Frankfurter Anthologie

Walther von der Vogelweide: „Lange zu schweigen hatte ich im Sinn“

Von Frieder von Ammon
 - 13:17
© Universitätsbibliothek Heidelberg, FAZ.NET

Bei allem Respekt vor Bob Dylan: Einige der künstlerischen Mittel, die man gegenwärtig vor allem mit ihm in Verbindung bringt, reichen weit zurück. Das gilt zum Beispiel für sein ständiges Variieren verschiedener Liedtypen; es gilt nicht minder für sein ausgiebiges Zitieren von Texten aller Art. Und schließlich gilt es für seine anscheinend unerschöpfliche Lust, das Publikum zu provozieren. All diese Mittel aber kommen schon in früheren Jahrhunderten vor. Man findet sie etwa im Mittelalter, bei den Minnesängern und Troubadouren, die alle, wie Dylan, Dichter-Sänger waren. Vor allem einen von ihnen könnte man in mancher Hinsicht fast für einen Vorläufer Dylans halten: Walther von der Vogelweide.

Das vorliegende Lied – es ist ungefähr 800 Jahre alt - macht es deutlich: In der gesamten deutschsprachigen Lyrik des Mittelalters gibt es nur wenige Texte, in denen so gewagt mit der Tradition gespielt wird wie in diesem. Um das erkennen zu können, muss man sich die Konventionen des Minnesangs bewusst machen, genauer: der sogenannten Hohen Minne, denn diese Spielart des Minnesangs ist es, die Walther hier mit großer Provokationslust geradezu auf den Kopf stellt. Üblicherweise preist ein männliches Sänger-Ich die äußere und innere Schönheit einer fiktiven höfischen Dame: Ihre Augen leuchten wie die Sterne, ihre Wangen sind rosenrot und lilienweiß, ihre Tugend unerschütterlich; entsprechend ist die Liebe des Sängers zu der Dame grenzenlos und seine Treue zu ihr unverbrüchlich. Darauf, von ihr erhört zu werden, darf er allerdings nicht hoffen; es gehört zu den Spielregeln der Gattung, dass seine Liebe unerwidert bleiben muss. Also leidet er, und er klagt: wortreich und formvollendet.

Wo sonst gepriesen wird, wird nun geprügelt

In einigen seiner Lieder hat Walther diese Regeln meisterhaft befolgt, sie gehören deshalb zu den klassischen Beispielen für die Hohe Minne. Nicht aber dieses Lied. Der Sänger in ihm ist voller Bitterkeit: Er hat es satt, von seiner Dame schlecht behandelt zu werden, obwohl er sie in seinen bisherigen Liedern so kunstvoll gepriesen hatte. Nun spielt er gewissermaßen seine letzte Trumpfkarte aus: das Argument, dass das hohe Ansehen, das die Dame gerade in der Hofgesellschaft genieße, nur auf seine Lieder zurückzuführen sei, und dass es nur dann fortbestehe, wenn er auch weiterhin über sie singe. Andernfalls ziehe die Dame den Unmut des ungeduldig auf neue Lieder des Sängers wartenden Publikums auf sich, jener „guten Menschen“, die auch der Grund dafür seien, dass er gegen seinen Vorsatz, für eine längere Zeit nicht mehr zu singen, verstoßen habe. Dieser Sänger preist seine Dame also nicht, sondern er erpresst sie, und das Druckmittel sind seine Lieder.

