Kafkas Sätze (3)

Die Krallenhände der Sirene

Von Peter von Matt
 - 15:14

„Nein, laß mich, nein laß mich!“ so rief ich unaufhörlich die Gassen entlang, und immer wieder faßte sie mich an, immer wieder schlugen von der Seite oder über meine Schultern hinweg die Krallenhände der Sirene in meine Brust.

Ein Satz. Ein Werk. Dass dieser Text aus dem August 1917 noch immer nur in den Tagebüchern steht und nicht in den Erzählsammlungen, hängt mit dem altmodischen Werkbegriff zusammen, der Kafka gegenüber weiterhin gepflegt wird. Wenn etwas drei Zeilen lang ist und kein Aphorismus, dann ist es ein Fragment und also leider unfertig und kein richtiges Werk. Als ob sich Kafka je darum gekümmert hätte, ob etwas im herkömmlichen Sinne fertig war.

Die nächtliche Szene in den Gassen von Prag erscheint wie eine Vorwegnahme der Collagen Max Ernsts. Was dort das Crossover von bürgerlichem Interieur und phantastischen Wesen, ist hier die Verbindung der alltäglichen Stadt mit dem antiken Schreckbild der Sirene. Diese ist eine schöne Frau mit Vogelleib und Krallenfüßen. Wer sie singen hört, muss zu ihr hin und wird getötet. Widersteht einmal einer der Verlockung, muss sie sterben. Kafkas berühmter Text „Das Schweigen der Sirenen“ arbeitet ebenfalls mit dieser Legende, hat aber mit dem Satz hier nichts zu tun.

Das entscheidende Wort

„unaufhörlich“ ist das entscheidende Wort. Hier wird nicht einer umgebracht, hier ist etwas im Gang, das dauert. Er läuft durch die Gassen, und immer ist sie da, geflügelt, ein schrecklicher Schutzengel, und umfasst ihn von hinten mit ihren Händen. Krallen gewiss, aber doch auch Hände, mehr als nur tierische Greifer. Um eine Verbindung geht es, fast eine Vermählung. Er fürchtet nicht um sein Leben, sonst würde er nicht „Laß mich!“ rufen, sondern „Hilfe!“ oder „Erbarmen!“. Er möchte frei sein von ihr, ihrer Schönheit, ihrem Gesang, möchte unbekümmert durch die Stadt schlendern können wie alle andern und sich später friedlich ins Bett legen.

Wenn man die Sirene benennt, wird aus dem Geschehen eine Allegorie. Dann ist die Szene tot. Sie stirbt an der Deutung, so naheliegend diese vielleicht scheinen mag. Dann sieht man auch die Nuancen nicht mehr, aus denen sie lebt und eine Aura gewinnt, die an die alten Filme aus Prag erinnert. Dass die Sirene von hinten kommt, ist eine solche Nuance, dass also nicht er sie sucht, wie im Mythos, sondern sie ihn. Und dass sie nicht sein Blut will, vampirisch, sondern die Gemeinschaft, nicht töten will, sondern nur die Krallen in seine Brust senken, „immer wieder“, als wär’s eine Zärtlichkeit.

Der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt, Jahrgang 1937, veröffentlichte zuletzt den Essayband „Das Wilde und die Ordnung“.

Quelle: F.A.Z.
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