Frankfurter Anthologie

Hugo von Hofmannsthal: „Gute Stunde“

Von Mathias Mayer
 - 20:43
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Frankfurter AnthologieThomas Huber liest „Gute Stunde“ von Hugo von Hofmannsthal

Vielleicht ist „Unverständlichkeit“ keine so schlechte Empfehlung für ein gelungenes Gedicht? Als im November 1896 zwei Texte des zweiundzwanzigjährigen Hofmannsthal in der „Wiener Rundschau“ erschienen, sollen sie „einen unglaublichen Lärm hervorgerufen haben“, eben „durch ihre völlige Unverständlichkeit“. Neben dem berühmteren „Lebenslied“ stand damals „Gute Stunde“, das in einer originellen Weise daktylische Vierheber mit einem Paarreim verbindet.

Was vom lyrischen Ich als „Gipfel der Welt“ wahrgenommen wird, ist weniger Anmaßung als ein Moment der Epiphanie, eines Augenblicks der Fülle, der gerade nicht als dauerhafter Besitz reklamiert werden kann. Die zeitliche Flüchtigkeit der Glückswahrnehmung – weder Zelt noch Haus bieten Sicherheit – korrespondiert mit dem Durchgangsstatus des Ortes, dem Schwellencharakter zwischen Berg und Meer. Das lyrische Ich erfährt sich als ein, wie Hofmannsthal zu formulieren liebt, gleichsam „geometrischer Ort fremder Geschicke“, als Knotenpunkt einer Welthaftigkeit – „Die Wege der Menschen sind um mich her“. Der „Gipfel der Welt“ ist somit nicht als unzugängliche Ferne imaginiert, sondern, wie es in einem Entwurf heißt, als „Gipfel des Lebens“, als Zentrum einer Verbundenheit, die nicht von den anderen, sondern allein vom Ich wahrgenommen wird. Die Wege von der Tiefe des Meeres zur Höhe der Berge, der Austausch der Waren, der Genuss der Früchte – sie sind natürliche Erfahrungen, die in der gelebten Alltäglichkeit unbewusst bleiben, aber in der Wahrnehmung eines Einzelnen als Glück einer Konstellation zusammengeführt werden.

Die Unverständlichkeit des Glücks

Solche „Momente der Erhöhung“ versucht die Lyrik Hofmannsthals immer wieder zu beschwören, sei es als „Traum von großer Magie“ oder als „Weltgeheimnis“. Dabei geht es nicht um einen irgendwie überheblichen Rückzug aus dem Sozialen, sondern um eine – allerdings nicht oberflächlich formulierbare – Verbundenheit, ein Einheitsgefühl. Wer den Artikel „Stunde“ im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm konsultiert, kann sich über die Bedeutungsvielfalt dieses Wortes nur wundern; neben einem bestimmten Zeitpunkt oder einem ausgedehnten Zeitraum, der sogar das Lebensganze umfassen kann, bezeichnet die „Stunde“ auch eine „seelische“ oder eine „Gefühlseinheit“.

Gerade die Vermitteltheit, nicht die Unmittelbarkeit des Lebens kann das Gewöhnliche als ein besonderes Schauspiel erscheinen lassen. Im Unterschied zu denen, die aktiv die Waren tragen und dabei unwissend sind, ist es der Betrachtende, der aus dem Abstand heraus weiß und erkennt. Der „lange vergessene“ Ort, das Leben, das sich „entwandt“ hat, sie kehren in den Spiegelungen der anderen wieder und stiften demjenigen, der diesem Austausch mehr zusieht, als dass er daran teilhat, das Glück einer auratischen Erfahrung. Das Abwesende, Vergessene oder Verlorene kommt zu einer Präsenz, die, so Hofmannsthals „Resignationsphilosophie“, um ihre eigene Nachträglichkeit weiß, um das Vorübergehen: „Es geht immerfort die Wahrheit an uns vorbei, die wir vielleicht hätten verstehen können“.

Aber es ist keine Lyrik der Verzweiflung oder des Umsonst, sondern gerade das Gedicht wird, immer wieder, zum Ort, in dem sich alle Linien schneiden. Das schöne Leben, wie es in der Schlussstrophe heißt, ist nicht direkt erfahrbar – aber es wird bewahrt in Meer und Land, in Formen, die nur deshalb lebendig scheinen, weil sie vergänglich sind. Hier hielt es Hofmannsthal eher mit dem von Rudolf Pannwitz formulierten Paradoxon „Das Lebendige fließt, aber das Fließende ist nicht die Form des Lebens“ als mit der von Stefan George geforderten Unveränderlichkeit einer festen Form. Hofmannsthal imaginiert den Lebensweg nicht als einen wirklichen Weg mit Anfang und Ziel, sondern als eine Erfahrung aus Kreuzwegen, „ja er besteht wohl eigentlich nur aus Kreuzwegen, und jeder Punkt ist der mögliche Ausgangspunkt zu unendlichen Möglichkeiten“. Diese Unendlichkeit ist nicht nur auf die sprichwörtlich bekannte Gunst einer „guten Stunde“ angewiesen, sie verdankt sich im Wortsinn – dem „bonheur“, dem Glück der Sprache.

Hugo von Hofmannsthal: „Gute Stunde“

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt,
Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt!

Die Wege der Menschen sind um mich her,
Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer:

Sie tragen die Ware, die ihnen gefällt,
Unwissend, daß jede mein Leben enthält.

Sie bringen in Schwingen aus Binsen und Gras
Die Früchte, von denen ich lange nicht aß:

Die Feige erkenn ich, nun spür ich den Ort,
Doch lebte der lange vergessene fort!

Und war mir das Leben, das schöne, entwandt,
Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land!

Hugo von Hofmannsthal: „Gedichte und kleine Dramen“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1977. 232 S., geb., 12,99 Euro.

Von Mathias Mayer ist zuletzt erschienen, hrsg. mit Julian Werlitz: „Hofmannsthal-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung“. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016. 428 S., geb., 76,16 Euro.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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