Kafkas Sätze (29)

Der Mann mit der verdrehten Körperhaltung

Von Ernst-Wilhelm Händler
 - 17:10

„Die Silhouette eines Mannes, der mit halb und verschiedenartig in die Höhe gehobenen Armen sich gegen vollständigen Nebel wendet, um hineinzugehn.“

Kafka ist ein selten gegenständlicher Schriftsteller, seine Beschreibungen sind nahezu immer eindeutig.

Die Welt Kafkas hat eine Substanz, die in ihrer Gegenstandsförmigkeit, genauer: in ihrer Gegenstandsfähigkeit besteht. Diese Substanz ist unabhängig davon, in welche Gegenstände die Welt eingeteilt wird und was in ihr vor sich geht. Die Welt kann auf unendlich viele verschiedene Weisen gegenständlich werden. Aber diese Weisen lassen sich reduzieren, weil sich bestimmte Verhältnisse in den Gegenständlichkeiten wiederholen. Kafkas Beschreibungen müssen so genau sein, weil sie nicht in erster Linie etwas darstellen, sondern auf etwas zeigen.

Die Prosagebilde Kafkas kamen mir immer wie mannlose Raumschiffe vor, die neben der Welt schweben und die Darstellungen der Maße aller überhaupt nur möglichen Gegenständlichkeiten enthalten.

Was hat diese Romanfigur mit jenem Menschen aus Kafkas Leben gemein, inwieweit ist Josef K. sein Autor? Die Kombination der fiktionalen und der autobiographischen Texte suggeriert Algorithmen, wie Wörtern, Sätzen, Passagen beziehungsweise kompletten fiktionalen Texten Bedeutungen zugeordnet werden können, die sich nicht unmittelbar aus den fiktionalen Texten ergeben. Einen Algorithmus auszuführen – darum handelt es sich auch, wenn die Maße der Welt aufgerufen werden –, ist ein literarisch eher triviales Unterfangen.

Was geschieht, wenn sich die Bahnen zweier Raumschiffe kreuzen, wenn sie sich sehr nahe kommen? „Gibs auf, Gibs auf“, sagt der Schutzmann, vom Ich-Erzähler des von Max Brod nach dieser Antwort benannten Prosastücks aus der „Beschreibung eines Kampfes“ nach dem Weg gefragt. In einer Stadt, in der er sich noch nicht sehr gut auskennt, geht der Ich-Erzähler früh am Morgen zum Bahnhof, der Vergleich der Turmuhr mit seiner Uhr zeigt, dass es später ist, als er dachte, das lässt den Ich-Erzähler auch bezüglich des eingeschlagenen Weges unsicher werden.

Ich kann mir den Mann aus dem Tagebuch, das unter dem 17. Dezember 1913 den obigen Satz verzeichnet, den Mann also, der sich zum Nebel hinwendet, nie vergegenwärtigen, ohne zugleich die Szene des Prosastücks heraufzubeschwören. Der Schwung, mit dem sich der Schutzmann vom Ich-Erzähler abwendet, ist das Gegenprogramm zu der verdrehten Körperhaltung des Mannes aus dem Tagebuch. Oder ist er deren notwendige Ergänzung? Die Straßen sind rein und leer, der Ich-Erzähler kann die Kirchturmuhr gut erkennen. Fällt der Nebel ein, oder sucht ihn der Mann?

Die Raumschiffe können alle Maße der Welt aufrufen. Aber für den Bereich, in dem sie sich bewegen, steht ihnen kein einziges Maß zu Gebot. Sie verfügen nicht über Maße für einander oder für sich selbst. Die Prosagebilde Kafkas sind dezidiert nicht selbstreferentiell. Die Gegenständlichkeit der Welt stellt eine große Verführung dar, weil sie mit Sagbarkeit einhergeht. Die Prosagebilde Kafkas weisen dahin, dass die wirklich wichtigen Dinge nicht nur jenseits des Sagbaren, sondern jenseits der Welt liegen.

Von Ernst Wilhelm-Händler erschien zuletzt der Roman „Die Frau des Schriftstellers“.

Quelle: F.A.Z.
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