Kafkas Sätze (32)

Neben Abraham und Moses

Von Sibylle Lewitscharoff
 - 12:32

Als es in meinem Organismus klar geworden war, daß das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechts, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens, der Musik zu allererst richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab.

Diesem sonderbaren Abmagern entspricht die Fleischscheu in Kafkas Texten, eine Scheu, in welche unvermittelt die Fleischgier einbricht. Viel Witz ist um die fette Brunelda im Verschollenen, die von Delamarche sorgfältig gewaschen wird, schwindelerregend komisch die Stelle im Tagebuch, da sich Kafka über eine alte harte Hauswurst mit Zettel hermacht. Dann, aus dem noch ruhigen Meer der Erzählung, meldet sich die Triebgier mit Gewalt: der Knecht greift sich das Dienstmädchen des Landarztes und schlägt sein Gesicht an ihre Wange, dass ein kräftiger Abdruck der Zahnreihen bleibt. Aufgejagt in rauhe Plötzlichkeit, fährt wiederum K. gierig über das Gesicht des Fräulein Bürstner hin, deren fleischleere Bluse er vorher bestaunte. Ebenfalls im Process spannt Leni, die eigenartig schlüpfrige Leni, vor K. ihr feines Häutchen zwischen Mittel- und Ringfinger auf.

Am unheimlichsten ist aber wohl die Verbindung aus Schrift, Fleisch und Gerechtigkeit, wie die Maschine der Strafkolonie sie exerziert - ins Fleisch des Verurteilten wird die Wahrheit geritzt, gestichelt, gebohrt, wenn auch, was die Folter nicht leichter macht, in lieblich ausgezierter Schmuckschrift.

Neben all der Heiterkeit und dem Vergnügen, die Kafkas Texte hervorrufen, ergeht die Aufforderung: Du musst dein Leben ändern! Nicht wie ein Befehl, der in den Staub drückt, sondern als erhöbe sich aus den Buchstaben ein unwahrscheinlicher Wind und säte für jeden Leser ein messianisches Korn, das - keiner weiß, wann, keiner weiß, wie - vielleicht in ihm aufgehen wird. Wenn wahr ist, dass die Gerechten anders befleischt im Himmel weiterleben, so ist auch wahr: Kafka hat seinen Platz neben Abraham und Moses.

Von Sibylle Lewitscharoff, Jahrgang 1954, erschien zuletzt „Consummatus“.

Quelle: F.A.Z.
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