Kafkas Sätze (15)

An der Quaderbrüstung

Von Peter Demetz
 - 11:08

„Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt und in das Abendwasser schaut, die Hände auf alten Steinen.“

Ja, es ist ganz widersinnig, dass Hunderte von klugen Kafka-Kommentatoren über seine metaphysischen Symbolsysteme oder über seine weltliterarisch erotischen Irritationen schreiben und ich mich auf einen lyrischen Satz kapriziere, der in seinem Brief (vom 8. November 1903) an Oskar Pollak steht, der sein Freund hätte werden können.

Dieser Satz und die Hartnäckigkeit, mit welcher er in meiner Erinnerung herrscht, sagt sogleich, wie wenig ich lange über Kafka wusste, und wäre mein Freund Ossi Stein (Sohn eines jüdischen Psychiaters aus Teplitz-Schönau) im Sommer 1945 nicht als Sergeant der britischen Air Force (blauer Battle dress, höchst wirkungsvoll im Café Slavia) nach Prag heimgekehrt, um mich darüber zu belehren, dass der Franz Kafka in der siegreichen Welt draußen zum Autor Nummer eins avanciert sei, ich hätte mich auch weiterhin meiner Rilke-Schwärmerei hingegeben, seinem „Weltinnenraum“, und da war ich in den Kriegsjahren nicht allein.

Vom grenzenlosen Talent unglücklich zu sein

Ich begann also in der Heinrich-Mercy-Edition Kafkas zu blättern, die mein Onkel Friedrich Burschell (der Proust-Übersetzer), mit Tante Fritta auf der Flucht von Berlin nach Mallorca und Oxford in unserer Bibliothek zurückgelassen hatte, und mein Vater (allerdings ein bedingungsloser Verehrer des Lyrikers Franz Werfel) meinte, er habe mit dem Kafka Franzl zuzeiten an der Ecke Zeltnergasse parliert und auch seinem Begräbnis auf dem Straschnitzer Friedhof beigewohnt, und dort habe sich eine junge Frau namens Dymant über das frische Grab geworfen.

Kafka hatte ein grenzenloses Talent, unglücklich zu sein, aber ich weiß, warum ich den einen lyrischen Satz im Gedächtnis behielt, allen Romanen zum Trotz, denn es war ein Moment der Ruhe, der unbewegten physiologischen Gegenwart, Haut auf Stein, und im Auge das Abendgewässer, letzte Reflexe des Lichtes. Das war Kafka, wie er sich selbst sehen wollte, nicht (so in seinem Brief) als einen der lärmenden „Handelsgehilfen, die mit roten Nelken und dummen Gesichtern (er schreibt „mit dummen und jüdischen Gesichtern“) den sonntäglichen Wenzelsplatz herunterspazieren, oder jene eleganten Flaneure auf dem Graben, die er ohrfeigen wollte.

Der Prager Gefährte

Hier, auf der Karlsbrücke, war er plötzlich mein Prager Gefährte, Mitbürger, Nachbar, Schulfreund – selbst wenn er sich mit seinem oft zitierten Wort von „Mütterchen“ Prag und den „Krallen“, mit denen sie alle Prager festhielt, selbst zu dramatisieren liebte. Er reiste ja viel, nach Berlin, Wien, München, Weimar, Italien oder Paris, wo ihn nur eine plötzliche Infektion davor bewahrte, an Max Brods Bordell-Exkursionen teilzunehmen. Im Übrigen war das Wort vom „Mütterchen Prag“ eine allzu rasche Übersetzung aus dem Tschechischen, denn das Diminutiv Matika bezeichnet ja die „liebe kleine Mama“. Der eine Satz genügt mir, Kafka aus der Nähe zu lesen, denn ich habe selber gelernt und an seinem Ort, was das heißt, „die Hände auf alten Steinen“.

Peter Demetz, geboren 1922 in Prag, unterrichtete bis zu seiner Emeritierung 1991 Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Yale-Universität. Seit den siebziger Jahren ist er Mitarbeiter dieser Zeitung. Er übersetzte zahlreiche tschechische Prosa und Lyrik ins Deutsche.

Peter Demetz, geboren 1922 in Prag, unterrichtete bis zu seiner Emeritierung 1991 Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Yale-Universität. Seit den siebziger Jahren ist er Mitarbeiter dieser Zeitung. Er übersetzte zahlreiche tschechische Prosa und Lyrik ins Deutsche.

Quelle: F.A.Z.
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