Indische Literatur

Zwischen Bombay und Berlin

Von Ilija Trojanow
 - 18:17

Wer in die indische Literaturlandschaft blickt, wird eines nur schwer erreichen: Überblick. Trotz aller Bemühungen von Vermittlern und Übersetzern kann sich der deutsche Leser momentan nur einen profunderen Eindruck von der englischsprachigen Literatur des Subkontinents verschaffen. Der erfolgreiche Roman über Dostojewskij in der Malayalam-Sprache bleibt uns ebenso unbekannt wie die neueste Dichtung auf panjabi. Aber nicht nur uns: Selbst die indischen Intellektuellen kennen den literarischen Reichtum ihres eigenen Landes kaum, sei es, weil sie aus kultureller Arroganz Englisch vorziehen, sei es, weil sie beim besten Willen nicht mehr als einige der sechzehn offiziellen Sprachen des Landes beherrschen können. Übersetzungen zwischen den indischen Sprachen sind weiterhin Mangelware.

Die traditionell bedeutendsten Dichter Indiens - Lal Ded, Kabir, Tukaram, Bharati, Ghalib, Tagore - haben nicht auf englisch geschrieben, und die episch-religiösen Werke, die das geistige Leben Indiens bis in unsere Zeit hinein beeinflussen, wurden auf sanskrit verfaßt: das Mahabharata und das Ramayana. Trotz der etwas schwerfälligen Bemühungen des National Book Trust, bei der Frankfurter Buchmesse einen repräsentativen Querschnitt der gegenwärtigen indischen Literatur vorzustellen - die Rahmenbedingungen des internationalen Buchmarktes und die Probleme der sprachlichen und kulturellen Übertragung erschweren den Zugang zur nicht-englischsprachigen Literatur.

Die aufregendste Neuerscheinung: über 50 Jahre alt

Um so mehr sollte man die wenigen Angebote aufmerksam würdigen. Die aufregendste Neuerscheinung dieses Herbstes ist mehr als ein halbes Jahrhundert alt, verfaßt auf urdu von einem Autor, der chronisch verschuldet war, mit provozierender Direktheit über Sex und Gewalt schrieb, von der eigenen Ehefrau in eine Irrenanstalt eingeliefert wurde und mit 42 Jahren am Alkoholismus zugrunde ging. Saadat Hasan Mantos Leben war kein glückliches und oft auch kein würdiges, aber unter den 250 Kurzgeschichten, die er hinterlassen hat, finden sich einige der kunstvollsten Beispiele des Genres.

Der Verlag vergleicht ihn zu Recht mit Isaak Babel, der groteske Humor und die anekdotische Zuspitzung erinnern an Bruno Schulz oder Wolfgang Borchert, und der skizzenhafte, satirische Stil an die graphischen Arbeiten von George Grosz. Auch Saadats Leben war geprägt von Krieg und Gewalt. Als 1947 die Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistan erfolgte, ein administrativer Akt, auf den grausame ethnisch-religiöse Säuberungen folgten, beschloß er, von Bombay, wo er als Drehbuchautor begehrt war, nach Pakistan zu ziehen, eine Entscheidung, die er bis zu seinem Lebensende bitter bereute, denn er fand, wie er selber sagte, „keinen Platz in diesem neuen Staat“.

Für den Rucksack jedes Indienreisenden

Die einst blühende Filmindustrie von Lahore lag danieder; die Gerichte verboten einige seiner Geschichten wegen „Pornographie“. Zudem steigerte sich die Gesellschaft um ihn herum in eine heuchlerische Religiosität hinein. Als brillante und gnadenlose Kritik jenes Übergangs lesen sich seine Geschichten heute als Kommentare zu einem Zeitgeist, der einer symbolüberfrachteten, sinnentleerten Rhetorik huldigt. In der Erzählung „Toba Tek Singh“ beschließen die Regierungen von Indien und Pakistan, auch die Insassen ihrer Irrenanstalten auszutauschen. Was darauf folgt, sollte in den Abendnachrichten in Delhi und Islamabad vorgelesen werden, so klar desavouiert es den Wahn einer künstlichen patriotischen Identität, die sich abgrenzen muß, um sich selbst zu finden, und die schließlich im Niemandsland liegenbleibt.

