Frankfurter Anthologie

Kito Lorenc: „Schlaflose Nacht“

Von Gisela Trahms
 - 17:30
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Der Autor trägt einen eigenwilligen Namen, nicht leicht zu verorten, und ebenso eigenwillig wirkt das Vokabular seines Textes: „wenn ich der Liebe gedenke“, „durchschreiten“, „tausend Schmerz“ – wer spricht so? Ein später Nachfahre der Romantik? Aber der Verzicht auf den Reim und die ebenfalls eigenwillige Zeichensetzung, die keinen finalen Punkt kennt und jede Strophe in den offenen Raum stellt, deuten auf unser Jahrhundert und seine Freiheiten. Ein Gedicht also, das traditionelle Wendungen nicht scheut, doch ohne Kniefall: mit der schlichten Sangbarkeit überlieferter Verse hat der Dichter gebrochen. Sein Empfinden für die komplexe Gegenwart bezeugt vor allem der Umgang mit dem Metrum, das sich den knappen Aussagen unterordnet. Keine Silbenfüller, jedes Wort wird gebraucht.

Den Anfang machen drei Daktylen, ihr schmeichelnder Walzerschritt wird vom Trochäus des „Dunkel“ gestoppt. Unwillkürlich erwartet man, dass diese betörende Grundfigur sich erhält, doch mit dem dritten Vers setzt Unruhe ein, wie sie zur Schlaflosigkeit passt, auch wenn der Daktylus sich immer wieder durchsetzt und die fünf Strophen ähnlich gebaut sind.

Der wache Traum

Nachts wach zu liegen ist eine alltägliche Erfahrung, gewöhnlich verbunden mit steigender Entnervung, da Schlaf doch nötig ist, um Kraft zu sammeln für die Ansprüche des nächsten Tags. Wer sich jedoch so konzentriert auf Sinneseindrücke einlassen kann wie der hier Sprechende, hat das Joch des Arbeitsdrucks hinter sich gelassen und kann den Schlaf nachholen, wann er will. Er lauscht dem aufs Laub tropfenden Regen, beschwört die wohltuende, samtene Variante des Dunkels, spürt die Lebendigkeit des eigenen Körpers. Als Herr über seine Erinnerungen ruft er Bilder der Liebe auf, während die gelebten Jahre ihn mütterlich wiegen. Alles deutet auf ein ohne Konflikt angenommenes, bewusst und dankbar erfahrenes Alter.

Ist es möglich, so unbedroht zu leben? Macht sich hier jemand etwas vor? Kaum gefragt, öffnet die dritte Strophe die Tür ins Düstere, offenbart den Schmerz, der jedem auf die eine oder andere Weise zuteil wird, und deutet mit „Schlaf“ den Tod an, den existentiellen Angstgrund, den niemand ausblenden kann. Während die Aufforderungen der ersten Strophe ihrer Erfüllung gewiss sind, bittet das Ich nun um Trost.

Staunenswert rasch stellt er sich ein durch die Vergegenwärtigung der Menschen, die dem Ich nahe sind. Als „helle Gestalten“ nehmen sie das Ende der Nacht vorweg. Ausdrücklich heißt es: „alle leben sie“, aber ihr Lebensort kann auch das Gedächtnis des Schlaflosen sein, das die Bilder der Toten bewahrt, die jenseits des Acherons auf ihn warten. Sie lassen ihn von der Solidarität mit anderen träumen, wie schon oft – ob damit der eigene Lebenskreis oder eine größere, besondere Gruppe gemeint ist, bleibt offen. Der Traum ist klar und vertraut und schwindet auch nicht, als der Morgen dämmert, sondern wirkt in den Tag hinein wie ein Versprechen, ein erfrischter Mut.

Der 1938 geborene Christoph Lorenz stammt aus der Lausitz, der Heimat der Sorben. Als junger Mann entschied er sich, seine Herkunft auch mit dem Namen zu kennzeichnen, und nannte sich Kito Lorenc. Obwohl ein Enkel des sorbischen Dichters Jakub Lorenc-Zalěski, wuchs er deutschsprachig auf, erlernte das Sorbische als Erwachsener und hat sein Leben der Vermittlung zwischen deutscher und sorbischer Kultur gewidmet. Er schrieb und schreibt Gedichte, Hörspiele, Erzählungen und Essays in beiden Sprachen, übersetzt und forscht.

Sorbisch ist kein Dialekt, sondern eine slawische Sprache, die es in zwei Ausprägungen gibt. Als Lyriker befindet sich Lorenc in der üblichen Situation bilingualer Autoren, die mit der Sprache auch die potentiellen Leser wählen. Den geschätzten zwanzigtausend aktiv und alltäglich Sorbisch Sprechenden in der Umgebung von Bautzen und Cottbus steht das deutschsprachige Millionenpublikum gegenüber. Dieses Ungleichgewicht kann niemand außer Kraft setzen. Doch dass nicht nur der schlaflos Träumende, sondern der Traum selbst wach werden soll, ist ein Wunsch, den jeder versteht, überall.

Kito Lorenc: „Schlaflose Nacht“

Regenlaub, sprich zu mir,

wärme mich, Dunkel,

lass mich sehen mit Augen,

den Atem noch spüren

unter der Haut

Nacht ohne Sterne,

sei mein Zelt,

wenn ich der Liebe gedenke.

Wiegt mich, ihr Jahre,

in euren Armen

Tausend Schmerz

will ich dann tragen.

Gib mir, Vergessen,

nur Trost, mach, Schlaf,

mir nicht Angst

Die hellen Gestalten

durchschreiten mich lächelnd,

Freunde, Verwandte –

alle leben sie, winken

grüßend herüber

Und so leicht

wird mir, ich träume

den alten Traum, träum ihn

wieder von uns, bis er

wach ist am Tag

Kito Lorenc: „Gedichte“. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 128 S., geb., 13,95 €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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