Kafkas Sätze (11)

Ein Satz, der sein ganzes Unglück enthält - und unser ganzes Glück

Von Denis Scheck
 - 18:03

Oft - und im Innersten vielleicht ununterbrochen - zweifle ich daran ein Mensch zu sein.

Lange Zeit habe ich Franz Kafka gehasst. Ich hasste sein Leben, von dem ich wenig wusste, und ich hasste sein Werk, von dem ich wenig kannte. Was ich von seinem Leben zu wissen glaubte, war alles falsch; was ich gelesen hatte, hatte ich nicht verstanden.

Ich hasste den Klischee-Kafka, weil er all das verkörperte, was mir als Jugendlichem an der Beschäftigung mit Literatur insgesamt suspekt war: Kafka, der Junggeselle, einsam, in Gesellschaft bis zum Verstummen gehemmt, der erwachsene Mann, der in einem wenige Quadratmeter großen Durchgangszimmer bei seinen Eltern lebt, nachts unentwegt vor sich hin kritzelnd, tagsüber sich unentwegt sorgend, sein Gekritzel tauge nichts.

Get a life, Kafka, dachte ich mir, auf meinen wenigen Quadratmetern bei meinen Eltern lebend, einsam, nachts unentwegt vor mich hin kritzelnd, tagsüber mich unentwegt sorgend, mein Gekritzel tauge nichts.

Der Widerschein einer Erfahrung von Literatur überhaupt

Später hasste ich Kafkas Kontrollzwang im Umgang mit Worten wie im Umgang mit Menschen. Seine Engherzigkeit. Seinen moralischen Rigorismus. Seinen Gerechtigkeitsfanatismus. Ich hasste Kafkas Hypochondrie, den Mief seines Milieus, seine ausgestellte Lebensuntauglichkeit, sein banges Horchen auf jedes innerliche Ziepen, Zwicken und Zwacken. Ich hasste seine Unmännlichkeit, gipfelnd in jener elenden einzeiligen Postkarte an Felice Bauer vom 22. März 1913: „Noch immer unentschieden. Franz.“ Kann ein Mann einer Frau Erbärmlicheres schreiben?

Heiß hasste ich Kafkas postume Entourage: die Kardinäle der florierenden Religion Kafka nicht minder als die Kapitäne der boomenden Industrie Kafka - genau wie ich die Religionen und Industrien zu Kleist und Hölderlin, Robert Walser und Paul Celan hasste.

Kafkas Zweifel an seiner Humanität, geäußert in diesem Satz aus seinem Brief an Felice Bauer vom 7. Juli 1913, enthält das ganze Unglück von Kafkas Leben - und das ganze Glück, Kafka zu lesen. Er ist das Stenogramm seiner großen Tier-Erzählungen. In diesem Satz liegt ein Widerschein einer Erfahrung von Literatur überhaupt: statt dumpfer Identifikation die Akzeptanz des anderen, die Achtung vor dem nicht Gemäßen, die Hinwendung zum Fremden. Nicht ausgeschlossen, dass Liebe daraus wird.

Denis Scheck, Jahrgang 1964, ist Redakteur beim Deutschlandfunk, Übersetzer und Kritiker. Er moderiert die ARD-Literatursendung „Druckfrisch“.

Quelle: F.A.Z.
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