Kafkas Sätze (1)

Neunzehn Worte Kafka

Von Frank Schirrmacher
 - 11:59

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Das ist der erste Satz von Kafkas Roman „Der Prozess“. Eigentlich ein Allerweltssatz. Ein Thriller könnte so beginnen. Oder ein Schulaufsatz. Damit dieser Satz mehr wird als Aufsatz und Krimi, muss etwas anderes hinzukommen. Es steckt bereits in diesen neunzehn Wörtern – man muss es nur herauslocken. Man muss sich eine Weile still davorstellen und warten, bis das Tier im Bau sich regt. Manche hören nur Wühlen und Rascheln. Man kann aber auch Musik darin hören.

„Der Prozess“ erzählt sich in seinem ersten Satz. Je tiefer man in dessen Stoff eindringt, desto sichtbarer wird, worin Kafkas literarisches Genie bestand: in der absoluten Kontrolle über den mehrfachen Schriftsinn nicht nur fast jedes Satzes, sondern fast jedes Wortes. Er schreibe „mit ganzen Orchestern von Assoziationen“, hat Kafka einmal bemerkt und die Willkür der Assoziation dem Ordnungsprinzip der Musik unterworfen. Das schließt Zufälle aus. Oder mit den Worten des Geistlichen im „Dom“-Kapitel: „Man muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.“

Das Böse hat keine Zeit

Das stärkste Wort dieses Satzes ist „etwas Böses“.Der Roman macht seinen ersten Atemzug, und schon beim zweiten ist das Böse in der Welt. Wie in der Bibel hat auch in Kafkas Welt das Böse keine Zeit. Und nun hat das Orchester der Assoziationen schon begonnen. Es spielt in Kafkas Kopf, es spielt im Text, und es spielt vor dem staunenden Leser. Zunächst das Leitmotiv: Nichts Böses getan zu haben und dennoch verhaftet zu werden ist einerseits Realismus und anderseits nichts anderes als die Definition der Erbsünde. Bis zum letzten Satz redet der Roman auf beiden Ebenen, er kombiniert Allerweltssätze mit allem, was nicht von dieser Welt ist.

Man muss sehen, wie nach und nach jede einzelne Stimme einsetzt, wie Kafka sie aufruft, ihr Klang und Atem gibt und sie in den kunstvollen Bau seines Werkes mit Echos entlässt. Die erste Person des Romans ist „Jemand“, der Josef K. verleumdet haben musste. Im August 1913 hatte Kafka mit großem Eifer Gustav Roskoffs „Geschichte des Teufels“ gelesen. Darin steht: „Satan, Teufel. Ein wie das andere bedeutet einen Verleumder, einen nicht schlechtweg Ankläger; sondern falschen, im gerichtlichen Verstande.“ Josef K. ist in diesem ersten Satz nichts anderes als Josef K., eine bürgerliche Existenz, wie sich später herausstellt, ein Bankprokurist, der am Morgen seines dreißigsten Geburtstags verhaftet wird.

Die Tragikomödie der bürgerlichen Vernunft

Doch das Initial J.K. spielt bereits auf einen anderen Dreißiger an. Die Lehre des Juden Jesus („Kristos“), ungefähr im gleichen Alter verhaftet wie Josef K. und angetreten, um von der Erbsünde zu erlösen, wird im Roman ebenso durchgespielt werden wie Talmud, Neues Testament und jene geistesgeschichtliche Überlieferung, die am Bösen, das den Tod verschuldete, sich abarbeitete. Den Umkreis dieser Reflexion bezeichnet das letzte Substantiv des letzten Satzes des Romans. Auch dieser Begriff ist untrennbar mit dem Sündenfall verbunden und lautet: „Scham“ („Es war, als sollte die Scham ihn überleben“). Die Scham ist in der Genesis bekanntlich das Kennzeichen des erfolgten Sündenfalls. Der Verleumder, J.K., das Böse, die Scham – mit diesen Worten, die Wiedererkennungszeichen sind, ruft Kafka eine Überlieferung in seinen Roman, auf der Synagogen und Kathedralen und philosophische Gebäude errichtet wurden und die materiell doch immer nur das war, was auch der „Prozess“ ist: ein Buch – und sei’s das Buch der Bücher.

