Guntram Vespers Roman

Wanderer, kommst du nach Frohburg

Von Andreas Platthaus
 - 18:35

Guntram Vesper wird in diesem Jahr 75 Jahre alt, und in diesem Jahr ist auch sein erster Roman erschienen. Als ob das späte Debüt – natürlich nur als Romancier, denn Vespers Publikationsliste seit seinem ersten Lyrikband, „Fahrplan“ von 1964, ist umfangreich – gerechtfertigt werden müsste, ist das Buch mehr als tausend Seiten dick geworden. Aber es ist ja auch das Resultat einer Materialsammlung, die so lange währt, wie Vespers Leben dauert.

„Frohburg“ heißt der Roman, nach dem Namen der sächsischen Kleinstadt, knapp vierzig Kilometer südlich von Leipzig, in der Guntram Vesper 1941 zur Welt kam. Gemeinsam mit den Eltern und einem jüngeren Bruder verließ er sie 1957, die Familie zog in die Bundesrepublik. Doch richtig verlassen hat Vesper Frohburg nie: „Nähe, zeitlich, räumlich, in Gedanken, ein Leben lang“, heißt es einmal im Roman mit Blick auf die Stadt. Und ein anderes Mal: „Sie lieferte im rein guten, so es das gibt, und im weniger guten die Meßlatte, die Richtschnur und, im heutigen Sprachgebrauch, die Grundkonfiguration.“

Nur die Erinnerungen blieben

Ursache dafür ist, dass Vesper in Frohburg erfuhr, was Erzählen bedeutet. „Jeden Sonntag, jahrzehntelang, traf sich die Familie im Haus der Großeltern. Es gab endlose Gespräche, die Zeiten griffen tief in das Leben des einzelnen und aller ein.“ Das schrieb er 1985, in einem Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“, gerade war wieder einmal ein neuer Gedichtband erschienen, und der trug bereits den Namen „Frohburg“. Seinem Klappentext kann man entnehmen, dass sich diese Gedichte „auf eine umfangreiche Sammlung von Notizen, Erinnerungen und Aufzeichnungen“ stützten, an der Vesper seit Jahren arbeite.

In seinem Arbeitszimmer in Göttingen – Vesper kam 1963 hierhin, um Medizin zu studieren, und blieb auch da, als er sich für den Schriftstellerberuf entschied – liegen fein säuberlich im Regal gestapelt zahllose dunkle Mappen. Das ist der Grundstock für den Roman „Frohburg“. Da die Ausreise 1957 illegal erfolgte, konnte die Familie kaum etwas mitnehmen. Nur die Erinnerungen blieben. Vesper ergänzte sie im Laufe der Jahre durch eine umfangreiche Dokumentation.

Im Lyrikband „Frohburg“ fand sein Heimweh, das nicht an den konkreten Ort, sondern an dessen Erinnerung geknüpft ist, 1985 zum ersten Mal Ausdruck, und es ist verblüffend, wie ähnlich dessen Titelgedicht den Selbstaussagen des mehr als dreißig Jahre später erschienenen Romans ist: „Auf dem Weg in die Schule / durch Thälmannstraße / Schlossergasse, Hintergraben / dem fernen Dröhnen aller / Aufmärsche und Umzüge nach / sah ich die Stadt / wie mich selber / halb ja und halb / nein.“

Eine Filterwirkung namens „Frohburgimpuls“

Zwischen den beiden „Frohburg“-Büchern lag 1992 die Publikation von Vespers Prosasammlung „Lichtversuche Dunkelkammer“, in der er festhielt, warum er von Frohburg nie lassen würde: „Die Jahre der Kindheit in Sachsen bestehen im Rückblick aus Stimmungen und Einfärbungen, die sich als Filter vor die Welt, wie lang oder weit sie auch war, gelegt haben. Aus diesem Kindheitsgefühl treten bis heute einzelne Erfahrungen und Erlebnisse hervor, die so tief gingen oder von so merkwürdigen Umständen begleitet waren, daß sie nicht überlagert wurden im Laufe der Jahre und zerfielen.“ Im Roman nennt Vesper diese Filterwirkung den „Frohburgimpuls“.

