Kafkas Sätze (33)

Und alles ist wieder nichts

Von Andreas Kilb
 - 17:18

Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen zerschmettert wird.

Vor einer kleinen Ewigkeit lief ich durch die Straßen der Stadt Apameia in Nordsyrien. Von Seleukos, einem General Alexanders des Großen, um 300 vor Christus auf einem Plateau über dem Orontes gegründet, diente sie zwei Jahrhunderte lang als Winterlager des Seleukidenheers. Um Christi Geburt lebte hier eine halbe Million Menschen, und noch im sechsten Jahrhundert, als sie zweimal von den Persern erobert wurde, war Apameia eine blühende Stadt.

Heute ist die zweihundert Hektar große Fläche zwischen den Kalksteinmauern ein Ruinenfeld. An den turmhohen Säulen, die von der zweieinhalb Kilometer langen Hauptstraße übrig geblieben sind, bricht sich der Wind. Rings um das griechische Theater liegen die Trümmer der Marmorblöcke verstreut, mit denen sich Kreuzritter und Sarazenen im zwölften Jahrhundert gegenseitig beschossen. In den Mauern der Zitadelle hoch über dem Orontestal haben sich Nomadenfamilien eingerichtet, die ihre Schafe in Apameia weiden.

Aus dem Text hinaus in die Geschichte aller Städte

Ich weiß, dass Kafkas nachgelassene Geschichte „Das Stadtwappen“, die vom babylonischen Turmbau erzählt, bei dem anfangs „alles in leidlicher Ordnung“ ist, bevor die Kämpfe zwischen den Landsmannschaften ausbrechen und den Bau in alle Ewigkeit hinauszögern – dass diese Geschichte eigentlich von der Vielvölkerstadt Prag handelt, in deren Wappen der Arm eines Ritters mit einem Schwert in der Faust prangt. „Deshalb hat auch die Stadt die Faust im Wappen.“

Aber der vorletzte Satz, der die Sagen und Lieder der Stadt mit der Sehnsucht nach ihrer Zerstörung verbindet, ragt aus diesem Text hinaus in die Geschichte aller Städte, die die Menschheit seit ihrem Auftauchen aus der Savanne gebaut, bewohnt und verlassen hat. In Hongkong, in Los Angeles, in Sydney musste ich an Apameia denken. Fünf Schläge, so viele wie die Finger einer Hand, und alles ist wieder nichts. Auch unsere Städte tragen die Faust im Wappen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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