Frankfurter Anthologie

Arne Rautenberg: „an meinen vater“

Von Kai Sina
 - 08:00
© F.A.Z., F.A.Z.

Der Tonfall dieses Gedichts ist ungewohnt und vertraut zugleich. Ungewohnt, weil sich der Kieler Autor und Bildkünstler Arne Rautenberg bislang vor allem mit sprachexperimentellen, sowohl klanglich wie auch visuell ambitionierten Gedichten einen Namen gemacht hat. Beispielhaft für seine ausgesprochen spielfreudige Poetik sind die sogenannten Ein-Zwei-Wort-Gedichte, von denen sich ein besonders reizvolles mittlerweile sogar in Reclams „Großem Buch der deutschen Gedichte“ findet:

schneeflocke
zunge

Wenn man es sich laut vorliest, evoziert dieses Gedicht ein äußerst komplexes Klangbild, und zwar in gleich dreifacher Hinsicht: zunächst in seinem konsonantenreichen Sound, der sich schneeflockengleich herabfallend von „e“ über „o“ zu „u“ verdunkelt; dann in seiner aufs äußerste verknappten Form, welche die gattungstypische Kürze auf die Spitze treibt; schließlich in seiner sinnlichen Bildkraft, die eine ganze Szenerie vor dem inneren Auge (und auf der Zunge) des Lesers hervorzurufen vermag. Aus dem Minimalen werden so die hellsten Funken geschlagen; Rautenberg beherrscht solche Effekte meisterhaft.

Ganz anders nun die Verse „an meinen vater“. Vertrauter und zugleich schöner als in der hier gewählten Volksliedstrophe – jambisch alternierend und durchgehend kreuzgereimt – lässt sich schließlich nicht dichten. Eben dies wirft im Falle Rautenbergs aber durchaus Fragen auf: Wieso dichtet hier ein lyrischer Experimentator des 21. Jahrhunderts auf einmal wie ein Lyriker der Romantik oder des Poetischen Realismus?

Das wärmende All, das uns umgibt

Der Ausgangspunkt des Gedichts liegt in der Vergangenheit: Es ist eine Verstoßung, die man sich schmerzhafter nicht vorstellen kann. Dass das Ich für den angesprochenen Vater „gestorben“ sei – davon hat es nicht einmal persönlich erfahren, sondern es wurde ihm „kolportiert“. Derart „verdorben“ ist die Beziehung zum Vater also: Die Verkündigung der väterlichen Lossagung erreicht das Kind, als wäre es selbst gar nicht recht betroffen, lediglich als ein Gerücht.

Die in der zweiten Strophe angesprochene Gegenwart bringt eine Neubegegnung des nunmehr erwachsenen Kindes mit seinem offenbar greisen Vater. Zu einer Annäherung zwischen den beiden, zu einer Versöhnung gar kommt es aber nicht: Das Ich „schluckt“ das fortwährende Schweigen des Vaters. Was bliebe ihm auch anderes übrig? Über ein einvernehmliches „achselzucken“ geht die Verständigung der beiden nicht hinaus. Dabei wird, was innerlich schon lange nicht mehr zusammenpasst, nun auch physisch unübersehbar: der Vater, der altersbedingt immer weniger wird, kontrastiert mit dem Ich, dessen altersbedingter Bauchansatz nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Und doch: Von einer Entzweiung kann nun keine Rede mehr sein, zumindest nicht aufseiten des Ich. Was die beiden „eint“, auch wenn der Vater dies nicht sehen will oder kann, ist das „leichte kindheitsall“, eine schwerelose Zeit lange vor der Trennung, der Ignoranz und Wortlosigkeit also. Der Vater dieser Lebensphase ist es, dessen Liebe fortwährend „widerhallt“ – als ein Gefühlsecho, das bis in die deprimierende Gegenwart hineinklingt. Das Motiv des „alls“, das in der Kunst oft als Chiffre für lebensfeindliche Kälte herhalten muss, erfährt damit eine Umkehrung: Es erscheint hier als ein universeller Wärmeraum, der die unermesslich weit auseinanderliegenden Galaxien des Vaters und des Ich gleichermaßen umfasst.

Die Literatur des mittleren und späten neunzehnten Jahrhunderts – der Epoche des Poetischen oder Bürgerlichen Realismus – hat für dieses Verfahren den Begriff der „Verklärung“ geprägt. Um eine verhüllende Überzeichnung des Wirklichen mit all seinen Mängeln geht es dabei gerade nicht, sondern vielmehr um die Synthese von Realem und Idealem – hin zu einem versöhnlichen Ausgleich beider Seiten. Die Stadt „am grauen Strand, am grauen Meer“, die Theodor Storm in seinem berühmten Gedicht besingt, mag das „ganze Herz“ schließlich nur deshalb zu ergreifen, weil „der Jugend Zauber für und für“ auf dieser melancholisch verdunkelten Heimat liegt. Geradeso wie sein norddeutscher Vorgänger des neunzehnten Jahrhunderts geht Rautenberg vor, indem er die kalte Gegenwart des Ich von den wärmenden Impulsen seiner Kindheit durchstrahlen lässt.

In ihrer liedhaften Einfachheit drücken Rautenbergs Verse ein tiefes und reifes Einvernehmen aus. Gleichzeitig erwecken die Verse den Eindruck einer Gabe: ein in traditionellster Weise schönes Gedicht, gerichtet an einen alten und verbitterten Mann; ein lyrischer Dank für all das, was einst war, was bis heute fortwirkt und weiterhin bleibt.

Arne Rautenberg: „an meinen vater“

für dich bin ich

gestorben

so wurds mir kolportiert

was zwischen uns

verdorben

hat unsern weg

markiert

nun bist du alt

ich werd es auch

und muss dein schweigen

schlucken

nun wirst du schlank

ich kriege bauch

spür unser

achselzucken

uns eint mein leichtes

kindheitsall

auch wenn du dich

abwendest

bist du mir warmer

widerhall

wo immer du auch

endest

Arne Rautenberg: „nulluhrnull“. Gedichte. Horlemann Verlag, Berlin und Leipzig 2017. 92 S., br., 14,90 €.

Von Kai Sina ist zuletzt erschienen: „Susan Sontag und Thomas Mann“. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 124 S., geb., 20,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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