Frankfurter Anthologie

Yitzhak Laor: „Herbst“

Von Hans Christoph Buch
 - 17:56
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Frankfurter AnthologieThomas Huber liest „Herbst“ von Yitzhak Laor

Marcel Reich-Ranicki legte Wert auf die Feststellung, dass die großen Werke der Weltliteratur um zwei zentrale Themen kreisen: Liebe und Tod. So auch hier: Yitzhak Laor hat ein Liebesgedicht geschrieben, das nicht nur das Ende einer Beziehung, sondern auch das Erlöschen des Begehrens und den Tod der Liebe thematisiert. Mit minimalem Aufwand erzielt der Dichter den größtmöglichen Effekt, indem er liebgewordene Illusionen zerstört und wie ein Schlangenbeschwörer oder Schamane immer gleiche Worte und Wendungen wiederholt – daher rührt die hypnotische Wirkung des Texts. Anders als Erich Fried, dessen sprachliche Virtuosität im Dienst politischer Aufklärung stand, besticht Yitzhak Laors Poesie durch existentiellen Ernst, indem sie, ohne in raunenden Irrationalismus zu verfallen, die Tragik des Menschseins beschwört.

Anne Birkenhauer, die Laors Gedichte kongenial übersetzt und mit Anmerkungen versehen hat, weist auf eine Eigenart des Originaltexts hin, die im Deutschen nur vage angedeutet werden kann: die tiefe Kluft zwischen der Umgangssprache im heutigen Israel und der hebräischen Schriftsprache des Alten Testaments, eine Diskrepanz, die in anderer Form auch der Lyrik von Asher Reich zugrunde liegt.

Die Liebe bewahren

Als ich Yitzhak Laor kennenlernte beim Literaturfest in Odessa, einem Ableger des von Uli Schreiber organisierten Berliner Literaturfestivals, war ich angenehm überrascht, weil er in keiner Weise dem Klischee eines weihevollen Dichters entsprach, der, abgehoben von der Gegenwart, uralte Traditionen fortschreibt: Viertausend Jahre blicken auf euch herab, wie Napoleon angesichts der Pyramiden von Gizeh seinen Soldaten zugerufen haben soll. Im Gegenteil, Yitzhak Laor steht mit beiden Beinen im Leben und hat sich mit ätzender Kritik an Israels Besatzungspolitik sowie an der innerisraelischen Opposition frühere Freunde zu Feinden gemacht.

Auch in Odessa ließ er kein gutes Haar am Jahrmarkt der Eitelkeiten von weither angereisten Literaten und am Talmi-Glanz der von Oligarchen beherrschten Stadt, die Katharina II. mit dem Versprechen von Handels-, Glaubens- und Meinungsfreiheit aus dem Boden stampfen ließ. Griechen und Türken, Russen und Polen, Deutsche und Juden ließen sich hier nieder, und im Literaturmuseum von Odessa, einer einzigartigen Institution, ist Isaak Babels randlose Brille ausgestellt neben einem Feldpostbrief Heinrich Bölls an seine Frau, der den tristen Alltag im von der Wehrmacht besetzten Odessa schildert.

Beim Fototermin auf der Hafentreppe, einer Ikone der Filmkunst, über die Sergej Eisenstein einen Kinderwagen herabrollen ließ, fehlte Yitzhak Laor: Nach eigenem Bekunden hatte er vom russischen Formalismus mehr gelernt als von westlicher Literaturkritik und beneidete mich darum, Viktor Schklowskij, den Vordenker der Formalisten, persönlich gekannt zu haben. Schklowskij wiederum hatte als Gymnasiast den greisen Tolstoj in Jasnaja Poljana besucht und mir seine im Zuge der Entstalinisierung neu aufgelegten Essays gewidmet mit den Worten: Bewahren Sie die Liebe! Hier schließt sich der Kreis von Literatur und Leben, Liebe und Tod, die, bei Licht betrachtet, zwei Seiten derselben Sache sind.

Yitzhak Laor: „Herbst“

Die Falten? Keine Sorge die sind
Das Blattgold. Was für ein Herbst
erwartet uns was für ein Herbst (doch mein Same
wird dich nicht mehr befruchten
wozu lügen) was für ein Herbst

Ich werd dich entführen Lösegeld fordern
von der Welt, werde ihr sagen: Lass
uns ein Kind machen dann lass ich sie laufen
(doch mein Same wird dich
nicht mehr befruchten wozu lügen)
was für ein Herbst

Ein großer Falter ist der Schatten wenn das Licht
deiner Augen mir kundtut: Bald ist es
dunkel. Ein Falter schlägt mit den Flügeln, Zeit
die uns bestäubt (doch mein Same wird dich
nicht mehr befruchten wozu
lügen) was für ein Herbst

Bald liebst du mich
nicht mehr bald lieb ich dich
nicht mehr bald lieben wir nicht mehr
bald wird es wehtun bald
tut es schon nicht mehr weh (doch mein Same wird
dich nicht mehr befruchten wozu
lügen) was für ein Herbst

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer

Yitzhak Laor: „Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut“. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Nachwort von Michael Krüger. Matthes&Seitz Verlag, Berlin 2017. 240 S., geb., 28,– €.

Von Hans Christoph Buch ist zuletzt erschienen: „Pablo Neruda“. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017. 80 S., geb., 22,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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