Kein Wunder, dass er als denjenigen Autor, den man gar nicht genug lesen könne, Marcel Proust nennt. Wobei Vesper ein anderes Erinnerungsmodell hat: das der mémoire volontaire, einer gewollten Erinnerung. „Etwas in mir klingt an, merke ich“, steht im Roman über einen 2013 durchgeführten Besuch in Ahrenshoop, wo Guntram Vesper 1955 Urlaub gemacht hatte und fotografiert worden war, „aber ganz sicher bin ich nicht, freue mich aber schon auf den spannenden Moment, in dem ich zuhause das bei Antritt der Reise liegengebliebene Foto, ich auf dem Altan, hervorsuche und mit der Aufnahme vergleiche, die Heidrun jetzt macht.“ Nicht Unmittelbarkeit, sondern Überprüfbarkeit ist ihm wichtig. Deshalb seine gewaltige Materialsammlung.

Unten, im Wohnzimmer, steht Vespers Bibliothek. Vor den Regalen steht auf zwei Tabletts eine Kollektion von bemalten Holzhäuschen aus dem Erzgebirge. „Das ist eine Sammelleidenschaft der letzten Jahre“, sagt Vesper. Hier hat er in Göttingen die eigene Heimat im Miniaturformat vor sich. Sein Roman wird sie nun als Maximalformat in andere Bibliotheken bringen.

Ausschweifendes, aber anschauliches Erzählen

Vesper dürfte der einzige Autor sein, der zweien seiner Bücher denselben Namen gegeben hat. „Ursprünglich“, sagt er, „sollte der Roman ,Tieflandsbucht‘ heißen, nach der Leipziger Tieflandsbucht, an deren südlichem Rand Frohburg liegt. Aber als immer mehr im Erzgebirge spielte, ging das nicht mehr. Ich besprach mich mit meinem Verleger, und er meinte, dass ,Frohburg‘ ohnehin der bessere Titel sei. Nur mussten wir erst die Rechte daran zurückkaufen, doch das erwies sich als leicht, es gab kein Interesse mehr an dem alten Buch.“ Der Verleger von „Frohburg“ ist Klaus Schöffling, der Anfang der neunziger Jahre bereits in einem anderen Verlagshaus mit Vesper zusammenarbeitete, aber erst im Sommer 2015 von dem gewaltigen Romanmanuskript erfuhr. „Er wollte es bereits in diesem Frühjahr herausbringen, und das war gut so, denn wer weiß, ob ich es sonst je abgeschlossen hätte.“

Mit seinem Roman „Frohburg“ wird Vesper mehr Aufmerksamkeit finden als jemals zuvor. Das Buch bietet genau jene Form von Lektüre, die immer wieder ein großes Publikum gefunden hat: ein ausschweifendes, aber durch die autobiographische Grundierung im höchsten Maße anschauliches Erzählen, das den Mikrokosmos einer Familie entfaltet, in deren Schicksal sich die Zeitgeschichte spiegelt. Das berühmteste Beispiel überhaupt ist selbstverständlich „Buddenbrooks“, das bekannteste jüngere ist Uwe Tellkamps „Der Turm“.

Wildwest im nahen Osten

Vespers Roman ist formal anders gebaut als diese beiden, unzugänglicher auf den ersten Blick, eigenwilliger. Es gibt etwa keine Fragezeichen im Buch, auch keine Anführungszeichen. Vesper will es seinen Lesern nicht bequem machen, und nach einer zehnseitigen Sammlung kleiner Impressionen zum Auftakt folgen dann nur noch lange, teilweise über Dutzende von Seiten gehende und ohne jeden Absatz gedruckte Abschnitte, wie wir sie in der deutschen Literatur nur aus Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstandes“ kennen. Vorbild war die für Vesper dabei nicht, obwohl die drei Bände im Regal stehen: „Ein bewundertes Buch, aber nie gelesen.“ Es wäre dem eigenen Plan wohl zu nahe gewesen. „Doch ,Der Schatten des Körpers des Kutschers‘ und ,Abschied von den Eltern‘ waren ganz wichtige Bücher für mich.“ Bei Weiss hat Vesper die Kunst der autobiographischen Mimesis gelernt.