Dieses Mittel aber würde nicht wirken, wenn das Lied den darin erhobenen Anspruch nicht erfüllte. Doch das tut es. Denn so gewagt Walther mit der Tradition des Minnesangs in inhaltlicher Hinsicht umgeht, so virtuos behandelt er die in dieser Gattung übliche Form. Die fünf metrisch makellosen Strophen folgen dem Modell der dreiteiligen Kanzonenstrophe und sind ihrerseits in drei Teile gegliedert. Auf eine monologartige Einleitungsstrophe folgen drei bezeichnenderweise nicht an die Dame, sondern an das Publikum gerichtete Mittelstrophen und eine Schlussstrophe, in der das Spiel mit der Hohen Minne auf die Spitze getrieben wird: Der zornige Sänger fordert hier einen potentiellen künftigen Geliebten der dann alt gewordenen Dame auf, sie mit Ruten zu schlagen. Ein Aufruf zur Gewalt – und dies im Minnesang! Dort, wo sonst gepriesen wird, soll nun geprügelt werden. An dieser Stelle wird die ganze Drastik des Liedes deutlich: Man fühlt sich in einen derben Schwank versetzt. Durch den damit verbundenen Bruch der Erwartungshaltung führt Walther selbstbewusst vor, dass er die Spielregeln des Minnesangs genau kennt, dass er aber auch gegen sie verstoßen kann, wenn er es für richtig hält. Und er deutet an, dass diese Gattung der Erneuerung bedarf, wenn sie nicht in der Künstlichkeit ihrer Konventionen erstarren soll.

Zu gerne wüsste man, wie sein Publikum auf diese Provokationen reagiert hat. Doch das ist unbekannt. Sicher ist nur: Der Text des Liedes - leider aber nicht seine Melodie - wurde häufig überliefert. Und Walther war eine erfolgreiche, aber auch umstrittene Figur. Während etwa der Domherr von Aquileia, Thomasîn von Zerklaere, die Wirkungen von Walthers Liedern mit Sorge beobachtete, lobte Gottfried von Straßburg, der Autor des Tristan-Romans, die „Nachtigall von der Vogelweide“ in berühmt gewordenen Worten: „hî, wie diu über heide / mit hôher stimme schellet!“ Dem jungen Lyriker Steffen Popp, der das Lied ins Neuhochdeutsche übersetzt hat, ist es zu verdanken, dass die Stimme Walthers jetzt wieder zu hören ist.

Walther von der Vogelweide: „Lange zu schweigen hatte ich im Sinn“

Lange zu schweigen hatte ich im Sinn –
nun muss ich wie früher singen.
Gute Menschen brachten mich dahin,
die dürften mir noch mehr bestimmen.
Für sie soll ich singen und sagen
und was sie wollen, soll ich tun. So solln sie auch mein Leid mittragen.

Hört, was Wunder mir geschehen
durch mein eigenes Tun:
Eine Frau will mich nicht mehr ansehen,
dabei verschaffte ich ihr erst den Ruhm,
deswegen sie so hohen Mutes ist.
Weiß sie nicht, dass, wenn ich nicht mehr singe, auch ihr Lob erlischt?

Himmel, was sie Flüche leiden soll,
wenn mein Gesang abbricht.
Alle, weiß ich, die jetzt Lobes voll,
schmähen sie dann und ich änders nicht.
Tausend Herzen freuten sich
an ihrem Glanz; die werden sicher leiden, lass ich sie stumm zurück.

Als ich noch meinte, sie sei gut,
wer war ihr da gewogener als ich?
Das ist vorbei. Was sie mir jetzt antut,
erwarte sie dann auch für sich.
Befreit sie mich aus dieser Not,
hat ihr Leben Ansehn durch das meine. Lässt sie mich sterben, ist sie mit mir tot.

Werd alt in ihren Diensten ich,
wird jünger sie dabei nicht viel.
Mein Haar ist dann vielleicht so licht,
dass sie einen Jüngern will.
Da helf euch Gott, Herr junger Mann,
da rächt mich, streichelt ihre alte Haut mit jungen Ruten dann!

„Unmögliche Liebe: Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen“. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. von Jan Wagner und Tristan Marquardt. Carl Hanser Verlag, München 2017. 304 S., geb., 32,– €.

Von Frieder von Ammon ist zuletzt erschienen: „Jan Wagner“. Hrsg. von Frieder von Ammon. Edition Text & Kritik, München 2016. 103 S., br., 24,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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