Kafkas Sätze (44)

Schrecklich und komisch zugleich

Von Reiner Stach
 - 16:24

Herr K. ist zufrieden mit sich.

Es gibt Sätze Kafkas, die man nicht mehr zitieren, ja nicht einmal mehr hören mag. Der Satz von der Axt und dem gefrorenen Meer in uns gehört dazu. Es ist eine schöne und für einen Zwanzigjährigen erstaunliche Idee, dass ein Buch wie eine Axt sein müsse. Doch tausendfach zitiert wirkt selbst ein solcher Gedanke schal. Man sollte ihn für eine Weile vergessen, um ihn vielleicht wiederzufinden.

Es gibt andere Sätze Kafkas, die gar nicht schön, aber derart mit Widerhaken bestückt sind, dass man sie niemals mehr los wird. „Er schlief sehr bald ein, vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über sein Verhalten nach, er war damit zufrieden, wunderte sich aber, dass er nicht noch zufriedener war.“ Gedanken des Prokuristen Josef K., des Angeklagten im Process-Roman. Minuten zuvor hat er seine Zimmernachbarin Fräulein Bürstner – den Vornamen weiß er nicht – im dunklen Flur bedrängt, hat sie über das ganze Gesicht geküsst, und zwar, kommentiert Kafka, „wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt“.

Stummer Beobachter

Dass K. über den Prozess, der gegen ihn eröffnet ist, insgeheim verzweifelt, hat der Leser hier schon verstanden. K. genießt also diese gleichgültige Frau nicht, er sucht vielmehr Schutz bei ihr, und seine Küsse sind Hilferufe: eine Dramaturgie des Erotischen, die alles andere als originell ist. Nun aber –und bei welchem Autor vor Kafka wäre derartiges vorstellbar – nun denkt der Verzweifelnde allen Ernstes darüber nach, ob er seine Performance noch hätte verbessern können, und er wundert sich darüber, dass es nur zu einem ‚befriedigend‘ reicht. Er sieht sich zu wie einem Schauspieler, dessen Rolle es verlangt, um Hilfe zu rufen. Das ist schrecklich, denn weiter kann man sich vom eigenen Erleben nicht entfernen, tiefer nicht täuschen über den Einsatz, um den es geht. Doch wenn dieser Beamte am Rand des eigenen Untergangs noch die Krawatte zurechtrückt, so ist das auch komisch, es ist schrecklich und komisch zugleich. Und darum vergisst man es nicht.

Der Weg zu Kafka, scheint mir, muss über Sätze wie diesen führen, über die Frage nach den unscheinbaren sprachlichen Mitteln, mit denen er solche Effekte zustandebringt, auf dem beengten Spielfeld nur weniger Zeilen. Also, wie haben Sie das gemacht, Doktor?

Quelle: F.A.Z.
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