Kafkas Sätze (47)

Die Sehnsucht des Trapezkünstler

Von Gerhard Neumann
 - 12:41

Man kann eben zweierlei zugleich sein: eines Freundes guter Traum und das eigene böse Wachsein.

Etwa zwei Jahre vor seinem Tod schreibt Franz Kafka einen Brief an Hans Mardersteig, den Mitarbeiter des Kurt Wolff Verlags, Leiter der edlen Offizina Bodoni und Herausgeber der Zeitschrift „Genius“. Für den „Genius“ hatte Mardersteig Kafka um einen Beitrag gebeten, und dieser hatte zugesagt, unter zweifelndem Vorbehalt, wie meist. „Zerreißen Sie ruhig das Manuskript“, schreibt Kafka, sollte es Mardersteig nicht zusagen – „ich brauche es nicht“. Der Text, den Kafka dem „Genius“ anvertrauen will, ist die wundervolle Erzählung „Erstes Leid“.

Sie berichtet von einem Trapezkünstler, der sein ganzes Leben auf seinem Gerät, einem einzigen Trapez, verbringt. Furchen in seine Kinderstirn beginnen sich einzuzeichnen, als ihm klar wird, dass er von nun an nicht mehr nur auf einem einzigen Trapez wird turnen können. Er bedarf eines zweiten, das dem einen und bisher einzigen entgegenschwingt. Max Brod, der Freund Kafkas, hatte Mardersteig gegenüber den Text gelobt – aber Kafka wehrt ab.

Das Kafkaeske

„Alles was ich ihm vorlese“, schreibt er über Max Brod, „erzähle ich in den schönen Traum hinein, den er von mir träumt und es wird gleich alles traumhaft erhöht.“ Und Kafka schließt den Brief mit jenem Satz, der Gegenstand dieser Zeilen ist. Dieser Satz spricht über beides, über die kleine Geschichte vom Trapezkünstler und über den Freund, der sie liest und der sie lobt. Er spricht über eine Situation, die in Kafkas Schreiben und Leben dominiert wie keine andere.

Es ist die Kommunikationsaporie des Jahrhunderts, dem man Kafkas Namen verliehen hat, des ‚Kafkaesken‘: das Insistieren auf der großen Einsamkeit und zugleich die Sehnsucht nach jenem Zweiten, das uns entgegenschwingt, in genauem Takt, und das man sich erträumt, wie der „in die fernste Ferne geflüchtete Untertan“ sich die Botschaft des Kaisers von China erträumt – in der Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“. Es ist in diesem Satz eingeschlossen das schönste Lob der lebenserhaltenden Freundschaft, das hier dem Verleger als ein Urteil über die Dichtung, die er publiziert, anvertraut wird. Ein Lebenswort und ein Wort über die Literatur zugleich, das der Künstler spricht und, was mehr ist, der Freund. „Le discours amoureux“, schreibt Roland Barthes in seinem Essay über die Liebe, „est aujourd’hui d’une extrême solitude.“

Der Germanist und Romanist Gerhard Neumann, Jahrgang 1934, ist einer der Herausgeber der Kritischen Ausgabe der Werke Kafkas im S. Fischer Verlag.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFranz Kafka