Frankfurter Anthologie

Tomas Venclova: „Nel Mezzo del Cammin di Nostra Vita“

Von Matthias Weichelt
 - 17:34
© Henning Bode, F.A.Z.

Es war in unsres Lebensweges Mitte, / als ich mich fand in einem dunklen Walde / denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“ 1976, mit knapp vierzig Jahren, setzte Tomas Venclova die Anfangsverse der „Göttlichen Komödie“ über das hier abgedruckte Gedicht. Ein Jahr zuvor hatte er in einem offenen Brief an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Litauens sein Recht auf Emigration eingefordert, dann die Helsinki-Gruppe von Vilnius mitbegründet. Wie der Exilant Dante hatte er die Mitte seines Lebens erreicht, doch was ihn ereilte wie ein Schicksalsschlag, war der lange Schatten der Jahrhundertmitte, den das Weltkriegsende auf all jene warf, die seitdem unter sowjetischer Herrschaft lebten.

Auch im besetzten Litauen, wo bis in die fünfziger Jahre Partisanen für die Unabhängigkeit kämpften und Zehntausende nach Sibirien deportiert wurden, war der Tod für jeden, der sich dem Regime widersetzte, ein allzu aufdringlicher Begleiter, der sich in der eigenen Wohnung und den Häusern der Freunde breitmachte. Wer vom rechten Weg abgeirrt war, wusste um die möglichen Konsequenzen, und „in den Augen der Sowjets war Emigration gleichbedeutend mit Hochverrat“ – so Venclova in dem neuen Band „Der magnetische Norden“ im Gespräch mit Ellen Hinsey. Dies galt besonders, wenn der Vater Vorsitzender des Schriftstellerverbands gewesen war und die Hymne der Litauischen Sowjetrepublik geschrieben hatte. Sein Sohn beginnt Ende der fünfziger Jahre einen „Privatkrieg“ gegen die Machthaber und nutzt dafür das subversive Potential der Poesie, beteiligt sich an Samisdat-Veröffentlichungen, besucht den verfemten Boris Pasternak, lernt Anna Achmatowa und Nadeschda Mandelstam kennen, freundet sich mit Joseph Brodsky und Czesław Miłosz an: „Im gleichen Maße, in dem die Geschichte albtraumatisch war, war die Literatur großartig. Die einzigen Wirklichkeiten in dieser unwirklichen Zeit waren die ermordeten Schriftsteller.“

Vom Glück des zufälligen Todes

In den seinem Freund Konstantin Bogatyrjow gewidmeten Versen entwirft Venclova mit Hilfe lyrischer Verschlüsselungstechniken ein Todesarten-Projekt in Zeiten des Sozialismus. Die „Atmosphäre des Posthumen, die seinen Gedichten die bleiche Färbung von Grußpostkarten aus einem Totenreich verleiht“ (Durs Grünbein), scheint hier besonders düster auf, zumal sich mit Hilfe des kundigen Kommentars der Übersetzerin Claudia Sinnig die rätselhaften Beschreibungen von Vilnius als konkrete Erinnerungen an Opfer der Staatsgewalt entschlüsseln lassen: an Bogatyrjow, der beim Betreten seiner Wohnung von KGB-Agenten ermordet wurde; an den Baltistik-Professor Jonas Kazlauskas, dessen Leiche man im Fluss Neris fand; an den von einem Zug überrollten Dissidenten Mindaugas Tomonis und an den Schüler Romas Kalanta, der sich 1972 in Kaunas mit Benzin übergoss und anzündete, was antisowjetische Demonstrationen zur Folge hatte.

Die Versuche, sich mit einem solchen Leben abzufinden, sind zum Scheitern verurteilt, denn an den Tod „kann sich der Mensch . . . fast nicht gewöhnen“. Und ein normaler Herzinfarkt, wie ihn die vom Rest des Gedichts abgesetzte letzte Strophe als groteskes Szenario beschreibt, wird in einem Staat, der seine Bürger mit Willkür und Vernichtung bedroht, zur makabren Glückserfahrung. Wobei auch im stockenden Herzschlag beim Öffnen der Tür die Ermordung des im Motto verewigten Freundes nachklingt. Dantes unterirdische Hölle hat die Etagenwohnungen erreicht.

