Kafkas Sätze (45)

Die Macht des Konjunktivs

Von Gerhard Schulz
 - 12:09

Und so kann ich diese Zeit hier ganz auskosten und sorgenlos verbringen, vielmehr, ich könnte es und kann es doch nicht. Zuviel beschäftigt mich der Bau.

Die Macht des Konjunktivs regiert diese zwei Sätze wie Kafkas gesamte Geschichte von jenem unterirdischen Bau, in dessen Tiefen sein ruheloser Bewohner unablässig weiterbauend Sicherheit sucht, aber nur Unsicherheit findet. Zwar behauptet er, dass er um die Endlichkeit alles Daseins wisse und mithin bereit sei, dereinst, des Lebens müde, friedlich und gelassen einer letzten „Einladung“ zu folgen. Aber dann regt sich in ihm eben doch zugleich die verstörende Macht des Möglichkeitsmodus: „Ich könnte es und kann es doch nicht.“

Ruhe und Gelassenheit wollen sich nicht einstellen. Überall gärt in ihm das Bewusstsein der Unsicherheit, denn schließlich lebt er ja als Jäger von kleinerem Getier, kleiner, als er selbst es ist. Das aber schließt die Gefahr nicht aus, dass er, der Jäger, wohl gar zum Gejagten werden könnte, wenn es irgendwo in der Tiefe des Unbekannten Größere gäbe als ihn. In schier endlosen Tiraden wühlt sich also dieser jagende Bau-Meister in die Tiefen seiner Angst hinein, schafft immer neue Gänge, baut immer neue Sicherungen gegen diese Angst und spürt doch dann plötzlich ein unbekanntes, unheimliches, drohendes Zischen von irgendwoher, dessen er nicht Herr werden kann. Der Schluss von Kafkas Geschichte ist nicht überliefert.

Die geheimen Tunnel zwischen Hoffnung und Angst

Kafka hat gern mit seinen Freunden über das von ihm Geschriebene gelacht, wenn er es vorlas, und wahrscheinlich hätte er auch sein Vergnügen gehabt, wenn ihm jene irrwitzigen, von Staatssicherheitsdiensten ersonnenen Systeme bekannt geworden wären, in denen vor lauter Spitzeln kaum noch jemand zum Bespitzeln übrigblieb - bis ein Zischen der Weltgeschichte die Staatssicherer samt ihrer Angst vor dem Klassenfeind, der angeblich niemals schläft, hinwegblies. Vielleicht druckte man dort auch Kafkas Schriften deshalb erst gar nicht.

Aber weder war das nur zum Lachen, noch hat sich die Macht des Konjunktivs inzwischen aufgelöst. Vielmehr rühren diese Sätze aus Kafkas letzter Erzählung an Fundamente menschlicher Existenz, an die Fähigkeit, zu denken, zu planen und mithin zu hoffen. Aber gleich zeitig lassen sie auch ahnen, dass die geheimen Tunnel zwischen dem Prinzip Hoffnung und dem Prinzip Angst weiter bestehen.

Der Germanist Gerhard Schulz, Jahrgang 1928, veröffentlichte zuletzt „Kleist. Eine Biographie“.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFranz Kafka