Kafkas Sätze (13)

"Nun muß ich aber nach Hause gehen."

Von Brigitte Kronauer
 - 10:00

Mein Lieblingssatz von Kafka ist eigentlich der zweite im „Amerika“-Roman, der kurze nach dem langen Einleitungssatz, wo die Freiheitsstatue als Verheißung und Drohung höchstpersönlich „wie neuerdings“ vor dem sechzehnjährigen Vater Karl Roßmann aufragt. Dieses „neuerdings“ funkelt und zwinkert bis heute, nach allen Seiten.

Andererseits hat Rilke behauptet, jede Zeile Kafkas sei für ihn „auf das eigentümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen“. Jede? Also schlage ich, Rilke wörtlich nehmend, die Romane in einem Band probehalber an beliebiger Stelle auf. Ins Auge springt mir folgendes: „Und er sah auf seine Uhr und sagte: ‚Nun muß ich aber nach Hause gehen.‘“ Ein Fundstück für den Verehrer, Kenner, Gourmet? Ich habe, noch vor dem Nachprüfen, um welches Werk es sich handelt, erst einmal schadenfroh in mich hinein gelacht. Über Rilke? Über Kafka? Über die bloßgestellte Schwärmerei des ersten, über die Frechheit des zweiten, der hier mit einer grandios in sich ruhenden Banalität dem pauschal bewundernden Lyriker einen Streich zu spielen scheint und nicht nur ihm?

Oder dann doch am meisten über mich selbst, die sich von der Fallhöhendifferenz zu Kafkas Aura ins Bockshorn jagen ließ? Zweifellos geht es hier nicht um eine über den Gegenstand hinausweisende, zitierfähige Bedeutsamkeit wie bei der fast allzu prominent überlebenden Scham am „Prozeß“-Ende. Immerhin jedoch dürfen das „Und“ und das „aber“ nicht außer Acht gelassen werden als dringender Hinweis auf die Einbettung in eine Situation. Und die ist von atemabschnürender Kniffligkeit. K. will über Klamm durch Momus (Namen, vermutlich weniger zum Entzücken Rilkes als Ror Wolfs!) ins „Schloß“ gelangen. Er kämpft gegen die verdeckte Hinhaltetaktik von Sekretär und Wirtin. Die Trivialität seiner Äußerung zerstört, als derber Luftzug aus der Wirklichkeit, für einen Augenblick das Argumentationsgespinst seiner Gegner, bevor es sich um so betäubender über ihm schließt. Plazierung und Funktion machen den Satz also doch zu reinstem Kafka: durchsichtige Oberfläche, hohes spezifisches Gewicht.

Brigitte Kronauer, Jahrgang 1940, veröffentlichte zuletzt den Roman „Errötende Mörder“ sowie den Erzählungsband „Die Kleider der Frauen“.

Quelle: F.A.Z.
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