Höflich und wohlerzogen

Jugend ohne Plot

Von Claudius Seidl
 - 16:18

Als Ronja von Rönne schlagartig, wie man so sagt, berühmt wurde vor etwa einem Jahr, zumindest bekannt oder berüchtigt, wie viele fanden; als also in der „Welt am Sonntag“ die junge Autorin einen Text veröffentlichte, welcher, ohne sich mit Begründungen lang aufzuhalten, behauptete, dass Feminismus eklig sei, eine Weltanschauung für Zurückgebliebene und Verlierer; als daraufhin in den sozialen Netzwerken, wo diese Fragen verhandelt werden, so mancher Mann die Telefonnummer der Autorin wissen wollte und so manche Frau, wann sie ihre Tassen zurückräumen werde in den Schrank; als schließlich der Sommer kam und Ronja von Rönne beim Bachmann-Preis in Klagenfurt einen eher stillen, konzentrierten Text vorlas, in welchem es um den schlimmen Morgen nach einer schlimmen Nacht ging, einen Text, den die Jury zum Anlass nahm, sich heftig zu blamieren, schon weil ihr, außer einem fast schon wieder historisch gewordenen Roman von Christian Kracht, kein Referenzpunkt, kein Kriterium, kein Maßstab zur Verfügung stand, was ja, 32 Jahre nach Rainald Goetz’ Auftritt am selben Ort, besonders hilflos wirkte; als also die Aufregung groß war um diese Autorin, da fragte sich der Leser naturgemäß, wer diese Ronja von Rönne sei: Eine Journalistin, die es auch mal mit der Literatur versuche? Oder eine Schriftstellerin, die halt auch mal für die Zeitung schreibe?

Dass das egal sei, solange die Zeitungsartikel interessant und die Prosatexte lesenswert seien: Das ist eine Antwort, die naheliegt – die aber von zu wenig Kunstsinn zeugt. Dass sie ihre seltsamen Meinungen zum Feminismus nur mal ausprobiert habe, so wie man einen Mantel anprobiert, sagte später, scheinbar kokett, Ronja von Rönne – und vermutlich lag da tatsächlich eine Art Verwechslung vor.

Meinungen zum Ausziehen?

All die Meinungen, die einem im Journalismus so auf den Geist gehen, weil ihnen zu wenig Gedanken vorausgegangen sind, all die schnellen, bösen, ungerechten, idiosynkratischen, völlig haltlosen und unbegründeten Meinungen und Beschimpfungen, sind in der Literatur eine wunderbare Strategie. So eine Meinung, hineingeschrieben in einen Prosatext, kann Seiten voller Psychologie und feinsinniger Charakteristik ersetzen. So eine Beschimpfung schafft ein scharfes Bild, vom Beschimpften und vom Schimpfenden, und stellt verbindliche Verhältnisse zwischen den beiden her.

Das Meinen und das Schimpfen haben eine große, wunderbare Tradition in der deutschsprachigen Literatur – aber wenn man Thomas Bernhardsche Sätze vor Augen hat oder den Zorn und die Unversöhntheit des jungen Rainald Goetz noch im Ohr: dann ist man fast erstaunt darüber, wie höflich, fast schon wohlerzogen jetzt die Romanautorin Ronja von Rönne klingt, wenn ihr Text schimpft, meint, zurückweist und nein sagt. „Wir kommen“ heißt das Buch, was eher das Genre als die Handlung beschreibt. „Ich gehe“ könnte es genauso gut heißen, und das Ich, das da spricht, heißt Nora und kann sich nicht dagegen wehren, wenn Leser es mit der Autorin verwechseln.

Nora schreibt auf, was sie erlebt, und vor allem, was sie nicht erlebt, weil der Therapeut ihr das empfohlen hat. Das Buch behauptet also, eine Art Tagebuch zu sein, ein Bericht für den Mann, der Nora von ihren Panikattacken befreien soll, die sie fast jeden Morgen überfallen, wie man sagt.

Man kann, wenn das klar ist, das Buch gleich wieder zuklappen – falsch verbunden, ich bin Leser und kein Arzt, ich kann diesen Text nicht heilen. Man kann das aber auch als ziemlich gut brauchbare Konstruktion betrachten, um vom Jungsein zu schreiben, ohne literarischen Jugendschutz für sich zu beanspruchen. Hier spricht ein Ich zu einem älteren Leser, dem es sich erklären und gegen den es sich zugleich behaupten will. Hier wartet ein Leser, dem die Sprache bloß ein Vehikel ist zur Beschreibung von Sachverhalten, die außer ihr liegen.

Nette Idioten und alte Säcke

Aber es spricht ein Ich, das schon die Wörter und Sätze als Tatsachen begreift, als Bausteine einer Welt, in der Nora fremd ist und fremd bleiben will, schon weil sie nicht so alt und verbraucht und so grundsätzlich falsch sein will, wie sie, anscheinend, die Welt, die aus diesen Wörtern gebaut ist, empfindet. Das ist, als Grundkonflikt, nicht unbedingt neu, Karl Marx, als er jung war, hat es so beschrieben: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“

Aber als Problem des Schreibens stellt es sich jedem Schreiber neu: Wie soll man von sich sprechen, wenn einem nur die Sprache der anderen, der Eltern und Therapeuten zur Verfügung steht? Wie soll man die ungeheure Differenz, die man zu spüren glaubt und die man keinesfalls aufgeben will, beschreiben und behaupten, wenn schon die Wörter ein Gleichheitszeichen setzen? Wie wehrt man sich also in der Sprache gegen den „Schwachsinn der netten Idioten und alten Säcke“ (wie Rainald Goetz das nannte, als er jung war)?

