Kafkas Sätze (41)

Das Dementi dementieren

Von Friedmar Apel
 - 15:01

Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt – ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustandebringt – wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.


Der Satz veranlasst die Heldin von „Nanettes Gedächtnis“ (meinem nächsten Roman) zu einer Liebeserklärung: „Ach Franz, wärst du mir begegnet, in der Weinstube in Prag, ich hätte dich geliebt. Mir wärst du nicht gekommen mit deinen Ausreden von geschriebenen Küssen, die von Geistern ausgetrunken werden. Aber dann hättest du vielleicht nicht mehr geschrieben. Wenn ich so schreiben könnte, würde ich es Professor Luria zu lesen geben, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Ein wahnsinniger Gehirnforscher ist allemal gut für eine Geschichte.“ Wenn sie so schreiben könnte, denkt sie, könnte sie alles dementieren, was über sie gesagt wird, und das Dementi dann wieder dementieren und immer so fort.

Eine Sinnverzögerung

Das ist natürlich eine ziemlich egozentrische Lesart, die aber viel praktischer und lustiger ist als allgemeine Erwägungen über die Zweifelhaftigkeit und Vergänglichkeit des künstlerischen Wirkens. Es mag sein, dass Kafka bei der Niederschrift von „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ im Frühjahr 1924 angesichts der Anzeichen seiner Erkrankung daran gedacht hat, dass eines Tages auch sein „letzter Pfiff ertönt und verstummt“.

Dann mag er sich auch gefragt haben, ob er Ruhm bei seinem Volk erlangen würde oder „in gesteigerter Erlösung“ bald vergessen sein. Die Technik der Erzählung aber zielt gar nicht resignativ auf ein Ende, sondern, als Erneuerung des Schreibanlasses in jedem Satz, komisch und virtuos auf unendliche Sinnverzögerung, also auf Weiterleben als Weiterschreiben.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFranz KafkaPrag