Kafkas Sätze (39)

Kafkas Menschen sind verzweifelt

Von Jakob Hessing
 - 10:24

Niemand wird lesen, was ich hier schreibe.

Im Jahr 1917 schreibt Kafka diesen Satz in eines der Oktavhefte, und die Fortsetzung zeigt seine Hoffnungslosigkeit: „niemand wird kommen, mir zu helfen; wäre als Aufgabe gesetzt, mir zu helfen, so blieben alle Türen aller Häuser geschlossen.“ Deshalb – weil er sich rettungslos verloren weiß – soll niemand lesen, was er schreibt.

Einst hatte er andere Hoffnungen gehegt, hatte sich der Literatur geopfert und wollte in der Wahrheit leben, aber die Hoffnungen zerschlugen sich schnell. Keinen seiner drei Romane hat er veröffentlicht, das Leseverbot war ernst gemeint. Max Brod trug er im Testament auf, seinen gesamten Nachlass „restlos und ungelesen zu verbrennen“: Den Großteil seines Werkes verdankt die Nachwelt einem Vertrauensbruch, der unsere Lektüre immer auch mit Ambivalenz erfüllen muss.

Kunst ist eigentlich Verzweiflung

Was Kafka selbst zum Druck gab, waren Texte der Verweigerung. Im „Urteil“, seiner ersten Erzählung, die er gelten lässt, schreibt ein junger Mann an den Freund, um ihm seine Verlobung anzuzeigen. Der Brief jedoch wird niemals abgeschickt – der Vater beschlagnahmt ihn und treibt seinen Sohn in den Selbstmord. Aus dem „Prozeß“, seinem berühmtesten Roman, lässt er nur die Legende über den Mann vom Lande drucken, der zum Gesetz kommt. Dort stirbt er, ohne sein Ziel zu erreichen, denn der Türhüter verwehrt ihm den Eintritt. Kafkas Menschen sind verloren wie ihr Autor, der für niemanden schreibt. In seinem letzten Buch, das er zum Druck vorbereitet, lässt ein Hungerkünstler sich dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Doch seine Kunst ist eigentlich Verzweiflung. Er habe nur gefastet, gesteht er am Ende, „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt“.

Als Kafka längst tot war, schrieb der polnische Aphoristiker Jerzy Lec: „Ich wollte der Welt ein einziges Wort sagen. Weil ich es nicht gefunden habe, bin ich Schriftsteller geworden.“ Kafka hätte zugestimmt und vielleicht gelächelt. Dann hätte er hinzugefügt: „Aber niemand wird lesen –“

Jakob Hessing, Jahrgang 1944, lehrt deutsche Literatur an der Hebräischen Universität von Jerusalem.

Quelle: F.A.Z.
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