Das alles steckt in diesem einen, ersten Satz. Kafkas Genie aber liegt darin, dass er die religions- und geistesgeschichtlichen Hämmer auf den Kopf eines Bankprokuristen einschlagen lässt. Die bürgerliche Ansicht ist nicht nur die realistische Version dieses Romans, den man, auch ohne irgendeine Anspielung aufzunehmen, wie einen Krimi lesen kann. Seinen immer noch unterschätzten Humor bezieht der „Prozess“ daraus, dass die bürgerliche Vernunft mit dem Anspruch einer religiösen Überlieferung konfrontiert wird, in der alle Menschen unterschiedslos zum Tode verurteilt sind. Seine Zimmervermieterin nennt die Verhaftung „etwas Gelehrtes“, aber Josef K., der die Dramaturgie verkennt, vermag in ihr nur eine „Komödie“ zu erkennen.

Allzuirdisch

Josef K. ist religiös illiterat, aber ziemlich krank und wird am Ende des Jahres sterben. Wieso eigentlich? Die Religionen haben Antworten, aber die sind keine Befreiung, sondern eine Verhaftung. Kafka führt seinem Helden noch einmal die Erklärungen vor, die Religionen und Philosophien gegeben haben. Aber Josef K. überzeugen sie nicht. Das Gericht ist schmutzig, das Personal korrupt, die Bücher sind zerfleddert, und einen obersten Richter gibt es nicht. In der Alltagssprache: Die Erklärungen sind nicht plausibel und die Institutionen zu irdisch.

„Das sind die Akten des Untersuchungsrichters“, sagt Josef K. einmal, und es besteht kein Zweifel, dass vor dem Richter das Buch der Bücher liegt: „Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr Untersuchungsrichter, vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig nicht, obwohl es mir unzugänglich ist, denn ich kann es nur mit zwei Fingern anfassen und würde es nicht in die Hand nehmen.“ Dem säkularen Kopf ist die religiöse Deutung „unzugänglich“ geworden.

Logik und Notwendigkeit

Wir sind schuldig geworden und müssen deshalb sterben. Warum eigentlich? Weil in Büchern steht, dass einmal im Paradies ein Verleumder zum Bösen verführte? Bleibt das Problem, dass man trotzdem sterben muss und dieses Sterben als Hinrichtung begreift. In all seinen Texten, so hatte Kafka einmal dem Tagebuch anvertraut, gehe es darum, „dass jemand stirbt, dass es ihm sehr schwer wird, dass darin für ihn ein Unrecht und wenigstens eine Härte liegt“. Rein logisch betrachtet, ist diese Haltung absurd. Alles muss sterben, und der Aufstand dagegen ist ebenso kindisch wie die Beamten im „Prozess“, die sich mit Beweisführungen, Schriftsätzen, Widerlegungen und einem einzigen, dazu noch schlecht verbürgten Freispruch beschäftigen.

Erst am Ende ahnt Josef K., was es damit auf sich hat: „Die Logik“, heißt es kurz vor seiner Hinrichtung, „ist unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.“ Die Logik allein hätte zu einer Welt der Kassenbücher geführt. Doch weil der Mensch leben und nicht sterben will, überwindet er sie und schafft Literatur, Erzählungen vom Paradies und der Vertreibung daraus, die nicht logisch, aber notwendig sind.

Literatur als Religion

Das alles ruft dieser eine Satz auf. Aber nichts davon spricht er aus. Erst dadurch, dass Kafka unterhalb der realistischen Schicht des Buches den vielfachen Schriftsinn orchestriert, wird jene „Notwendigkeit“ möglich, von der später der Geistliche spricht.

