Kafkas Sätze (42)

Ein echter Diplomat

Von Hans-Heinrich Wrede
 - 11:28

„Du hast keinen Eßvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme“.

Mitte Juni 1990 äußerst kritische Verhandlungen zwischen Nato und Warschauer Pakt in Wien über die Reduzierung von konventionellen Streitkräften in Europa. Die sowjetische Regierung lud die Nato-Verhandler nach Moskau ein, um konkret vorzuführen, wie sie Panzer und Flugzeuge schrottreif zerstört. Beim offiziellen Bankett in Moskau, die Atmosphäre höflich, aber nicht ohne eine gewisse Gespanntheit, durfte ich als junger Diplomat – eher zufällig Nato-Sprecher – die Dankesrede halten.

Als Reiselektüre hatte ich Franz Kafkas Erzählungen dabei, die ich seit meiner Schulzeit immer wieder las. Lange Zeit bewegte mich in der Geschichte „Der Aufbruch“ auf die Frage „Wohin reitest Du?“ die Antwort: „Weg – von – hier, das ist mein Ziel.“ Denn in vielen Lebensstationen war mir nicht klar, wohin die Reise gehen soll; ich wusste nur, es muss sich etwas ändern. Zudem gab mir der letzte Satz vom „Aufbruch“ eine unbestimmte Zuversicht: „Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheuere Reise.“

Ohne die anderen geht es nicht

Bei den hochkomplizierten Abrüstungsverhandlungen war der Ausgang noch absolut offen. Kontrolle und Verifikation der Abrüstungsschritte sind unverzichtbar, so meine Worte, aber die Einsicht ist auch notwendig: Niemand kann die Zukunft alleine bewältigen! Kafka – im Ostblock lange verboten oder kaum gedruckt – könnte die östlichen Diplomaten und Generäle durchaus provozieren. Für mich war der Sinn von Kafkas Satz einfach und einfach gemeint: Kurzfristig können wir mit den eigenen Vorräten durchhalten, auf Dauer aber geht es nicht ohne die anderen – im Alltag wie in der Politik.

Die sowjetischen Gastgeber waren zunächst verblüfft und still, dann klatschten sie ungewöhnlich lange und laut (weit über die diplomatische Routine hinaus). Dieser Satz von Franz Kafka steht vielleicht nicht an der Spitze der Weltliteratur, aber ich finde, er leuchtet unmittelbar ein. Ich habe Kafkas Gedanken und Worte immer wieder gerne bei Verhandlungen, etwa bei der Unesco oder jetzt in der FAO, meist mit spontan positiver Resonanz zitiert. Kafka ist mir ob dieser diplomatischen Nutzanwendung gewiss nicht böse.

Hans-Heinrich Wrede ist Deutschlands Ständiger Vertreter bei den Internationalen Organisationen in Rom. Von 2003 bis 2007 war er deutscher Vertreter bei der Unesco in Paris.

Quelle: F.A.Z.
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