1997 erschien ein ganz schmaler Band mit einigen von Saadats Geschichten im Lotos-Verlag, seit Jahren der zuverlässigste Vermittler indischer Literatur, unter dem Titel „Blinder Wahn“. Die schöne Ausgabe der Suhrkamp-Bibliothek bietet nun eine reichhaltigere Auswahl, die in den Rucksack jedes Indienreisenden gehört. Denn in einem hatte dieser großartige Autor völlig recht: „Saadat Hasan wird eines Tages sterben, doch Manto wird niemals vergehen.“

Zwischen „Chutneysierung“ und Containersprache

Nun könnte man argumentieren, wenn die eigene Sprache schon international keine Chance habe, dann müsse man eben die englische Sprache zu einer indischen umformen. Chinua Achebe, der große alte Mann der afrikanischen Literatur, hat diese postkoloniale Haltung einmal so formuliert: „Ich werde mich so lange in der englischen Sprache aufhalten, bis man ihr das anmerkt.“ Vorbereiter dieses Weges in Indien war der exzentrische Außenseiter Govindas Vishnoodas Desani. Sein einziger Roman „All about Hatarr“ ist reinste Sprachalchimie, beschworen mit unkanonischen Mantras der Hybridität, und daher - davon hat mich ein gescheiterter Selbstversuch überzeugt - unübersetzbar. Die Zöglingshaltung der Babus, britisch dressierter indischer Bürokraten, wird entlarvt anhand ihrer eigenwilligen Lexik und Satzstellung.

Salman Rushdie hat, als erfolgreichster Schüler von Desani, die stilistische „Chutneysierung“ wie kein anderer vorangetrieben. Doch trotz des Erfolges ist kaum ein zeitgenössischer Autor seinem Beispiel gefolgt. Die meisten Werke, die dieser Tage auf deutsch erscheinen, sind in einer glatten Containersprache geschrieben, die in Vancouver ebenso leicht wie in Wellington konsumiert werden kann. Vielen Autoren ist zudem eine - gewiß auch biographisch bedingte - Entfremdung von den Realitäten Indiens anzumerken, die von den Lesern, überwiegend mit dem Sujet der Bücher unvertraut, nicht bestraft wird.

Vom literarischen Wert eines Nintendo-Spiels

Shashi Tharoor und Vikas Swarup sind Diplomaten, Kiran Desai und Jhumpa Lahiri leben wie viele andere „indische“ Autoren in Amerika. Swarups Erfolgsroman „Rupien Rupien“ ist ein Paradebeispiel für das Branding der globalisierten indischen Literatur. Eine unglaubwürdige, dafür aber um so deftigere Jugendgeschichte wird eingebettet in eine Rahmenhandlung, die internationalen Wiedererkennungswert hat: Der Held hat beim Fernsehquiz „Wer wird Milliardär?“ gewonnen und wird als Mann aus den unteren Schichten des Betrugs angeklagt. Die Beschreibungen klingen touristisch, jedes Klischee kommt zum Einsatz, und die Szenen in dem Dharavi-Slum in Bombay sind teilweise so abwegig, daß man sich fragt, ob der Autor jemals dort war.

„Rupien Rupien“ hat den literarischen Wert eines Nintendo-Spiels, findet aber weltweit einen reißenden Absatz, der dem zur Zeit wohl bedeutendsten unter den in Indien lebenden Prosaautoren, Kiran Nagarkar, versagt bleibt. Seine Romane finden in England oder in Amerika keinen Verleger. Wir haben es den Bemühungen des A1-Verlages zu verdanken, daß in diesem Herbst schon sein dritter Roman auf deutsch erscheint, mit dem vielversprechenden Titel „Gottes kleiner Krieger“. Nagarkar hat eine dichte Romanstudie über einen intelligenten, begabten und neurotischen Menschen verfaßt, der, wo andere Schattierungen erkennen, nur schwarz und weiß sieht. Obwohl Zia im multikulturellen und religiös vielfältigen Bombay aufwächst, drängt es ihn schon in jungen Jahren, die Sündhaftigkeit der Welt zu bekämpfen. Von seiner Tante als Auserwählter indoktriniert, versucht er, den räudigen Hund eines Straßenhändlers mit seinem Taschenmesser umzubringen.

