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Im Gespräch mit Elisabeth Edl

Warum kennen wir Flaubert noch nicht, Frau Edl?

 - 13:50
Mit den Klassikern so vertraut wie mit zeitgenössischen Autoren: Elisabeth Edl Bild: Burkhard Neie, F.A.Z.

Bei welchem französischen Autor reifte zum ersten Mal der Gedanke bei Ihnen, sich auf das Exerzitium des Übersetzens einzulassen?

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Zuerst waren da Simone Weil, Julien Gracq und natürlich der unvergleichliche Julien Green, auch eine Liebe fürs Leben. Ich habe ja sehr lange in Frankreich gelebt und an der Universität unterrichtet. Da kam irgendwann fast zwangsläufig der Wunsch, zu übersetzen, denn es gibt keinen schöneren Weg, die Liebe zur Sprache mit der Liebe zur Literatur zusammenzubringen. Stellen Sie sich vor: Sie können Ihre Lieblingsbücher sozusagen selbst noch einmal schreiben. Ein wunderbarer Beruf. Und ich hatte dann das unglaubliche Glück, von Anfang an nur an ganz großen Autoren arbeiten zu können und an Büchern, die mir wirklich etwas bedeuten.

Mit dem 20. Jahrhundert haben Sie begonnen. Dann kam die Arbeit an neuen Ausgaben von Stendhal, zuerst „Rot und Schwarz“, dann „Die Kartause von Parma“. Der Verdacht lag nahe: Da ist jemand in den Zirkel der Stendhalianer eingetreten, aus dem erfahrungsgemäß so leicht kein Entkommen ist. Doch Sie rissen sich los zu Gunsten Flauberts.

Unter uns gesagt, ich war nahe dran, mich in Stendhal zu verlieren - und unter seinen zuweilen recht spleenigen Bewunderern. Dann hätte ich alle 84 Bände übersetzt und säße heute auf ein paar tausend Manuskriptseiten, denn das hätte ja kein Verleger je gedruckt! Aber Sie sehen, ich hab die Kurve noch gekriegt. Und selbst während der Arbeit an Klassikern wie Stendhal und Flaubert ist es gut, zeitgenössische Autoren einzustreuen.

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Und wie führte der Weg von Stendhal zu Flaubert?

Wenn ich schon etwas Neues anfange, dann richtig. Flaubert ist sozusagen der Nachkomme Stendhals, aber der Apfel ist weit vom Stamm gefallen, sprachlich und stilistisch. Außerdem hat sich bei mir auch so eine Art kleiner Größenwahn ausgebildet: Jetzt machst du die größten Romane Frankreichs neu - nach den zwei Hauptwerken Stendhals die zwei Hauptwerke Flauberts, „Madame Bovary“ und die „Éducation sentimentale“. Danach sehen wir weiter, ich habe keine Angst, dass mir der Stoff ausgeht.

Stendhal wurde lange Zeit nicht ins Deutsche übersetzt. Er hatte durchaus sein Publikum, aber das las eben Französisch. Im Fall von „Madame Bovary“ erschien die erste deutsche Ausgabe fast sofort.

Es war eben ein skandalöser, unmoralischer Ehebruchroman, berüchtigt durch einen Sensationsprozess, auch wenn der mit einem Freispruch geendet hatte. Das wollte natürlich jeder lesen.

Und es war lediglich das erste Buch, das er veröffentlichte.

Flaubert hat früh, schon als Kind, begonnen, wie ein Besessener zu schreiben, und nie mehr aufgehört. Unmittelbar vor „Madame Bovary“ gab es dann die „Versuchung des heiligen Antonius“, also den riesigen, grandiosen, symbolischen Stoff. Das Manuskript hat Flaubert vier Tage lang seinen Freunden Maxime Du Camp und Louis Bouilhet vorgelesen und auf ein begeistertes Lob gehofft. Stattdessen kam das Urteil: „Wir denken, du solltest das ins Feuer werfen und nie wieder davon reden.“ Zugleich aber verordneten sie ihm eine Medizin, um ihn von seinem Hang zur Rhetorik zu kurieren: Er sollte sich eine alltägliche Geschichte für seine stilistischen Exerzitien vornehmen, also das große Werk nicht aus dem großen exotischen oder historischen Gegenstand gewinnen, sondern aus dem Leben von nebenan. Das wurde „Madame Bovary“.

Der Gegenstand sollte bürgerlich-banal sein. Stellt man Flauberts Hass auf alles Bürgerliche in Rechnung, hat man die Herausforderung der stilistischen Arbeit schon vor sich.