Franz Kafka hatte wie außer ihm vielleicht nur Shakespeare eine enorme Verfügungsgewalt über den vielfachen Sinn von Worten. Sein Judentum hatte ihn frühzeitig begreifen lassen, dass Worte, ja Buchstaben eine spirituelle Kraft entfalten können; und seine kabbalistischen und religiösen Studien zeigen, wie ihn die Idee einer Schriftreligion in den Bann zog. Im „Prozess“ versucht er dies noch gleichsam experimentell umzusetzen. Gerade die jüdische Religion mit ihrer tiefen Hingabe an den einzelnen Buchstaben demonstriert, dass Religion und Literatur dasselbe Baumaterial haben. Könnte Literatur einmal werden, was Religion war? Seine ganze Literatur, so hat Kafka gegen Ende seines Lebens notiert, hätte sich „leicht zu einer neuen Geheimlehre, einer Kabbala, entwickeln können. Ansätze dazu bestehen. Allerdings ein wie unbegreifliches Genie wird hier verlangt, das neu seine Wurzeln in die alten Jahrhunderte treibt oder die alten Jahrhunderte neu erschafft und mit alldem sich nicht ausgibt, sondern jetzt erst sich auszugeben beginnt.“

Alles in einem Satz

Man versteht seine vielfachen Äußerungen des Gejagt- und Beladenseins, auch das Fragmentarische seines Werkes womöglich besser, wenn man unterstellt, dass er nicht schreiben konnte, ohne sofort der monströsen Vieldeutigkeit fast jedes Satzes gewahr zu werden. Das erklärt auch, wieso er sich immer mehr den Aphorismen zuwandte, und man kann annehmen, dass Kafka, hätte er überlebt, sich zu einem der größten Aphoristiker deutscher Sprache entwickelt hätte. Je älter er wurde, desto hartnäckiger widmete er seine ganze Energie dem einen Satz. „Meine Kraft“, heißt es einmal, „reicht zu keinem Satz mehr aus. Ja, wenn es sich um Worte handeln würde, wenn es genügte, ein Wort hinzusetzen, und man sich wegwenden könnte ...“

Keine nachfolgende Generation hat sich von seinen Sätzen wegwenden können. Es sind Bibliotheken zu seinem Werk erschienen, Tausende und Abertausende von Deutungen. Was immer ihm vorschwebte – in der Rezeption hat er erreicht, was nur den größten Texten vorbehalten ist: Legionen von Kommentatoren haben sich über seine Texte gebeugt wie über die heiligen Schriften, und nicht wenigen schien eine Antwort auf das Rätsel seiner Literatur wie eine Antwort auf die Rätsel selbst.

Eigensinn der Hochmut

Franz Kafka wurde an diesem Donnerstag vor einhundertfünfundzwanzig Jahren geboren. Wir können diesen Schriftsteller nicht besser würdigen als dadurch, dass wir uns seine Sätze anschauen. Von heute an werden im Feuilleton dieser Zeitung unterschiedliche Autoren, von Peter von Matt bis Marcel Reich-Ranicki, ihren Satz Kafkas vorstellen und deuten.

Hätte ihn, diesen angeblich so Bescheidenen und am eigenen Talent Verzweifelnden, gewundert, dass sich vierundachtzig Jahre nach seinem Tod Menschen einem einzelnen Satz seines Werkes widmen? Auch das wäre zum Jahrestag zu begreifen: Kafka war nicht nur ein großer Humorist, er war auch einer der selbstbewusstesten Schriftsteller der Literaturgeschichte. Die Demut kam nicht aus dem Mangel des Erreichten, sondern aus der Größe des Ehrgeizes. Er wusste sehr genau, wie ungewöhnlich seine Literatur war. Er wusste sehr genau, dass er Hochmütiges beabsichtigte.

Kafkas Werk ist heute so neu wie am ersten Tag. Auch das hat er gewusst. „Alles, was er tut“, so schrieb er mit Blick auf das eigene Werk, „kommt ihm zwar außerordentlich neu vor, aber auch entsprechend dieser unmöglichen Fülle des Neuen außerordentlich dilettantisch, kaum einmal erträglich, unfähig, historisch zu werden, die Kette der Geschlechter sprengend, die bisher immer wenigstens zu ahnende Musik der Welt zum ersten Mal bis in alle Tiefen abbrechend. Manchmal hat er in seinem Hochmut mehr Angst um die Welt als um sich.“

Quelle: F.A.Z.
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