Die größte aller Blasphemien

Dies ist die erste von vielen Gewalttaten, mit denen Zia versucht, die vermeintlichen Aufträge Gottes zu erfüllen, die sich in seinem Kopf stauen. Als Student in Cambridge fühlt er sich berufen, den satanischen Salman Rushdie mit dem Tod zu bestrafen, doch als er ihm endlich bei einem Literaturfest begegnet, stellt er fest, daß sein Revolver nicht geladen ist - sein älterer Bruder Amanat hat heimlich die Kugeln aus der Waffe entfernt. Amanat ist das Gegenstück zu Zia; er hat, aus der Erfahrung heraus, daß Spiritualität zweifeln bedeutet, ein Buch über den mystischen Rebellen Kabir geschrieben, eine mittelalterliche Ikone in Indien, die von allen Seiten vereinnahmt wird. Nagarkar zitiert Ausschnitte aus diesem Buch, die von so einleuchtender Weisheit sind, daß der fanatische Bruder die Lektüre kaum aushält und schließlich auch seinen eigenen Bruder zu erdolchen versucht.

Kaum hat man die Richtung des Romans erkannt, entführt uns Nagarkar in ein Trappistenkloster, wo wir einen Mönch namens Lucens kennenlernen, der sich als christliche „Wiedergeburt“ von Zia erweist. In einigen der dichtesten Stellen des Romans wird das Kloster in der Sierra Nevada als Versuchslabor verschiedener Zugänge zu Gott beschrieben. Am Ende bleibt der Leser im positiven Sinne verstört zurück. Nagarkar hat ein imposantes Buch über die Selbstgerechtigkeit des Gläubigen geschrieben. Am Ende glaubt man begriffen zu haben, daß der Fanatiker die größte aller Blasphemien begeht: im Namen Gottes alles besser wissen zu wollen.

Riajvinder Singh, ein Dichter aus Berlin

Indien ist jedoch auch ein Land der Lyrik. Eine Reihe neuer Anthologien führt kundig durch die enorme Vielfalt an Themen und Ausdrucksformen, doch erstaunlicherweise erscheint jetzt nur ein Gedichtband eines jüngeren indischen Dichters: Ranjit Hoskotés „Die Ankunft der Vögel“ (Hanser-Verlag). Hoskoté ist treuer Apostel einer Tradition, die er selber entfaltet. Die Referenzpunkte seines Schreibens sind von eklektischer Eigensinnigkeit. Er verknüpft Familienerinnerung mit Weltgeschichte, den Dialog mit der mystischen Dichterin Lal Ded aus dem Kaschmir des 15. Jahrhunderts mit der poetischen Vereinnahmung der Gemälde von Francis Bacon. In seinen Gedichten offenbaren sich durch überraschende Nachbarschaft unvermutete Verwandtschaften, die immer wieder der eigenen Weltsicht widersprechen. Diese Technik erinnert an die Parabeln von Sufi-Mystikern oder an die Gedichte Kabirs, der seine Zuhörer zu provozieren versuchte, indem er Sinn und Sprache bis an die Grenze des Surrealen oder gar des Nonsens erschütterte. Hoskoté, ein mitfühlender Skeptiker, geht nicht soweit - dazu fehlt es ihm an einer missionarischen Motivation. Aber er verfaßt Gedichte, die unverschämt gut sind.

Rajvinder Singh, ein Dichter aus dem Panjab, lebt seit zwanzig Jahren in Berlin, und er schreibt kontinuierlich Gedichte (sie erscheinen im Lotos-Verlag), welche die Distanz zur Sprache ihrer Entstehung reflektieren. Jedes ist ein kleines memento vitae, von einer inszenierten Flüchtigkeit, als würde ein Passant einem etwas zuflüstern, bevor er um die Ecke biegt. Und mögen aus vielen indischen Sprachen auch kaum Gedichte den Weg zu uns finden - wir können uns derweil mit jenen trösten, die auf deutsch geschrieben werden.

Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren und in Kenia aufgewachsen, verbrachte vier Jahre in Bombay und lebt heute in Kapstadt. Sein Roman „Der Weltensammler“ erhielt in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 30
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