In „Frohburg“ tragen außer den engsten Familienmitgliedern und Personen der Zeitgeschichte alle Figuren abgewandelte Namen, obwohl Vesper keinen Hehl daraus macht, dass dieser Roman nur das erzählt, was auch wirklich geschehen ist. Das merkt man dem Buch auch an – gerade weil etliches darin unglaublich wirkt. Keine Phantasie kommt an die Flucht von fünf Tschechen durch die DDR der fünfziger Jahre heran, in deren Verlauf sie sich wilde Schießereien mit der Polizei liefern – Wildwest im nahen Osten.

Oder die nie aufgeklärten Morde an Frauen in der unmittelbaren Nachkriegszeit, bei denen den Opfern die Augen ausgestochen wurden. Vesper hat eine sinistre Faszination fürs Verbrechen, die er nach eigener Auskunft von seinem Vater, einem Landarzt, geerbt hat. Was der ihm an Geschehnissen aus seinem sächsischen Wirkungskreis erzählt hatte, ergänzte der Sohn dann um weitere Fälle, deren Hergang er teilweise erst nach der Wiedervereinigung recherchieren konnte. So ist Vesper heute immer noch auf der Suche nach Akten zu einem von den Behörden sogenannten „Agentenmord“ an einem Volkspolizisten im Jahr 1954. Schauplatz dieses Verbrechens war ein Ort, der kürzlich traurige Berühmtheit erlangt hat: Clausnitz.

Ein Stimmkonzert von über hundert Jahren

Vesper ist tieftraurig, dass er diesen Fall nicht mehr in den Roman aufnehmen konnte. Perfekt hätte er hineingepasst, denn es sind gerade die zufälligen Verbindungen einer individuellen Existenz mit der Zeitgeschichte, die im Mittelpunkt seines Erzählens stehen. „Frohburg“ ist ein Füllhorn an Geschichten, trotz seines Umfangs atemlos aneinandergereiht, teilweise dreifach ineinander verschachtelt, wenn der Ich-Erzähler seinen Vater erzählen lässt, wie ihm ein Bekannter etwas erzählt habe, und dies dann abermals in Ich-Erzählform zu Gehör bringt. Bisweilen pfeift der Erzähler sich selbst zurück: „Was redest du denn da. Ja ist doch so. Aber was geht das andere an. Lenk mich nicht ab, ich will auf Lackners zurückkommen.“ Man muss hellwach sein über die Dauer von tausend Seiten hinweg, um die Perspektivbrüche nachzuvollziehen: Dann jedoch entfaltet sich der Roman als ein großes Stimmkonzert, das einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren abdeckt.

Wobei das Zentrum stets jenes Frohburg der Jahre 1941 bis 1957 bleibt, in dem Guntram Vesper direkt am Marktplatz aufwuchs. Pars pro Toto steht es, für alle Welt: „Wenn du mal nach Frohburg kommst“, heißt es im Buch, „und auf dem Kellerberg, in Höhe des Hauses meiner Eltern, von der Bundesstraße 95 nach links abbiegst, kannst du nach den beiden Brücken anhalten, aus dem Auto klettern und die Lage peilen. Du wirst kaum Leute sehen, keine Passanten, ein Gesicht hinter Gardinen vielleicht, nur ein paar Autos kommen vorbei, aber laß dich nicht täuschen, du bist, wie beinahe immer, wenn nicht auf historischem, so doch auf biographischem Gelände.“

Pastetenrezepte in Fraktur

Und ja, wenn man heute in die Kleinstadt fährt, glaubt man sich ins neunzehnte Jahrhundert zurückversetzt, so still ist es hier. Der größte Arbeitgeber, eine Textildruckerei, die gleich unterhalb vom Markt ihr Werksgelände hatte und für einen ständigen Strom von Passanten durch den Ortskern sorgte, musste 1992 schließen, die Fabrikgebäude wurden abgerissen – „Revitalisierung“ nennt das eine städtische Gedenktafel für die Textildruckerei. „Wenn ich heute nach Frohburg komme“, sagt Vesper, „kann ich über die leere Fläche des ehemaligen Werksgeländes hinweg vom Markt aus beinahe mein Geburtshaus sehen“, und er klingt enttäuscht. Die Kindheitserinnerung will keine Veränderungen.