Ja, es geht ihm nur darum, aus der verhassten kleinbürgerlichen Banalität ein Werk großer Kunst hervorgehen zu lassen durch die Form der Darstellung. Das ist Flauberts Perfektionismus. Aber was für die breite Leserschaft galt, das galt auch für alle deutschen Übersetzungen der „Madame Bovary“, immerhin nicht weniger als dreißig. Die erotische Skandalgeschichte drängte die Aufmerksamkeit für diese durchgearbeitete Form beiseite. Mit dem paradoxen Ergebnis, dass Flaubert zwar als Vater des modernen Romans anerkannt ist, aber „Madame Bovary“ auf Deutsch niemals in einer Form erschienen ist, die diesen Anspruch wirklich nachvollziehbar werden lässt.

Ein hartes Urteil.

Aber man kommt bei Durchsicht der früheren Übersetzungen nicht drum herum. Sie lassen nicht erkennen, was Flaubert mit „Madame Bovary“ tatsächlich erreicht hat: einen spannenden, mitreißenden Roman zu schreiben, in dem jeder Satz so komponiert ist wie der Vers in einem Gedicht. Es ist die Verwirklichung seines Anspruchs, aus dem Roman ein hohes Genre zu machen, so wie es bis dahin nur Gedicht und Drama waren.

An der Ablenkung durch den Skandalwert kann es aber kaum gelegen haben, dass die Übersetzer an diesem Anspruch vorbeiübersetzten.

Nein, das liegt eher an der Übersetzungskunst selbst, an anderen, bescheideneren Ansprüchen. Man hat eben sehr lange eine Geschichte von der einen in die andere Sprache transportiert, und Schluss. Dabei hätte man es natürlich besser wissen können. Früh gab es schon Briefausgaben von Flaubert, in denen man nachlesen konnte, wie er gearbeitet hat. Und eigentlich sieht man ja unmittelbar an jedem Satz, welche Rolle Melodie und Rhythmus spielen, wie kunstvoll alles gebaut ist, oft sogar gegen die Regeln französischer Syntax. Man liest einen Satz, liest ihn noch einmal und merkt: ein Alexandriner - der im Deutschen mitunter gewagte Umstellungen fordert. Diese Kunstgestalt muss eine Übersetzung hörbar machen.

Aber die Schwierigkeiten beginnen ja nicht erst dort, wo ein Alexandriner sich als Statthalter der vers en prose einmischt.

Nein, sie beginnen natürlich schon früher. Etwa bei betonten Worten, auf die Flaubert Sätze und lange Passagen ganz bewusst zulaufen lässt. Zum Beispiel die Hörner am Ende der berühmten Szene der Landwirtschaftsausstellung: Auf der einen Seite Emmas und Rodolphes verliebtes Geturtel zur gründlichen Vorbereitung des Ehebruchs, auf der anderen die bombastischen Reden der Politiker über Vieh und Ackerbau, und die sind natürlich ein fortlaufender höhnischer Kommentar für das triviale Geschwätz in der Verführungsszene. Am Ende stehen dann die Hörner, die der Rindviecher und die des Ehemanns, den Flaubert auch zu einer Art Rindvieh erklärt. Das ist wahnsinnig komisch, böse und unheimlich gekonnt.

Die Bauart dieser Collage ist aber doch kaum zu übersehen.

Eigentlich nicht. Wenn in der landwirtschaftlichen Tonspur dieser Collage das Wort „fumier“ gebrüllt wird, dann sollte man meinen, dass es als knapper Kommentar zum parallel laufenden Süßholzgeraspel erkannt und übersetzt wird, also: „Mist!“ Aber weit gefehlt, fast alle deutschen Übersetzungen wählten „Düngemittel“. Selbst so simple, fast brutale Techniken blieben bisher auf der Strecke.

Nun sind französische Wortstellungen ja an und für sich nicht leicht ins Deutsche zu transportieren. Erst recht, wenn einer wie Flaubert mit ihnen spielt.

Die deutsche Syntax ist widerspenstig. Kaum ist ein Nebensatz eröffnet, klappert ein Verb oder Hilfsverb am Satzende, oder im schlimmsten Fall sogar ein Präfix. Aber wenn man ein solches Buch übersetzt, dann muss es einfach gelingen, Flauberts Satzrhythmus auch im Deutschen hinzukriegen. Das dauert, aber es geht immer.

Ihre Stendhal-Ausgaben bestechen auch durch den wunderbaren Anmerkungsteil, der sich vom breiten historischen Panorama bis zum mikrologischen Detail erstreckt. Wie sieht der jetzt bei Flaubert aus?

