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Frankreich am Scheideweg

Jetzt braucht nur noch Marine Le Pen die Wahl zu gewinnen

Von Helmut Mayer
© dpa, F.A.Z.

Der Pariser Arabist und Politikwissenschaftler Gilles Kepel hat vom Sommer 2015 an ein Jahr lang eine wöchentlich im französischen Sender France Culture ausgestrahlte Radiokolumne über den Dschihadismus in Frankreich und seine Wirkung auf die französische Gesellschaft bestritten. Aus diesen Kolumnen ist sein neuestes Buch entstanden, das im November vorigen Jahres erschien und nun in einer deutschen Ausgabe vorliegt.

Es schließt an eine ganze Reihe von Büchern dieses Autors an, der sich mit seinen Untersuchungen des radikalen Islamismus und des politischen Islam einen Namen gemacht hat, insbesondere an sein Ende 2015 erschienenes und ebenfalls rasch übersetztes Buch „Terror in Frankreich“ (F.A.Z. vom 15. Oktober 2016). In ihm hatte er im Jahr 2005 eingesetzt, dem Jahr der Unruhen in Pariser Vorstädten und gleichzeitig der Veröffentlichung des dschihadistischen Strategiepapiers von Abu Musab al-Suri („Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand“).

Die dritte Generation der Dschihadisten

Mit diesem betrat für Kepel die dritte Generation von Dschihadisten die französische wie internationale Bühne. Es folgte eine Chronologie der Ereignisse bis zu den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes. Die Anschläge in Paris vom November 2015 konnte nur noch ein knapp vor Drucklegung eingefügter Prolog behandeln.

Eine Chronologie der Ereignisse und ihrer Hintergründe liefert auch das neue Buch, doch diesmal verdichtet auf ein Jahr, in das der Anschlag auf der Strandpromenade in Nizza am Nationalfeiertag fiel, aber auch die Ermordung eines Polizistenehepaars bei Paris, eines Priesters in einem Städtchen bei Rouen oder der glücklicherweise fehlgeschlagene Bombenanschlag zweier junger Frauen im Zentrum von Paris. Im Vorwort, das Kepel für die deutsche Ausgabe verfasste, ist der Zeitraum der Beobachtung noch etwas verlängert. Nicht nur die Attentate in Bayern im Sommer 2016 führt Kepel an, sondern auch den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Sie führen für ihn auf grausame Weise vor Augen, was er bereits zuvor immer wieder betont hatte: dass Frankreich der jüngsten Generation des Dschihad zwar in vieler Hinsicht besonders gute Verbreitungsmöglichkeiten bot und bietet, aber die strategische Grundausrichtung dieses Dschihad international ist und auch andere europäische Staaten im Visier hat.

© EPA, reuters

Kepel ist ein Autor, der den „Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand“ von 2005 ernst nimmt. Für ihn ist darin eine Strategie formuliert, die er in Frankreich auf unheilvolle Weise eher befördert denn wirksam bekämpft sieht: die Strategie, durch Anschläge dafür zu sorgen, dass die muslimischen Bürger der betroffenen Staaten unter Generalverdacht kommen, sich wirklichen oder bloß befürchteten Repressionen ausgesetzt sehen, sich gegenüber der Restgesellschaft einigeln, die ihrerseits rechtsextreme Abgrenzungen hervorbringt, und sich so letztlich für die dschihadistische Sache mobilisieren lassen. Damit zuletzt im finalen Bürgerkrieg der Islam seine Herrschaft durchsetzen kann.

Trauernde Frau in Nizza: Frankreich ist in den letzten beiden Jahren das häufigste Anschlagsziel in Westeuropa
© dpa, F.A.Z.

Kepel beharrt darauf, diese Strategie des radikalen Islamismus zum Nennwert zu nehmen. Für ihn ist der Dschihad kein sekundäres Phänomen, das sich verbreitet, weil es tatsächlich oder ihrer Einbildung nach an den Rand der Gesellschaften gedrängten Gruppen eine religiöse Legitimation und Identität an die Hand gibt. Der Islamismus, da lässt Kepel gegenüber seinen Kritikern nicht locker, sei nicht bloß der Brandbeschleuniger, sondern das Problem selbst. Seinen Opponenten Olivier Roy führt er selbst an, wenn er diese Auseinandersetzung berührt. Man kann auch an einen Autor wie den hierzulande rege übersetzten Alain Badiou denken, für den der Dschihad die religiöse Überformung einer „faschistischen“ Reaktion auf den globalen Kapitalismus und seine unvermeidlichen Ausschließungsmechanismen ist (F.A.Z. vom 29. Juli 2016).

Dieser Streitpunkt ist nicht bloß akademischer Natur. Denn von ihm hängt ab, welcher Stellenwert dem Vorwurf der „Islamophobie“ westlicher Gesellschaften eingeräumt wird. Kepel weiß natürlich, dass weit rechts tatsächlich Ressentiments gegenüber dem Islam und den Muslime kultiviert werden. Nach seiner Diagnose haben diese Ressentiments aber gerade deshalb gute Chancen auf weitere Verbreitung – ganz nach der Strategie des „Aufrufs“ –, weil der Vorwurf der Islamophobie erfolgreich vom weiter schwelenden Problem eines ungebrochenen französischen Dschihadismus ablenke.

Sie könnte Präsidentin werden: Marine Le Pen.
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Wie das geht, führt Kepel an dem Gebrauch vor, den das Collectif contre l’Islamophobie en France (CCIF) vom unseligen Verbot des Burkini an einigen Stränden Frankreichs nur wenige Tage nach dem Massaker auf der Uferpromenade von Nizza und etwas später von einem Vorfall in einem Städtchen der Île-de-France – zwei verschleierte Musliminnen waren mit einem Gastwirt in Streit geraten – zu machen wusste. Man meint seine Zähne knirschen zu hören, wenn er schildert, wie das gerade erst vom dschihadistischen Anschlag ins Mark getroffene Frankreich im Handumdrehen auf die Anklagebank kam. Was er konstatiert, ist eine „Stigma-Umkehrung“, die in seinen Augen auf fatal reibungslose Weise funktioniert: Die Anprangerung rassistischer Ressentiments verdeckt dabei erfolgreich das tatsächliche Problem.

Kepels Ton ist noch dringlicher geworden, als er es ohnehin schon war. Er sieht den Gesellschaftsvertrag, der alle Bürger ungeachtet ihrer Herkunft, Religion und sonstigen Zugehörigkeiten auf die gemeinsamen Werte der Republik verpflichtete, in Gefahr. Der drohende Bruch, von dem der Titel spricht, meint abgeschottete muslimische Gemeinschaften auf der einen, nationalistische Fundamentalisten auf der anderen Seite. Man möchte das gerne für eindeutig übertrieben halten, aber so ganz sicher ist das nicht. Und das Votum türkischer Mitbürger gegen eine funktionsfähige Demokratie lässt sich auch nicht gerade als schlagendes Argument gegen Kepels Meinung ins Feld führen, dass andere europäische Staaten noch auf Probleme zugingen, die Frankreich bereits habe.

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Gilles Kepel: „Der Bruch“. Frankreichs gespaltene Gesellschaft. Aus dem Französischen von Martin Weyerle. Kunstmann Verlag, München 2017. 238 S., geb., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
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