unser Kulturleben hat naturgemäß starke und schwache Seiten. Im Literarischen ist die Kritik der Neuerscheinungen alles in allem kein Ruhmesblatt, was Gründe hat, die sich schwer abschaffen lassen. Die Gefälligkeitskritik blüht nach wie vor, der Verriß, ohne den das literarische Leben nicht existieren kann, kommt nur selten vor, weil er häufig mit einem nicht geringen Risiko verbunden ist.

Anders verhält es sich mit den großen Jubiläen. Sie werden in der Regel gut vorbereitet und erweisen sich als nützlich. Im vergangenen Jahr konnten sich die beiden wichtigsten Jubiläen (Schillers zweihundertster Todestag und Thomas Manns fünfzigster) durchaus sehen lassen. Beide haben sie ihre Wirkung getan. Zweierlei vor allem wurde erreicht: Schillers Entlassung ins Weihevoll-Museale konnte man (trotz der nun schon seit einiger Zeit üblichen Lausbübereien deutscher Regisseure) energisch verhindern - und Thomas Mann wurde endgültig als Klassiker des höchsten Ranges erkannt und etabliert.

Witziger, geistreicher, urbaner, moderner

Zum jetzt fälligen Heine-Jubiläum ist zweierlei zu bemerken: Die Quantität und der Ton. Noch nie hat man, so will es mir scheinen, den runden Geburtstag oder Todestag eines Dichters so ausgiebig gewürdigt. Die Zeitungen, die Zeitschriften und auch die Illustrierten, das Fernsehen und der Hörfunk, die Verleger und die Organisatoren öffentlicher Veranstaltungen, vor allem der Lesungen und der Konzerte, haben sich - das kann man schon jetzt beurteilen - die größte Mühe gegeben, das Ergebnis ist denn auch hoch beachtlich.

Und der Ton? Keine Gehässigkeit, keine Bosheiten, keine Versuche, diesen oder jenen großen deutschen Romantiker gegen Heine auszuspielen. Brentano, Eichendorff, Mörike, Platen, Lenau, die Droste - das sind ja wunderbare Lyriker, und ich werde mich hüten, etwa zu sagen, Heine hätte besser gedichtet.

Was wir ihm verdanken, ist nicht unbedingt besser, aber es ist mit Sicherheit witziger, geistreicher, urbaner, moderner. Er steht uns näher als alle anderen Dichter des neunzehnten Jahrhunderts. Das meinte schon Nietzsche, als er in „Ecce homo“ schrieb: „Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben.“

Was verdanken wir ihm? Darauf gibt es viele Antworten, von denen mir diese besonders gefällt: „Ohne ihn würden wir anders reden, anders denken, anders seufzen, anders lachen.“ So heißt es in dem Artikel von Matthias Matussek im „Spiegel“, dem besten Beitrag, den ich zum Heine-Jubiläum gefunden habe. In der „Frankfurter Rundschau“ hat mich ein Artikel von Ina Hartwig entzückt. Viel Neues über Heine? Nicht unbedingt, aber sehr schön erzählt. Als ich mit dem nicht kurzen Artikel fertig war, da tat es mir leid, ich hätte gern noch mehr in diesem Ton über Heine gelesen. In der „Literarischen Welt“ plaudert Robert Gernhardt flott und intelligent über den Kollegen aus Düsseldorf.

Genug der Beispiele. Sicher ist: Heine ist endlich in Deutschland angekommen, und er ist aufgenommen worden. Wie aufgenommen? Man könnte sagen: liebevoll.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.02.2006, Nr. 7 / Seite 27
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