Kafkas Sätze (46)

Den eigenen Worten lauschen

Von Hans-Gerd Koch
 - 15:29

So hoch!

In einem Brief an Felice Bauer bekennt Kafka, dass er „höllisch gern“ vorliest, und das Bild des leisen, zurückhaltenden Autors gerät ins Wanken, wenn es dort weiter heißt, „in vorbereitete und aufmerksame Ohren der Zuhörer zu brüllen, tut dem armen Herzen so wohl“. Das laute Lesen als Mittel zur Qualitätsprüfung hat er von seinem Vorbild Flaubert übernommen. Für Kafka mussten die gewählten Worte in der Lage sein, jene Bilder zu evozieren, die ihm bei der Niederschrift vor Augen standen, und der Klang musste das Seine beisteuern, die gewünschte Wirkung zu erzielen. Er schrieb nach dem Gehör, und hatte das Geschriebene seiner eigenen Prüfung standgehalten, wurde es anderen vorgetragen: den Schwestern, den Freunden.

Ein Satz zum Verirren

In seinem als „Fragment“ veröffentlichten Kapitel „Der Heizer“ aus dem Roman „Der Verschollene“ führt Kafka vor, wie er durch eine Symbiose von Inhalt und Form, Aussage und Klang Wirkung erzielt. Der Anblick der Freiheitsstatue bei der Einfahrt nach New York entlockt dem auf Deck stehenden jungen Karl Roßmann ein staunendes: „So hoch!“ Laut gelesen, hebt man beim „hoch“ unwillkürlich die Stimme, und die Vorstellung eines den Kopf in den Nacken legenden Roßmann stellt sich ein. Nur wenige Sätze weiter, gerade angekommen, entdeckt Roßmann, dass er seinen Regenschirm vergessen hat, und steigt wieder ins Schiff hinab. Es folgt ein Satz, so verschachtelt wie die Gänge im Rumpf: „Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und mußte sich seinen Weg durch eine Unzahl kleiner Räume, über kurze Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore, durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte.“ Was für ein Satz! Schon die stille Lektüre hat es in sich, aber wer versucht, ihn laut und richtig betont vorzulesen, gerät in Gefahr, sich wie Roßmann zu verirren. Aber es lohnt sich: Wer sich vom Zwang des lautlosen Lesens befreit, das ohnehin erst mit der Mietskaserne Mode geworden ist, und Kafka laut liest, kann staunend vertraute Sätze neu entdecken.

Hans-Gerd Koch, Jahrgang 1954, ist Mitherausgeber der Werke Kafkas und Programmleiter des Patmos Hörbuchverlags.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite