Frankfurter Anthologie

Hirsh Glik: „Partisanenlied“

Von Ruth Klüger
 - 18:20
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Frankfurter AnthologieHirsh Glick: „Partisanenlied“

Jiddish war „mammeloschn“, die Muttersprache – das klingt zärtlich; oder es war „weiberdeutsch“, das klingt schon eher verächtlich, weil die Frauen ja die Vatersprache, die heilige Sprache, das Hebräische, nicht zu lernen brauchten. Jiddisch war weniger eine Schriftsprache als eine gesprochene Sprache, die Stiefschwester des Deutschen oder, besser noch, die Aschenputtelschwester des Deutschen – bis Aschenputtel 1978 im Königspalast in Stockholm geadelt wurde, mit dem Nobelpreis für Literatur, in der Person von Isaac Bashevis Singer.

Aber da waren die meisten Juden, die Jiddisch dichten konnten, schon ermordet worden, oder, wie Hirsh Glik (oder Glick), im Kampf gegen die Deutschen gefallen. Vormals war Wilna, der Geburtsort des Dichters, eine Metropole jüdischen Denkens und Dichtens, die Stadt mit dem Beinamen „Jerusalem des Nordens“. Heute lebt Jiddisch vor allem in religiösen Gemeinden fort, und nur ein Bruchteil der Menschen, die es einmal förderten, sprechen oder gar schreiben es noch fließend. Es ist vom „Ivrit“, dem modernen Hebräisch, überflügelt worden.

Wir sind da!

Der junge Hirsh Glik (geboren 1920 oder 1922 in Wilna, gestorben 1944 in Estland) war selbst Gefangener im Wilnaer Getto, aus dem er ausbrach, als er von dem verzweifelten und natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilten Aufstand der Juden im Warschauer Getto 1943 hörte und, davon inspiriert, diese Verse verfasste, die bald berühmt und schnell das offizielle Lied der jüdischen Partisanen wurden. Vertont von Dimitri Pokrass, ist es weltweit bekannt geworden, allerdings nicht in Diskussionen über Lyrik, sondern im Kontext über Widerstand und über den Holocaust.

Gliks Lied wurde zum Inbegriff von Aushaltevermögen, dem Willen, zu überleben, nicht als Einzelner, sondern als unbegrenzte Familie. Das eigentlich Hinreißende an diesem Text ist ja dieses „wir“, das wiederholte „mir sennen da“, wir sind da. Ausdrücklich geht es um das ganze, verstreute jüdische Volk, sowohl die im Süden, wo die Palmen wachsen, sowie diejenigen, die im Schnee frieren. Es handelt vom Leben und Lebenwollen einer weltweiten Gemeinde mehr als von Kampfbegeisterung. Darin unterscheidet es sich von anderen Gedichten, die einen optimistischen Aufruf enthalten, wie etwa die meisten vaterländischen Verse. Die Aussage ist einfach: Wir wollen und wir werden leben.

Hirsh Glik hat nicht überlebt, so wenig wie zahllose andere Naziopfer auch. Der starke Wille, von dem sein Gedicht handelt, hat sowohl zu der Gründung des Staates Israel wie zum Aufflammen neuer Wellen von Antisemitismus beigetragen. Ob und wie das eine mit dem anderen verbunden ist, mögen die Historiker entscheiden. Das Ausmaß der Vernichtung unter Hitler war jedenfalls zu groß, als dass wir das „Partisanenlied“ ausschließlich mit einem Gefühl von Triumph lesen oder singen können. Die Trauer schwingt und singt mit und überwiegt vielleicht manchmal, eine Ambivalenz, die nicht im Text selbst liegt, sondern von Geschichtsfetzen des letzten Jahrhunderts hineingetragen wird.

Dieses Gedicht ist ein einzigartiges Kampflied, weil es in den Ohren der Heutigen (und besonders der wenigen Überlebenden) gleichzeitig zu einer Elegie für die Toten wird. Bestehen bleibt die Selbstbehauptung in einer schwindenden Sprache: Es gibt uns noch.

Hirsh Glik: „Partisanenlied“ / „Partisanerlid“

Sage nie, du gehst den letzten Weg!
Trotz grauem Himmel und kein blauer Tag,
die ersehnte Stunde kommt wie Paukenschlag.
Und die Parole lautet: wir sind da.

Vom grünen Palmenland bis hin zum Land voll Schnee,
wir kommen an mit unserm Leid, mit unserm Weh.
Und wo ein Spritz gefallen ist von unserm Blut,
dort wächst in uns ein neuer Wille, neuer Mut.

Das Heute wird zu Gold, wenn erst die Morgensonne scheint,
das Gestern wird verschwinden mit dem Feind.
Und zögert auch die Sonne noch am Horizont,
das Lied ist ein Versprechen, dass sie kommt.

Geschrieben ist's mit Blut und nicht mit Blei.
Kein Liedchen ist's von Vögeln, froh und frei.
Es hat ein Volk, vor schon zerstörten Wänden,
das Lied gesungen, Waffen in den Händen.

Drum sage nie, du gehst den letzten Weg.
Trotz grauem Himmel ohne blauen Tag,
die ersehnte Stunde kommt wie Paukenschlag.
Und die Parole lautet: wir sind da.

Aus dem Jiddischen übersetzt von Ruth Klüger

***

Sog nischt kejnmol as du gejst dem letstn weg,
chotsch himlen blajene farschteln bloje teg,
kumen wet noch undser ojsgebenkte schoh,
s'wet a pojk ton undser trot - mir senen do!

Fun grinem palmen-land bis wajtn land fun schnej,
mir kumen an mit undser pejn, mit undser wej,
un wu gefaln is a schprits fun undser blut,
schprotsn wet dort undser gwure, undser mut.

S'wet di morgn-sun bagildn unds dem hajnt
un der nechtn wet farschwindn mitn fajnt,
nor ojb farsamen wet di sun un der kajor,
wi an parol sol gejn dos lid fun dor tsu dor.

Dos lid geschribn ist mit blut un nischt mit blaj,
s'is kejn lidl fun an fojgl ojf der fraj,
dos hot a folk tswischen falndike went
dos lid gesungen mit naganes in di hent.

So sog nischt kejnmol as du gejst dem letstn weg,
chotsch himlen, blajene, farschteln bloje teg,
kumen wet noch undser ojsgebenkte schoh,
s'wet a pojk ton undser trot - mir senen do!

Von Ruth Klüger ist zuletzt erschienen: „Zerreißproben“. Kommentierte Gedichte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2016. 120 S., br., 9,90 €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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