Auch als Venclova 1977 eine Einladung nach Berkeley annehmen durfte, war er nur den inneren Kreisen des Infernos entkommen. Über sein Schicksal, so Juri Andropow in einem Geheimpapier, werde noch „auf Grundlage seines Verhaltens im Ausland entschieden“. Das Elend der Verbannung, der Abschied von Mutter, Frau und Tochter schien unumkehrbar. Oder, wie es im Exilgedicht „Herbst in Kopenhagen“ heißt: „Nie mehr / nach Hause zurückkehren. Sich verschließen, verschwinden, versinken / in der Festung des Herbstes. Verlieren, was zum Verlieren bestimmt ist, / was du bei dir trägst / vom einstigen Raum.“ Dass der größte lebende litauische Dichter den einstigen Raum wieder betreten durfte, war das unverhoffte Glück der zweiten Hälfte seines Lebensweges.

Tomas Venclova: „Nel Mezzo del Cammin di Nostra Vita“

Zum Gedenken an Konstantin Bogatyrjow

Mich ereilte die Jahrhundertmitte.

Ich lebte, doch ich lernte, nicht zu sein.

Der Tod war mir wie ein Familienmitglied

Und nahm den größten Teil der Wohnung ein.

Ich hab ihn mit der Zeit etwas gezähmt,

Bat ihn zudem, er soll mich nicht berühren,

Frühmorgens sah ich eine Stadt, so schön

Wie keine sonst in Osteuropa, schien mir,

Wo stets das Eisen auf der Lauer liegt,

Im Nebel Schilfrohr raschelt und vermodert,

Wo es den Schlagring, Steine, Dampfloks gibt

Und bestenfalls vielleicht Benzin auflodert.

Ich schlief und ich trank und ich aß im Tod,

Versuchte, Zweck und Sinn in ihm zu sehen,

Vergaß ihn sogar ab und zu. Und doch

Kann sich der Mensch an ihn fast nicht gewöhnen.

Ich schloß die Tür zu meiner Wohnung auf.

Mein Herzschlag stockte, in der Brust ein Stein.

Der Tod in diesem Staat, man glaubt es kaum,

Er konnte wirklich reiner Zufall sein.

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig

***

Konstantino Bogatyriavo atminimui

Mane ištiko amžiaus vidurys.

Aš gyvenau, bet mokiausi nebūti.

Mirtis man buvo lyg šeimos narys,

Užėmusi didesnę dalį buto.

Aš ją po truputėlį jaukinau

Ir net prašiau, kad ji manęs neliestų,

O paryčiais regėjau, kiek žinau,

Gražiausiąjį Rytų Europos miestą,

Kur savo laiko laukia geležis,

Migloj šiurena pūvantis nendrynas,

Yra akmuo, kastetas, garvežys

Ir gal geriausiu atveju benzinas.

Miegojau, gėriau, valgiau mirtyje.

Bandžiau suteikti jai tikslus ir prasmę.

Net ją primiršdavau. Tačiau su ja

Žmogus beveik negali apsiprasti.

Aš rakinau koridorių. Širdis,

Praradus ritmą, sunkino krūtinę.

Tiesa, toje valstybėje mirtis

Galėjo būti net atsitiktinė.

Tomas Venclova: „Gespräch im Winter.“ Gedichte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Mit einem Nachwort von Durs Grünbein. Suhrkamp Verlag, Berlin 2007. 132 S., geb., 19,80 .

Von Matthias Weichelt ist zuletzt erschienen: Dieter Janz: „Nebensachen“. Ansichten eines Arztes. Gespräche und Aufsätze. Hrsg. von Sebastian Kleinschmidt und Matthias Weichelt. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 238 S., br., 16,– .

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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