Deshalb müsste ihm die Auslage des Lebensmittelmarkts Fischer direkt neben jenem Haus am Markt, in dem er dann mit seiner Familie lebte, gefallen: Es ist wie ein Tribut an Guntram Vesper dekoriert, mit allerlei nostalgischen Produkten wie Kathi-Backmischungen oder Zutaten für „altdeutschen Birnengrießkuchen“. Im Zentrum der Auslage liegt ein aufgeschlagenes Kochbuch in Fraktur, das Pastetenrezepte enthält. Man könnte glauben, der Marktplatz von Frohburg wäre schon vorbereitet auf den künftigen Besuch des Verfassers und vor allem der Leser von „Frohburg“, doch Vesper bezweifelt, dass irgendjemand in seiner Heimatstadt vorab bemerkt hat, dass der Roman erscheint. Nur einmal ist er als Schriftsteller hier aufgetreten, gleich 1990, und er erinnert sich an das seltsame Gefühl, von den alten Kulturkadern begrüßt zu werden. Seitdem waren alle seine Besuche in Frohburg privat. „Aber wenn ich jetzt noch einmal zum Lesen dorthin eingeladen würde, dann bitte ins Schützenhaus, den Ort, wo ich meinen letzten Schwof vor der Ausreise in die Bundesrepublik erlebt habe.“

Jedes zweite, dritte Haus ein „Bethanien“

Dieser Tanzabend wird spät im Roman zu einer zentralen Szene, in der der junge Guntram die ersten Verlockungen der Liebe erfährt. Chronologisch läuft die „Frohburg“-Handlung nicht ab, das Buch liest sich wie ein pulsierender Strang jener Stoffe, die sich anlässlich der Erzählabende bei den Großeltern durch assoziative Verknüpfungen entwickelten. Aber „Frohburg“ ist extrem genau gebaut, es gibt einen festen Rhythmus der Erzählebenen, der nach eher gegenwärtigen Handlungsteilen – Vespers Reminiszenzen ans eigene Leben gehen ja weit über die ersten sechzehn Jahre hinaus – wieder nach Frohburg zurück- und mit den Erlebnissen anderer Familienmitglieder weiter ins Erzgebirge führt.

Und immer wieder auch Ausflüge in die allgemeine Literatur- oder Regionalgeschichte unternimmt, etwa wenn Vesper mehrfach den Balladendichter Börries Freiherr von Münchhausen aus dem nahe Frohburg gelegenen Windischleuba auftreten lässt, der sich 1945 angesichts der nahenden Kriegsniederlage umgebracht hat, oder in einer faszinierenden Abschweifung die religiösen Erweckungsbewegungen im ländlichen Sachsen der Zwischenkriegszeit zum Thema macht: „Jedes zweite, dritte Haus war das, was sie dort oben ein Bethanien nennen, eine Betstube.“

Vesper zeigt in seinem Göttinger Heim auf einen Stoß von etwa siebzig mit enger Handschrift bedeckten A4-Bögen: „Das sind meine Arbeitsblätter, anhand deren ich den Überblick während sechs Jahre Schreibarbeit am Roman behalten konnte.“ Auf dem letzten Blatt steht in Rotstift und zusätzlich umrandet der Fontane-Satz, der nun tatsächlich zum Motto des Buchs geworden ist: „Für etwaige Zweifler also sei es Roman!“ Zweifel gibt es nicht an „Frohburg“. Es ist das gewichtigste Buch dieser Tage. In jeder Hinsicht.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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