Im Unterschied zu Stendhal braucht es bei „Madame Bovary“ weniger Erläuterungen zu Fakten und historischem Hintergrund. Aber interessant sind natürlich all die Materialien, an denen sich zeigen lässt, wie Flaubert gearbeitet hat und wie der Text entstand - all die Vorstufen der gedruckten Fassung und der Fundus der Briefe, in denen er von seiner Arbeit berichtet und klarmacht, worum es ihm bei dieser einsamen Plackerei geht.

Wie vollständig lässt sich das Werden der Textgestalt verfolgen?

Es ist wirklich alles da. Von den ersten kleinen Skizzen bis zum fertigen Manuskript und den letzten Korrekturen. Insgesamt viele tausend Seiten, weil Flaubert ja die meisten Szenen immer wieder neu schrieb, strich und verdichtete. Mittlerweile ist das alles von der Universität Rouen transkribiert und kann im Netz studiert werden. Paradiesische Zustände.

Zurück zum Skandal, der die „Madame Bovary“ bei ihrem Erscheinen war. Ein Skandal, der ja auch durch die Auslassung von heiklen Stellen im Vorabdruck der „Revue de Paris“ auf den Weg gebracht worden war. Auslassungen, die Flaubert ungeheuer erbosten.

Und die Selbstzensur der „Revue“ half dann wohl auch der Justiz auf die Sprünge. In der Logik des Staatsanwalts hieß das: Wenn sogar die Redaktion dieses liberalen Blattes heikle Stellen auslässt, dann muss die Sache wirklich schlimm sein. Man nehme nur die berühmte, großartige Fiakerfahrt von Emma und Léon. Jeder weiß, was die beiden in den Polstern treiben, aber Flaubert sagt es mit keinem Wort - der Rest war eben der Phantasie überlassen, oder eben dem Verdacht des Staatsanwalts.

Im Anhang Ihrer Ausgabe findet man nun zum ersten Mal die Texte der Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger auf deutsch.

So wollte es Flaubert schon in der Ausgabe letzter Hand der „Madame Bovary“, er wollte die Dummheit der Justiz für die Ewigkeit konservieren. Man kann sich aber auch davon überzeugen, dass der Staatsanwalt manchmal sogar auf einer guten Spur zu Flauberts abgründigem Spiel war. Er spürte, da war Gefährliches, aber er konnte es nicht richtig benennen. Er suchte zwanghaft nach Unmoral - und er verstand nicht, dass Flauberts objektiver Kunstanspruch ganz woanders hinführte: Kunst lag für ihn jenseits der Moral. Diesen Angriff konnte ein so erfahrener Anwalt wie Maître Senard glänzend, wenn auch etwas heuchlerisch parieren, indem er aus „Madame Bovary“ das abschreckend-erbauliche Exempel einer jungen Frau machte, die durch falsche Erziehung - die Tochter eines Bauern in der Klosterschule - ihren sozialen Rang missachtet und deshalb fällt. Eine sehr unterhaltsame Meisterleistung, die Flaubert den Freispruch brachte - eine Verdrehung der Tatsachen aber trotzdem. Der Staatsanwalt glaubte bei Flaubert eine „Poesie des Ehebruchs“ zu finden: Was, wenn er gewusst hätte, dass Flaubert genau diese Formel erst in der allerletzten Überarbeitung aus dem Manuskript gestrichen hatte . . .

Immerhin, dem Staatsanwalt stand ja im selben Jahr noch ein Erfolg ins Haus.

Ja, aber als es um „Die Blumen des Bösen“ ging, konnte Flauberts Freund Baudelaire leider keinen Mann wie den berühmten Anwalt und Politiker Senard ins Rennen schicken. Senard hatte immer wieder auf den soliden bürgerlichen Ruf der Familie Flaubert gepocht. Die „gute Familie“ war eben manchmal entscheidend, und dass gerade der Bürgerhasser Gustave Flaubert davon profitierte, ist auch eine Pointe.

Das Gespräch führte Helmut Mayer.

Zur Person

Elisabeth Edl wird 1956 in der Steiermark geboren. Sie studiert Germanistik und Romanistik in Graz. Von 1983 bis 1995 lebt sie in Poitiers (Frankreich), wo sie an der Universität und an der École Supérieure de Commerce deutsche Sprache und Literatur lehrt.

Ende der achtziger Jahre beginnt sie mit literarischen Übersetzungen und gibt Editionen französischer Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts heraus, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhält, darunter der Paul-Celan-Preis, der Petrarca-Preis, der Hieronymus-Ring und der Österreichische Staatspreis.

Seit 2009 ist sie Chevalier de l’ordre des arts et des lettres der Republik Frankreich und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Ende September wird ihre Neuübersetzung von Gustave Flauberts „Madame Bovary“ im Hanser Verlag erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
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