Ironie und verbrauchte Sätze

Meinen hilft, schimpfen erst recht, beides hält die Sprache jung, weil der Nachschub an neuen Wörtern und Verknüpfungen immer gesichert ist. Jargon ist zwar selten besser als der allseits als korrekt empfundene Sprachgebrauch. Aber wenigstens ist er neu, anders, vom Aufsichtspersonal noch nicht okkupiert. Und wenn das alles nichts hilft, fällt der Text sich eben selbst ins Wort, versucht mit Ironie die Deutungshoheit über die verbrauchten Sätze wiederzugewinnen. Oder er lässt die Sätze Sätze sein, die Dinge Dinge und sagt zu den versteinerten Zeichen: Ihr könnt mich mal. „Draußen flog die Landschaft vorbei, wie es sich für Landschaften gehört.“

Das hört sich vermutlich so an, als ob die dauernde Selbstreflexion das Buch zu einer eher mühsamen Lektüre machte. Stimmt aber gar nicht, ganz im Gegenteil, das Ergebnis ist ein Stil, den man konzentriert nennen muss und integer, weil es darin kaum Sätze gibt, die nur so dahingeschrieben sind.

Auf diese Weise berichtet Nora also, und davon handelt ihr Bericht: Wie sie mit Leonie, Karl und Jonas ein paar träge Sommerwochen in einem Haus am Meer verbringt. Die vier Menschen haben miteinander, was sonst nur Paare haben, erst liebten sich Nora und Karl, dann verliebte sich Karl in Leonie, ohne Nora verlassen zu können, und dann kam Jonas, der Nora gefiel und Leonies Ex-Freund war. Oder so.

Eigentlich passiert nichts

Dass sie etwas Besonderes und vor allem besonders glücklich sind, das sagen die vier einander jeden Tag, und als es keiner mehr glaubt, beschließen sie, eine Party zu geben, damit die anderen es ihnen bestätigen. Es passiert eigentlich nichts, außer dass alle hoffen, dass etwas passiere, und zugleich fürchten sie sich davor, und am Schluss sieht es aus, als wäre etwas passiert, aber da ist die Erzählung fast vorbei. Kein Plot, keine Handlung, nur ein paar Rückblenden, wenn Nora sich an ihre Jugendfreundin Maja erinnert, den einzigen Menschen in ihrem Leben, der sich nicht nur danach sehnte, dass etwas passiere, sondern entschlossen genug war, etwas passieren zu lassen.

Mehr ist es nicht, der Rest ist Stimmung, Meinung, Reflexion und Sprache– was kein Mangel ist, auch wenn man manchmal als Leser denkt, es wäre nicht schlecht, wenn jetzt ein Schuss fiele oder sich ein Abgrund öffnete neben dem Sommerhaus. Plot ist bloß Aufschub, Ablenkung, scheint dieses Buch zu sagen, wer etwas zu tun, eine Herausforderung zu bewältigen hat: der schiebt doch nur die wirklich entscheidenden Fragen vor sich her. Nur ein Text, der von gar nichts handelt, kann zugleich von allem handeln.

Was das bedeute: jung zu sein; ob man das retten und verlängern oder doch diesem Zustand, diesem Lebensgefühl möglichst schnell entrinnen solle; und wie man seine Empfindungen davor bewahrt, von korrumpierten Begriffen korrumpiert zu werden: Das sind die Fragen, um welche es anscheinend geht. Womöglich sind Panikattacken die einzig mögliche Antwort – und wenn einer diesem Buch vorwirft, dass hier die Jugend sich selbst als einziges Thema hat, muss man antworten: Was für ein Thema soll sie denn sonst haben? Das bisschen Vergangenheit ist nicht unbedingt der Rede wert, die Erfahrungen laufen auf die Erkenntnis heraus, dass Jungsein auch nicht das reinste Vergnügen ist.

Die Antworten auf all die Fragen sind nicht in Aussagesätzen zu haben. Die Antwort, was das sei und bedeute und worum es gehe, wenn man jung ist, die findet sich in jenen Sätzen, die eine Stimmung nicht nur schildern, sondern evozieren, in jenen Sätzen, die nicht nur sich selber reflektieren, sondern davon zeugen, dass es gelungen ist, die Wörter den Gegnern zu entreißen, in den Momenten, da man nicht mehr so genau sagen kann, ob es ums Leiden der Heldin oder ums Glück des Lesens geht.

Es gibt diese Momente, das Buch läuft auf sie hinaus. Und der Therapeut, wenn er das alles liest, wird hoffentlich keinen seelischen Schaden nehmen aus der Erkenntnis, dass Jugend, sollte sie eine Krankheit sein, auf jeden Fall unheilbar ist.

Ronja von Rönne: „Wir kommen“. Aufbau, 208 Seiten, 18,95 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius (cls)
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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