Kafkas Sätze (2)

Verzweiflung als Inspiration

Von Marcel Reich-Ranicki
 - 13:24

Ich beschäftige mich mit nichts anderem als mit Gefoltert-werden und Foltern.

Ich soll hier auf einen meiner Ansicht nach für Kafka und sein Werk aufschlussreichen, typischen und bezeichnenden Satz verweisen. Die Aufgabe ist schwierig, doch nicht deshalb, weil es in Kafkas unterschiedlichsten Äußerungen, in Briefen und Tagebüchern, in seinen Romanen und Erzählungen von Sätzen geradezu wimmelt, die sein ganzes Werk charakterisieren, die sich als dessen Motto anbieten. „Ich könnte leben und lebe nicht“ – heißt es in einem Brief Kafkas vom 5. Juli 1922. Und Mitte November 1920 schrieb er an seine Freundin Milena Jesenská: „Ich beschäftige mich mit nichts anderem als mit Gefoltert-werden und Foltern.“

In einem 1921 geschriebenen Brief an Max Brod spricht Kafka von dem Verhältnis junger Juden zu ihrem Judentum und von „der schrecklichen inneren Lage dieser Generation ... Die Verzweiflung darüber war ihre Inspiration.“ Dieses Wort über die Generation junger Juden ist zugleich und vor allem (wie sehr oft bei Kafka) ein Wort über ihn selber.

Exemplarische Situationen, Konflikte und Komplexe

Gesagt wird hier, was nicht wenigen jüdischen Schriftstellern ermöglicht hat, sehr früh, oft schon vor dem Ersten Weltkrieg, die Vereinsamung, die Isolation und die Entfremdung des Intellektuellen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands und Österreichs wahrzunehmen und mit besonderer Schärfe zu artikulieren. Freilich sind bei manchen dieser Autoren solche Motive nur angedeutet und skizziert. Sie dominieren hingegen bei Franz Kafka.

Brod wies schon zu Lebzeiten Kafkas mit Recht darauf hin, dass in dessen Romanen und Erzählungen das Wort „Jude“ zwar nicht vorkomme, aber immer wieder das Leiden der Juden dargestellt werde. Später sieht Kafka zwischen seiner Selbstentfremdung und seinem Judentum einen ursächlichen Zusammenhang. Wer seine Werke vor dem Hintergrund dieses Zusammenhangs liest, erspart sich viele der Irrwege und Sackgassen, die von vielen Kafka-Interpreten begangen wurden. Es wird dann augenscheinlich, was Kafka, an „der schrecklichen inneren Lage dieser Generation“ leidend, vor allem zeigen wollte – nämlich exemplarische Situationen, Konflikte und Komplexe von Juden innerhalb der nichtjüdischen Welt.

Als Extrembeispiel der menschlichen Existenz

Erst als sich die Rolle des Intellektuellen in der Gesellschaft weitgehend verändert hatte, Jahrzehnte nach Kafkas Tod (er starb 1924), vermochte man zu erkennen, dass er mit seinen Werken der Epoche vorausgeeilt war. Denn: Die in einer spezifischen Prager Konstellation erzählten und zunächst nur auf diese Konstellation zu beziehenden Geschichten vom Schicksal der Ausgestoßenen und Angeklagten erweisen sich als klassische Parabeln von der Heimatlosigkeit und der Entfremdung.

Mit anderen Worten: Die von Franz Kafka dargestellte Tragödie der Juden wurde von späteren Lesern als Extrembeispiel der menschlichen Existenz verstanden.

Quelle: F.A.Z.
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